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Deutsche Botschafterin auf Mallorca-Besuch: "Beim Thema Gewalt gegen Frauen können wir noch viel von Spanien lernen"

Maria Margarete Gosse ist die erste Frau auf diesem Posten. Ein Gespräch über Gleichstellung, Immobilienkäufe auf Mallorca und warum sich Deutsche und Spanier so gut verstehen

Maria Margarete Gosse, Botschafterin der Bundesrepublik Deutschland in Spanien.

Maria Margarete Gosse, Botschafterin der Bundesrepublik Deutschland in Spanien. / Nele Bendgens

Ciro Krauthausen

Ciro Krauthausen

Als Botschafterin in Madrid ist Maria Margarete Gosse so etwas wie das Sprachrohr der Bundesrepublik Deutschland in Spanien. Sie ist die erste Frau auf diesem Posten. Dieser Tage infomierte sie sich auf Mallorca bei Gesprächen mit der Landesregierung, der Vereinigung Cercle d'Economia und Vertretern der deutschen Community über die Lage auf der Insel.

Wir Inselbewohner neigen dazu, uns als Mittelpunkt der Welt zu sehen. In drei Jahren ist es erst ihr zweiter Mallorca-Besuch. Was sagt das über den Stellenwert der Insel für Sie?

Das deutet erst einmal auf eine sehr dichte Agenda hin. Als Botschafterin muss ich ganz Spanien ‚bedienen‘, und auch das ist mir noch nicht gelungen. Es fehlen immer noch ein paar Regionen. In diesem Jahr habe ich Mallorca aber deutlich priorisiert. 

Was für eine Rolle spielt Mallorca im Botschaftsalltag?

Wir haben eine ganz besondere Beziehung zu dieser Insel, das ist überhaupt keine Frage. Keine Region findet so viel Interesse und Aufmersamkeit in Deutschland wie die Balearen. Die konsularischen Fragen werden hier weitgehend vom Konsulat bearbeitet, aber wir verstehen uns als ‚Team Spanien‘. Wir arbeiten eng zusammen. 

ZUR PERSON

Maria Margarete Gosse (München, 1962) ist seit August 2022 deutsche Botschafterin in Palma. Zuvor war die Juristin und Germanistin in Barcelona (1996-1999), Peking (2005-2008) und Paris (2012-2014) stationiert. Von 2018 bis 2022 leitete sie in Berlin die für sämtliche Verwaltungs- und Personalangelegenheiten zuständige Zentralabteilung im Auswärtigen Amt. In dieser Funktion koordinierte sie auch die weltweiten Corona-Maßnahmen in deutschen Auslandsvertretungen.

Viele auf der Insel fürchten, dass die Deutschen ihnen die Insel unter den Füßen wegkaufen. Was sagt die Botschafterin dazu?

Nun, wir sind Europa. Wir haben Freizügigkeit. Jeder kann in jedem Land im Rahmen der dortigen Gesetzgebung Immobilien kaufen. Damit muss man umgehen. Und das Problem von Angebot und Nachfrage auf dem Immobilienmarkt besteht ja nicht nur auf den Balearen, sondern in vielen Teilen Spaniens, ebenso in Deutschland und in Europa insgesamt. Die Immobilienpreise sind unglaublich gestiegen, das ist der Kern des Problems.

Wenn bestimmte Limits gesetzt werden, müssen sie auf jeden Fall europarechtskonform sein,

Wie damit umgehen?

Man kann das schwer verallgemeinern, die Situation in einer Großstadt ist etwas anders als etwa auf einer Insel, aber man muss dafür sorgen, dass die heimische Bevölkerung und der soziale Zusammenhalt nicht darunter leiden. Wenn bestimmte Limits gesetzt werden, müssen sie auf jeden Fall europarechtskonform sein, weil sie eine Einschränkung der Binnenmarkt-Vorgaben sowie auch der Freizügigkeit und der Niederlassungsfreiheit bedeuten. 

Sie kennen Mallorca seit den 90er-Jahren. Befremdet Sie manchmal die deutsche Parallelgesellschaft?

Meines Wissens ist das Zusammenleben sehr gut. Wir kennen die Debatte aus Deutschland – wir erwarten ja jetzt auch nicht, dass jeder, der aus dem Ausland kommt, sich in jeden deutschen Verein integriert. Wir verlangen einfach ein harmonisches Zusammenleben. Und ich denke, das ist hier der Fall. Wobei ich mir persönlich als Botschafterin natürlich wünsche, dass möglichst viele Deutsche sich Mühe geben, ein bisschen Spanisch zu lernen und mit der lokalen Bevölkerung auch in einer anderen Form zusammenfinden als nur als Konsumenten.

