"Die jungen Spanier haben mehr Bock zu arbeiten als die Deutschen"
Generationenforscher Rüdiger Maas schrieb sein neuestes Buch auf Mallorca. Im Interview mit der MZ spricht er von übersättigten Deutschen und fleißigen Spaniern, erklärt, warum Tiktok für den Rechtsruck der jungen Generation mitverantwortlich ist, und empfiehlt, öfter mal einen Joghurt mit Gabel zu essen

Leopold Winkelmann
Wie ticken die jungen Leute? Warum denken sie, wie sie denken? Wie prägen uns der Zeitraum, in dem wir geboren wurden und die Zeitgeist-Einflüsse, die uns in der Jugend umgeben? Der Psychologe und Generationenforscher Rüdiger Maas (46) beschäftigt sich täglich mit diesen und ähnlichen Fragen. Er hat bereits etliche Bücher zum Thema publiziert. Das jüngste schrieb er auf Mallorca. Es heißt „Generation rechts?“ und soll im Mai erscheinen. Die MZ traf ihn zu einem Gespräch in Palma.

Rüdiger Maas (46) vor dem Redaktionsgebäude der MZ in Palma. / Leopold Winkelmann
Warum schreiben Sie Ihr Buch gerade auf Mallorca?
Im Ausland fällt mir das Schreiben leichter, vor allem in abseitigeren Ländern – da kann auch Somalia oder Afghanistan vorkommen.
Wie bitte? Somalia oder Afghanistan?
Je fremder die lokale Kultur, umso freier werde ich im Schreiben. In Ländern, in denen man nachts nicht raus kann, habe ich zudem sehr viel Zeit. Da ordnen sich meine Gedanken. So kann ich sehr gut und sehr viel schreiben.
Welches Buch haben Sie denn in Afghanistan geschrieben?
Teile von „Generation Lebensunfähig“. „Generation Arbeitsunfähig“ schrieb ich zum Beispiel im Irak.
Und Sie meinen das färbt nicht ab auf den Tonfall Ihres Buches?
Nein. Die Titel klingen vielleicht so, aber darauf habe ich keinen Einfluss. Darüber entscheidet der Verlag.
Was bringt es Ihnen, in diesen Ländern zu schreiben?
Bei einem All-inclusive-Urlaub wird man gemütlicher, das Gehirn wird träger. Ich mache das Gegenteil, reise ganz alleine, suche mir alles vor Ort zusammen. So werde ich feinfühliger, weil ich den ganzen Tag aufmerksam sein muss.
Das müssen Sie auf Mallorca nicht. Wie lief‘s?
Hier war es ruhiger. Ich habe eine Finca gemietet, relativ weit draußen. Ich stand viel im Kontakt mit meinen Mitarbeitern. Wir führten Videocalls mit Analysen durch, werteten unsere Daten aus - daher brauchte ich nicht so viel Input von außen.

Rüdiger Maas
Worum geht es in Ihrem neuen Buch?
Thema ist die Frage, warum die Kohorte, die vor vier Jahren Grün gewählt hat und eher woke war, das jetzt nicht mehr ist.
In der Schweiz sind die Menschen weniger ängstlich als in Deutschland.
Warum ist das so?
Eine große Rolle spielen Social Media. Das ist die Hauptinformationsquelle von fast zwei Dritteln der jungen Generation, auch für politische Themen - hauptsächlich TikTok. Zudem aber auch die Politik, die die Themen der jungen Menschen kaum bis gar nicht aufgreift. In Deutschland treffen die Social-Media-Videos auf eine hohe Empfänglichkeit für die Botschaften der politischen Ränder. Dies ist nicht überall gleich intensiv, zum Beispiel in der Schweiz ist dieser Wirkmechanismus weniger stark ausgeprägt.
Wie haben Sie das herausgefunden?
Wir sind auf die Straße und haben junge Leute interviewt. Wir waren überall - vor Konzerten, Tankstellen, und auch Einkaufszentren, bei Rechtsrock-Konzerten und Linksrock-Konzerten haben wir ihnen ein Mikro unter die Nase gehalten. Wir haben zugehört, ohne zu werten. Mein Team bildet politisch alles ab, von links bis rechts. Das hat den Befragten die Sicherheit gegeben, wirklich frei zu sprechen. Auf Grundlagen dessen, haben wir Fragebögen entwickelt und repräsentative Umfragen durchgeführt. Die Ergebnisse haben wir dann noch einmal in Gesprächen gegengetestet. Und das haben wir in Österreich und in der Schweiz ebenfalls gemacht.
