Ukraine-Krieg: Kiew unter Beschuss - EU-Sanktionen gegen Russland

Nach Schätzung der Vereinten Nationen sind inzwischen bereits 100.000 Menschen auf der Flucht.

Kiew: Natali Sewriukowa reagiert neben einem Haus, das bei einem Raketenangriff zerstört wurde. Russische Truppen haben am Donnerstag, 24.02.2022, den erwarteten Angriff auf die Ukraine gestartet.

Kiew: Natali Sewriukowa reagiert neben einem Haus, das bei einem Raketenangriff zerstört wurde. Russische Truppen haben am Donnerstag, 24.02.2022, den erwarteten Angriff auf die Ukraine gestartet. / Emilio Morenatti/AP/dpa

Verena Schmitt-Roschmann, dpa

Nach dem russischen Einmarsch in die Ukraine gerät zunehmend die Hauptstadt Kiew in Bedrängnis. "Schreckliche russische Raketenangriffe auf Kiew", schrieb Außenminister Dmytro Kuleba am Freitag auf Twitter. Nach Schätzung der Vereinten Nationen sind inzwischen bereits 100.000 Menschen auf der Flucht. Die Europäische Union und die USA belegten Russland mit weitreichenden Sanktionen, zogen aber noch nicht das gesamte Register. Ein Telefonat von Frankreichs Präsident Emmanuel Macron mit Kremlchef Wladimir Putin brachte zunächst nichts.

Putin hatte am Donnerstagmorgen nach monatelangem Truppenaufmarsch an den Grenzen eine großangelegte Offensive gegen das Nachbarland gestartet. Während russische Panzer auf das Territorium der ehemaligen Sowjetrepublik vorstießen, gab es Luftangriffe im ganzen Land. In Kiew flüchteten die Menschen in Luftschutzbunker. Bundeskanzler Olaf Scholz sprach von einem eklatanten Bruch des Völkerrechts. Der gesamte Westen reagierte geschockt. In Deutschland begann eine Debatte um eine Stärkung der Bundeswehr.

Die genaue militärische Lage in der Ukraine blieb undurchsichtig. Präsident Wolodymyr Selenskyj sagte in der Nacht in einer Videobotschaft, die ukrainische Armee habe am ersten Tag der russischen Invasion 137 Soldaten verloren, 316 Soldaten seien verletzt worden. Russland habe das gesamte Gebiet der Ukraine angegriffen.

In der Nacht zum Freitag gab es immer wieder Hinweise auf den Beschuss Kiews. Bürgermeister Vitali Klitschko veröffentlichte im Netzwerk Telegram ein Video, das Brände in mehreren Etagen eines Gebäudes zeigte. Die Stadtverwaltung meldete drei Verletzte, einer davon in Lebensgefahr. Ukrainische Kräfte hätten einen russischen Flugapparat abgeschossen, schrieb ein Berater des Innenministers.

Nach Angaben des ukrainischen Generalstabs lieferten sich dessen Truppen in der Nähe der Hauptstadt heftige Gefechte mit russischen Kräften, die mit gepanzerten Fahrzeugen vorrückten. In Kiew heulten erneut die Sirenen, wie ein Korrespondent der Deutschen Presse-Agentur berichtete. Die U-Bahn-Stationen der Hauptstadt mit etwa 2,8 Millionen Einwohnern dienten als Schutzräume. Angriffe wurden auch aus anderen Landesteilen gemeldet, auch aus dem Süden.

Schwere Verluste

Nach ukrainischen Angaben erlitten die russischen Truppen ihrerseits schwere Verluste. Das Verteidigungsministerium in Kiew sprach von 30 zerstörten russischen Panzern, 130 Panzerfahrzeugen, 7 Flugzeugen und 6 Hubschraubern. Etwa 800 russische Soldaten seien getötet worden. Die Angaben ließen sich nicht unabhängig überprüfen. Die russische Seite äußerte sich dazu nicht.

Präsident Selenskyj mutmaßte, dass der russische Angriff dazu dienen soll, ihn zu stürzen. «Nach unseren Informationen hat mich der Feind zum Ziel Nr. 1 erklärt, meine Familie zum Ziel Nr. 2», sagte er - eine Einschätzung, die die US-Regierung teilt. Schon am späten Donnerstagabend hatte Selenskyj eine allgemeine Mobilmachung angeordnet, die für 90 Tage gelten soll und die Einberufung von Wehrpflichtigen und Reservisten vorsieht. Wie viele Männer betroffen sein werden, sagte der 44-Jährige nicht.

Energie, Finanzen und Transport

Bei einem Krisengipfel in Brüssel suchten Bundeskanzler Scholz und die übrigen EU-Staats- und Regierungschefs eine starke Antwort auf den russischen Angriff. Sie vereinbarten Strafmaßnahmen mit Blick auf Energie, Finanzen und Transport. Zudem soll es Exportkontrollen für bestimmte Produkte sowie Einschränkungen bei der Visavergabe geben. Selenskyj wurde nach Brüssel zugeschaltet.

EU-Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen betonte danach: "Unsere Einigkeit ist unsere Stärke." Ganz einig waren sich die Staats- und Regierungschefs aber nicht: Mehrere forderten noch härtere Strafen, auch mit Blick auf das Banken-Kommunikationsnetzwerk Swift. Ein Swift-Ausschluss hätte zur Folge, dass russische Finanzinstitute quasi vom globalen Finanzsystem ausgeschlossen würden.

Scholz wandte sich jedoch dagegen, dieses Sanktionsinstrument jetzt schon einzusetzen. Manches müsse man sich "aufbehalten für eine Situation, wo das notwendig ist, auch noch andere Dinge zu tun", sagte der SPD-Politiker. US-Präsident Joe Biden kündigte ebenfalls Sanktionen an, auch gegen große russische Banken. Zudem will er strikte Exportkontrollen für den Technologiesektor und weitere Strafmaßnahmen gegen die russische Elite. «Putin ist der Aggressor», sagte Biden im Weißen Haus.

7.000 Truppen nach Deutschland

Die Vereinigten Staaten verlegen zudem 7.000 weitere Soldaten nach Europa, die zunächst in Deutschland stationiert werden und die Verteidigung der Nato-Partner stärken sollen. Nach Informationen des «Spiegel» will auch Deutschland dem Bündnis weitere Unterstützung anbieten. Die Staats- und Regierungschefs der Nato-Staaten schalten sich an diesem Freitag zu einer Sondersitzung zusammen.

Der Westen hatte mit Verhandlungen und der Drohung harter Sanktionen versucht, einen russischen Einmarsch abzuwenden - letztlich vergeblich. Nach Beginn der Offensive sprach Macron als erster westlicher Politiker direkt mit Putin. Der französische Präsident nannte das Gespräch «offen, direkt und kurz». Er habe Putin aufgefordert, die Kämpfe so rasch wie möglich zu beenden. Doch dies habe keine Wirkung gezeigt. Macron sprach sich dafür aus, den Gesprächsfaden dennoch nicht ganz abreißen zu lassen.

In der Ostukraine kämpfen seit 2014 prorussische Separatisten gegen ukrainische Regierungstruppen. Anfang der Woche hatte Putin die selbst ernannten Volksrepubliken der Donezk und Luhansk als unabhängige Staaten anerkannt. Das war der Beginn der jüngsten Eskalation.

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