Sie prophezeien, dass noch mehr Deutsche kommen werden, dabei ist die Stimmung schon jetzt angespannt. Was folgt daraus?

Ja, insgesamt geht der Trend zu einem Wachstum des Tourismus, darüber ist man in Spanien ja auch nicht völlig unglücklich. Und ich vermute, dass auch der Immobilienkauf wächst, schon aus demografischen Gründen. Im Norden Europas begeben sich sehr viele Menschen in den nächsten Jahren in den Ruhestand und erfüllen sich dann den Wunsch, sich irgendwo im Süden niederzulassen. Es ist gut, wenn man in Spanien darüber nachdenkt, wie man damit umgeht. Das Problem besteht nich nur auf den Balearen, und Mallorca will sich ja auch nicht absperren.

Maria Margarete Gosse, Botschafterin der Bundesrepublik Deutschland in Spanien, im Interview mit Ciro Krauthausen (MZ)

Maria Margarete Gosse, Botschafterin der Bundesrepublik Deutschland in Spanien, im Interview mit Ciro Krauthausen (MZ) / Nele Bendgens

Ich bin als Botschafterin keine Erzieherin, aber ich wünsche mir sehr, dass jeder seinen Urlaub so genießt, dass auch alle anderen ihn genießen können.

Es ist somit ein grenzübergreifendes Problem. Muss Europa das nicht steuern?

Ich glaube nicht, dass Europa das steuern kann und sollte. Es gibt ja schon in vielen Ländern Möglichkeiten, eine gewissen Eindämmung, etwa durch Zweitwohnungssteuern. Das darf sich dabei natürlich nicht gezielt gegen Ausländer richten, das ist klar. 

Fangfrage: Ist die Insel überfüllt oder nicht?

Ich kann das nicht beurteilen. Die Insel wäre dann überfüllt, wenn die natürlichen Ressourcen nicht mehr für Bewohner und Besucher ausreichen, was etwa Flächen- und Wasserverbrauch betrifft. Ich spüre hier auf Mallorca aber eine große Verantwortung diesbezüglich.

Die Botschaft der Botschafterin an deutsche Urlauber, die sich gelegentlich daneben benehmen?

Ich bin als Botschafterin keine Erzieherin, aber ich wünsche mir sehr, dass jeder seinen Urlaub so genießt, dass auch alle anderen ihn genießen können.

Heute ist Weltfrauentag. Was kann Deutschland von Spanien lernen?

Einiges. Die Nuancen variieren, aber im Grunde gibt es hier einen breiten gesellschaftlichen und politischen Konsens, dass Gleichstellung etwas ist, was eigentlich selbstverständlich sein sollte. Besonders beeindruckend ist die Art und Weise, wie intensiv sich diese Gesellschaft mit dem Thema Gewalt gegen Frauen auseinandersetzt. Da können wir sehr viel von lernen. Spanien hat sogar eine eigene Staatsanwaltschaft, die auf dieses Thema spezialisiert ist. Auch im Parlament sind hier mehr Frauen vertreten als im Bundestag, wo es mit den Wahlen sogar noch weniger geworden sind. Das sind keine guten Zeichen.

Sie waren als Leiterin der Zentralabteilung Personalchefin im Auswärtigen Amt. Wie steht es um den Frauenanteil in der deutschen Diplomatie?

Sowohl unter Annalena Baerbock als auch unter ihrem Vorgänger haben wir uns sehr viel Mühe gegeben, den Frauenanteil zu erhöhen. In den 80er- bis 90er-Jahren waren die Einstellungsquoten an Frauen extrem niedrig. Ich war praktisch in allen Positionen meiner Laufbahn bis auf einmal die erste Frau – und wir reden von Ende des 20., Anfang des 21. Jahrhunderts. Wir sind jetzt bei nicht ganz 35 Prozent Leiterinnen von Auslandsvertretungen, also Botschafterinnen und Generalkonsulinnen. 2018 waren wir noch bei unter 25 Prozent. Das ist noch weit von der Zielmarke entfernt, die irgendwo zwischen 40 und 50 Prozent liegen sollte. Die ist in relativ kurzer Zeit aber nicht so einfach zu erreichen, denn dafür braucht es genügend Nachwuchs. Und ich will ganz offen sein: Natürlich gab es immer auch innerhalb der Organisation sehr viele interne Debatten über die Frauenpolitik.

Vielmehr als in Spanien ist Feminismus in Deutschland ja schon fast ein Triggerwort ... Man sollte nicht an Begriffen hängen, aber der Begriff feministische Außenpolitik hat deutlicher gemacht, worum es geht.

Was bleibt vom Schlagwort feministische Außenpolitik, wenn die Regierung wechselt? 