Warum ist die Schweiz weniger anfällig hierfür?
In der Schweiz sind die Menschen weniger ängstlich als in Deutschland. Anfang des Jahres liefen viele Videos über Femizide in Deutschland. In der Schweiz betrachten sie diese Clips mit einer gewissen Skepsis, während die Deutschen sich bestätigt fühlen: "Oh Gott, das habe ich gewusst." Das meine ich mit höherer Anfälligkeit.
Viele Politiker der Mitte behaupten, sie könnten komplexe Themen nicht auf ein zwanzigsekündiges Kurzvideo herunterbrechen. Da sage ich: Doch, das geht. Wenn man wirklich für das Thema brennt.
Trotzdem stehen auch in der Schweiz mittlerweile viele junge Leute rechts, oder?
Ja, aber es gibt die Direktwahl und dadurch mehr Akzeptanz für politische Entscheidungen. Während in Deutschland auf Beschlüsse der Regierung oft emotional reagiert wird, ist die Reaktion in der Schweiz oft viel sachlicher. Die nach Rechts orientierten Schweizer sind auch bereit, einen Wehrdienst zu leisten, die Deutschen nicht.
Und warum sind die jungen Leute in Deutschland nun weiter nach rechts gerückt?
Die Algorithmen auf Social Media haben extreme Wirkung. Da war vor einem Jahr die AfD sehr stark vertreten - zwar hatten sie oft weniger Beiträge als die anderen Parteien, aber der Algorithmus hat die AfD stärker begünstigt. Die SPD hat genauso viele Videos gemacht, aber die waren nicht spannend. Und man hat gesehen, wie schnell die Linkspartei das auch geschafft hat.
Deshalb hat die Linke auch so gut bei jungen Leuten abgeschnitten?
Ja, AfD und Linke konnten die Ängste, Sorgen und Nöte kanalisieren und haben auf TikTok besser funktioniert. Viele Politiker der Mitte behaupten, sie könnten komplexe Themen nicht auf ein zwanzigsekündiges Kurzvideo herunterbrechen. Da sage ich: Doch, das geht. Wenn man wirklich für das Thema brennt.
Mit 13 oder 14 Jahren ist ein Mensch nicht darauf vorbereitet, eine Unendlichkeit zu haben.
Also: Tiktok ist das A und O?
Ja, heute besitzen 99,7% der 18-Jährigen ein Mobiltelefon, selbst bei den 14-Jährigen sind es bereits 96%. Etwa 90 Minuten täglich sehen junge Menschen im Durchschnitt auf Tiktok Videos.
Und das ist ein Problem?
Ja, weil der präfrontale Kortex bei jungen Leuten noch nicht so ausgereift ist, Impulse zu unterdrücken. Die Apps verwenden Addictive Design wie zum Beispiel Infinity Scrolling oder die Like-gebenden-Verfahren. Sie haben das Potenzial für stoffungebundene Süchte und binden ihre User an die Plattformen. Mit 13 oder 14 Jahren ist ein Mensch nicht darauf vorbereitet, eine Unendlichkeit zu haben.
Heißt das, die jungen Leute werden beeinflussbarer?
Nach dem Scrollen weiß keiner mehr wirklich, was genau er auf dem Bildschirm gesehen hat, oder nur fragmentiert. Aber man fühlt sich mies, weil ein großer Teil dieser Videos sagt, wie schlecht das Land ist, dass früher alles besser war. Das prägt die Wirklichkeitswahrnehmung, selbst wenn heutzutage objektiv mehr Möglichkeiten für junge Menschen bestehen.
Die jungen Spanier sind dagegen flexibler und optimistischer als die Deutschen, haben Sie uns im Vorfeld des Gesprächs wissen lassen.
Spanien hatte lange eine hohe Jugendarbeitslosigkeit. Das heißt, dort ist ein anderer Arbeitsmarkt. Die Jungen haben einfach mehr Bock. Die Übersättigung ist noch nicht so stark.
Wir hatten mal eine Studie in Ruanda gemacht, wo wir festgestellt haben, dass dort die Jugend ganz anders ist als bei uns. Die Generation Z dort hat richtig Lust auf Arbeit, am liebsten 60 Stunden.
Also sind sie vor allem fleißiger?
