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Mallorca Zeitung

So bewertet die Enkelin von Nikita Chruschtschow auf Mallorca den Angriffskrieg von Putin in der Ukraine

Ihr Urgroßvater regierte einst die Sowjetunion. In den USA gilt die Politologin Nina Chruschtschowa als eine derjenigen, die am ehesten interpretieren kann, was in Putins Kopf vorgeht. Am Freitag ist sie auf dem Wirtschaftsforum zu Gast

Kritisiert Reaktion des Westens auf Putins Angriff: Nina Chruschtschowa. Veranstalter

Die russisch-amerikanische Politologin Nina Chruschtschowa ist Expertin für jüngste russische Geschichte. Die Urenkelin des ehemaligen Ministerpräsidenten der Sowjetunion Nikita Chruschtschow – Stalins Nachfolger – wuchs in Moskau auf, studierte dort Russisch und promovierte später in Komparatistik an der Princeton University in New Jersey. Nun ist sie Professorin für Internationale Politik an der New School in New York. Am Freitag (10.6.) sprach sie beim Wirtschaftsforum Neu Denken. Der MZ gab sie vorab ein Interview.

Haben Sie am Tag der Abschlussfeier der Olympischen Winterspiele in Peking, am Sonntag den 20. Februar, damit gerechnet, dass Russland vier Tage später in die Ukraine einmarschieren würde?

Ich habe nicht damit gerechnet, obwohl es Gerüchte gab, dass es am 22. Februar geschehen könnte – teils, weil entsprechende Informationen der US-Geheimdienste durchsickerten, und teils, weil es das Ende der Olympischen Spiele war und Putin wohl dazu neigt, Militäroperationen in solchen Momenten zu beginnen. Es gab auch ein paar Anhänger von Verschwörungstheorien, die meinten, der 22.02.2022 müsse eine Art Weltuntergangszahl sein. Aber das erschien mir alles so irrational, dass ich nicht glaubte, dass Putin, der zuvor ein wenig Pragmatismus gezeigt hatte, darauf hereinfallen würde. Außerdem schien dies den Interessen Russlands in jeder Hinsicht zu widersprechen. Nur ein wahrer diktatorischer Autokrat würde so einen irrationalen Schritt tun. Aber ich denke, in den letzten zwei bis vier Jahren hat er sich in genau das verwandelt: in einen diktatorischen Autokraten.

Der Westen reagierte geschlossener als erwartet. Eine Überraschung für den Kreml?

Vielleicht. Aber Putin lebt ohnehin mit der Vorstellung, dass der Westen Russland gegenüber ungerecht ist und dass die Ukraine absichtlich zu einem Anti-Russland-Land gemacht wurde, um Russland noch mehr zu schwächen. Tatsächlich helfen die – meiner Meinung nach eher verantwortungslosen – Forderungen des Westens, Russland zu schwächen und zu zerschlagen, Putin nur dabei, die Menschen hinter sich zu scharen. Letztlich wird das Kreml-Argument, Russland sei eine „belagerte Festung“, bestätigt – besonders mit all den „Cancel Russia“-Initiativen und Kultur-Boykotten im Westen. Die Propaganda des Kremls nutzt das erfolgreich aus.

Was, wenn Trump gerade Präsident wäre?

Trump hat Selenskyj oder die Ukraine nicht unterstützt, und deshalb würde Selenskyj Trump wohl nicht so nachdrücklich darum bitten, dabei zu helfen, Russland zu besiegen oder die mögliche Rückeroberung von Gebieten zu unterstützen. In der Regierung Biden gibt es eine Menge Leute, die sich den Untergang Russlands wünschen.

Wie gut ist Putin über die Lage informiert?

Ich glaube, Putin war vor der „Operation“ falsch über die Lage vor Ort informiert, weil niemand glaubte, dass er sie durchführen würde. Auch sein Militär war ziemlich im Unklaren darüber, was genau diese „Spezialoperation“ beinhalten sollte. Ich glaube nicht, dass er nach Beginn der Operation falsch informiert war. Ich weiß mit Sicherheit, dass das russische Oberkommando die Truppen aufgefordert hat, die Kriegsregeln zu befolgen. Aber die Truppen rotieren, einige sind besser als andere, einige sind brutaler als andere.