Eine frauenorientierte Außenpolitik heißt, den Blick auf die Auswirkungen zu richten, die unsere Handlungen und Entscheidungen auf Frauen haben und daraus entsprechende Konsequenzen ziehen. Das ist der Kern des Ganzen. Wenn Sie mir diese persönliche Bemerkung erlauben: Ich war immer etwas erstaunt, was für negative Reaktionen das Wort Feminismus hervorruft, obwohl es nie irgendeine gewalttätige oder gar terroristische Bewegung war, sondern es immer nur um einen friedlichen Versuch ging, Frauen in der Gesellschaft in gleichberechtigte Positionen zu bringen – und um nichts anderes. Vielmehr als in Spanien ist Feminismus in Deutschland ja schon fast ein Triggerwort ... Man sollte nicht an Begriffen hängen, aber der Begriff feministische Außenpolitik hat deutlicher gemacht, worum es geht.

Maria Margarete Gosse, Botschafterin der Bundesrepublik Deutschland in Spanien.

Maria Margarete Gosse, Botschafterin der Bundesrepublik Deutschland in Spanien. / Nele Bendgens

Sie sind Sprachrohr Deutschlands in Spanien. Welche Positionen der Bundesregierung in den vergangenen Jahren waren besonders schwer zu verteidigen? 

Generell ist die Zusammenarbeit und die Übereinstimmung zwischen Spanien und Deutschland, sehr, sehr hoch. Die Positionen, wo Spanien und Deutschland nicht so ganz beinander liegen, haben nicht zu tiefgehenderen Verwerfungen geführt. Da ist einmal der etwas unterschiedliche Blick darauf, wie viel Schulden zur Finanzierung aufgenommen werden dürfen – obwohl sich das jetzt gerade ändert. Und da ist die Haltung zum Krieg in Gaza. Hier unterstützen beide Länder die Zwei-Staaten-Lösung als einzige Möglichkeit eines dauerhaften und nachhaltigen Friedens. Wir gehen aber aus unterschiedlichen Perspektiven an diese Frage heran. 

Es gibt nicht eine Identität, wir haben alle mehrere. Und Europäer sein ist eben auch eine davon.

Die deutsche Selbstwahrnehmung war in jüngster Zeit sehr negativ. Wie haben Sie die spanische Wahrnehmung Deutschlands empfunden?

Da gibt es eine interessante Parallele. Deutschland nimmt sich in der Tat sehr viel negativer wahr als die Spanier Deutschland. Das gilt aber auch umgekehrt: Auch Spanien hat ein sehr kritisches Selbstbild, dass die Deutschen so nicht teilen – gerade jetzt nicht, wo Spanien auch wirtschaftlich wächst. Wir sind beides Länder mit einer sehr schwierigen Vergangenheit, und sie hat uns gelehrt, sehr selbstkritisch auf uns selbst zu schauen. Ich glaube, das erklärt dann letztendlich, warum sich Deutsche und Spanier gut verstehen

Europa muss zusammenrücken, heißt es allenthalben. Könnte das mittelfristig auch heißen, dass wir uns zunächst einmal als Europäer und erst danach als Spanier, Deutsche oder Mallorquiner betrachten?

Ja, die aktuelle geopolitische Entwicklung führt dazu, dass Europäer sich sehr viel stärker darauf besinnen müssen, was sie als Europäer sind. Die nationalen Identitäten, die in Europa sehr stark sind, lassen sich nicht auslöschen, das sollen sie auch nicht, aber sie werden sich dahingehend öffnen müssen, dass nicht jeder alles so bekommen kann, wie es seinem nationalen Verständnis entspricht. Das ist aber die Grundlage für Europa schlechthin. Auch der Binnenmarkt war ein Ergebnis davon.  

Keine Verwischung der nationalen Identitäten?

Es gibt nicht eine Identität, wir haben alle mehrere. Und Europäer sein ist eben auch eine davon. Ich bin als Kind nach Frankreich geschickt worden. Meine Eltern waren sehr Élysée-bewegt. In Frankreich habe ich verstanden, dass ich Deutsche bin. Dann sind meine Eltern nach USA umgezogen, und ich ging dort zur Schule. Da habe ich verstanden, dass ich Europäerin bin. Und dann habe ich auch mal in China gearbeitet, und verstanden, was der Westen bedeutet. Man lernt also immer am Kontrast – das zeigt, wie viele Identitäten man eigentlich hat.

Sie sind mit einem Andalusier verheiratet. Im Zusammenleben sind die Nationalitäten dann sowieso zweitrangig, oder?

Man lernt unheimlich viel. Vor allem, wie wenig eigentlich gesetzt ist, von dem man glaubt, dass es gesetzt sei, weil man es aus dem eigenen Background so mitbringt. Das ist nicht immer einfach, aber es ist sehr gut.

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