Je schwieriger es auf dem Arbeitsmarkt ist, umso mehr ist der Arbeitsplatz wert. Dann bist du dankbar, gibst mehr Gas, hängst dich rein. Wir hatten mal eine Studie in Ruanda gemacht, wo wir festgestellt haben, dass dort die Jugend ganz anders ist als bei uns. Die Generation Z dort hat richtig Lust auf Arbeit, am liebsten 60 Stunden. Die wollen etwas erreichen, das Land gemeinsam positiv verändern.
In Ruanda? Auf welcher Sprache interviewen sie denn die jungen Menschen dort?
Auf Englisch und Französisch, das funktioniert.
Und in Spanien?
Auf Spanisch. In Indien befragen wir in Kooperation mit der Universität in Pune sogar auf drei verschiedenen Sprachen. Die Social Media Bespielung ist aber in vielen Ländern vergleichbar. In Indien gibt es zwar kein TikTok, aber eine hohe Nutzung anderer sozialer Medien, ebenso einen Anstieg an Überprotektionierung. Immer mehr Eltern überbehüten ihre Kinder. Das sehen wir auch in Spanien.
Woran machen Sie das fest?
An Parametern wie Soziodemographie, Arbeitsmarkt, Verhalten der Eltern und Digitalisierung. Die Eltern ergooglen heute alle Unwegsamkeiten: „Was hat mein Kind um Gotteswillen am Arm oder Zeh?“ - wir sehen das in den Auswertungen der Suchanfragen.
Auch in Spanien rücken die jungen Menschen verstärkt nach Rechts. Rund 30 Prozent der 18- bis 29-Jährigen würden Vox oder die rechtsextreme SALF wählen.
Das sind schon extreme Zahlen, noch viel stärker als in Deutschland. Das muss man sich ansehen.
Die stillen Vernünftigen sind in der Mehrheit.
Viele der jungen Spanier sagen, dass sie das Gefühl haben, sich nicht frei ausdrücken zu können, solche Aussagen kennen wir auch aus Deutschland. Wie kommt es dazu?
Tatsächlich ist es ein enormer Irrtum, denn heute können wir ja so viel sagen wie noch nie und vor allem kann es jeder, dank Social Media. Und das passiert auch, allerdings gilt das eben für alle. Ein vermeintlich falsches Wort und sofort kommt der Shitstorm der anderen, die sich ebenfalls das Recht rausnehmen „frei zu sprechen“. So entsteht das paradoxe Gefühl, wir wären nicht frei in unserer Sprache.
Was lässt Sie trotzdem positiv in die Zukunft schauen, sofern Sie es denn können?
Durch Social Media entsteht das Gefühl, die Welt werde schlechter. Dem ist aber nicht so. Jetzt schlägt das Pendel nach rechts aus, es wird aber wieder kippen. Keiner, der einigermaßen gesunden Verstand hat, schreibt jeden Tag auf Social Media. Die stillen Vernünftigen sind in der Mehrheit. Nur die lauten Aktiven bestimmen die Social Media Phänomene, aber auch die Algorithmen, Bots - die sehr stark unsere Wahrnehmung beeinflussen.
Und wie kommt man da raus?
Sich trauen, das Smartphone auch mal einen Tag auszumachen. Das ist der beste Weg, um sich dem Negativity Bias zu entziehen.
Das ist nicht so einfach, wenn man eine Sucht hat.
Beim Sport oder bei Gruppenaktivitäten schaut man nicht auf sein Handy. Mein Appell an die jungen Leute ist: Macht einfach mehr solcher Dinge. Begegnet euch mehr. Die Aktion mit dem Pudding und der Gabel war so ein Effekt. Tausende von jungen Deutschen haben sich am Nachmittag im Park getroffen, um gemeinsam einen Pudding mit einer Gabel zu essen. Für viele war es das Highlight der Woche. Auch wenn das für mich als älterer Mensch eine erbärmliche Woche gewesen sein muss: Die jungen Menschen erleben eine Gemeinschaft. Jeder kann partizipieren. Sie haben Spaß. Es können Freundschaften daraus entstehen. Und man merkt, dass dieser physische Austausch so unglaublich wichtig für sie ist.
Rüdiger Maas, „Generation rechts? Zwischen Überbehütung und Existenzangst: Was unsere Jugend so anfällig für autoritäre Kräfte macht“, erscheint am 13. Mai 2026 im Goldmann Verlag, voraussichtlich 208 Seiten, 22 Euro (Hardcover), E-Book: 18,99 Euro

Das Cover des neuen Buchs von Rüdiger Maas, das voraussichtlich im Mai erscheinen wird. / Goldmann Verlag
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