War der Einmarsch seit Jahren vorbereitet?

Ich weiß nicht, ob Putin den Krieg geplant hat, aber er hat erwartet, dass er das Minsker Abkommen umsetzen könnte, was Russland die Kontrolle über die Ostukraine ermöglicht hätte. Aber vielleicht wollte er den Krieg schon seit einiger Zeit, denn er wollte ja Neurussland [die sogenannten Volksrepubliken Lugansk und Donezk, Anmerkung der Red.], das er jetzt fast hat.

Putin besteht darauf, dass dies alles eine Antwort auf die westliche Aggression ist. Propaganda oder realistische Angst?

Beides.

Sie sagten einmal in einem Interview, Russland neige dazu, die Dinge zu übertreiben. Gilt das auch für die Invasion in der Ukraine?

Sie ist das bislang krasseste Beispiel dafür. Er hätte den Krieg oder die Spezialoperation, wie sie es nennen, nicht beginnen müssen, um zu bekommen, was er wollte, weder in Bezug auf die Ostukraine noch in Bezug auf die NATO.

Westliche Medien sprechen oft von „Putins Krieg“. Ist das wirklich eine Privatsache?

Es ist Putins Krieg, niemand sonst von den Mächtigen hatte ein Interesse daran. Aber es ist Russlands Krieg, weil nur wenige den Widerspruch gewagt haben. Das wird man nun unmöglich trennen können.

Wenn jemand im Land in der Lage ist, Putin zu stoppen, wer wäre das?

Es gibt eine Opposition, aber die Zivilgesellschaft ist im vergangenen Jahrzehnt geschwächt worden. Es war ein großer Fehler des Westens, zu glauben, dass die Oligarchen etwas ausrichten könnten. Sie sind von den KGB-Leuten verdrängt worden, die Putin in den vergangenen 20 Jahren in Machtpositionen gebracht hat. Nawalny sitzt im Gefängnis, und was die jungen Leute angeht: Je mehr der Westen wahllos alle Russen für Putin bestraft, desto mehr müssten sie den Putinismus für sich selbst rechtfertigen. Sie müssen mit ihm leben. Massendemonstrationen sind unwahrscheinlich, weil Russland jetzt ein kompletter Polizeistaat ist. Nur Putins KGB-Freunde könnten ihn aufhalten, aber auch das ist unwahrscheinlich. Doch der Kreml ist unvorhersehbar. Die Macht in Russland scheint immer so lange unerschütterlich, bis sie plötzlich erschüttert wird.

Wo ist die russische Intelligenzija? Inwieweit gibt es trotz Zensur eine Debatte?

Viele Intellektuelle haben das Land verlassen. Viele weitere sind jedoch geblieben, und es gibt einige Youtube- und Telegram-Kanäle, die die Arbeit fortsetzen. Das gilt auch für Echo Moskwy, Russlands bekanntesten Radiosender, der im März geschlossen wurde.

Was ist in Ihren Augen das größte Missverständnis über Russland im Westen?

Dass Russland ein Dritte-Welt-Land ist, ein Feind per Definition. Die USA wollen, dass ihnen jeder gehorcht, aber Russland wird das nie tun. Es ist also ein Problem, für das es keine Lösung gibt. Russlands Beziehungen zu Europa hätten anders sein können, aber ein Großteil Europas lebt noch immer unter der Wolke des Marshall-Plans.

Während der kubanischen Raketenkrise fand Ihr Urgroßvater in direkten Gesprächen mit Kennedy eine friedliche Lösung. Würde Putin genauso reagieren wie Nikita Chruschtschow vor 60 Jahren?

Putin hat schon jetzt nicht so reagiert wie Chruschtschow 1962.

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