"Wie war das, als Engländer Bürgermeister eines Mallorca-Dorfes zu sein, Herr Thompson?“
Richard Thompson stammt aus Südengland, ist mit einer Mallorquinerin verheiratet und hat nun drei Jahre lang die Geschicke von Sant Joan geleitet. Eine Bilanz

Richard Thompson war nun drei Jahre lang Bürgermeister von Sant Joan. / Rosa Ferriol
Richard Thompson ist wirklich auf Mallorca angekommen. Der 1970 in West Sussex südlich von London geborene Engländer war drei Jahre lang Bürgermeister von Sant Joan im Inselinneren, bevor er seinen Posten turnusmäßig an die Sozialistin Catalina Perelló abgegeben hat. Verheiratet mit einer Mallorquinerin und dazu noch Mitglied bei Més, der Partei, die sich besonders für die Sprache der Insel einsetzt, versteht es sich dann fast von selbst, dass das Interview auf mallorquí stattfindet – mit englisch rollendem R. Auch seine Aussprache von Mallorca ist very British.
Sie waren jetzt erst einmal in Urlaub. War der nach den drei Jahren dringend nötig?
Ich war in England und bin noch bis September im Urlaub, weil ich der neuen Bürgermeisterin nicht dazwischenfunken will. Wir haben die Übergabe gemacht, ich bin ja weiterhin für zwei Bereiche der Verwaltung tätig. Es waren sehr intensive Jahre, das schon. Und wir haben viel auf die Beine gestellt. Das ist ein 24-Stunden-Job. Und ja, die Pause war nötig. Im September und Oktober werde ich dann entscheiden, ob ich mich im kommenden Jahr wieder zur Wahl stelle.
Wenn Sie ernsthaft darüber nachdenken, war es wohl eine reizvolle Aufgabe.
Es war der interessanteste Job, den ich in meinem Leben bisher gemacht habe, und eine Herausforderung, die ich genossen habe. Auch die Zusammenarbeit mit meinen fünf Gemeinderäten war herausragend. Man muss ja sehen, ich habe zwar ein Gehalt als Bürgermeister, aber die Gemeinderäte haben Stunden um Stunden ehrenamtlich gearbeitet.

Richard Thompson bei seinem Amtsantritt. / Nele Bendgens
Was war Ihr größter Erfolg?
Wir haben zum Beispiel das Theater gekauft und das Wassernetz der Gemeinde verbessert. Wenn es jetzt irgendwo ein Leck gibt, müssen wir nicht mehr dem gesamten Ort das Wasser abstellen, sondern nur noch einem kleinen Gebiet. Wir haben neue Parkplätze angelegt und einen neuen Wertstoffhof. Aber wir haben auch viele Dinge gemacht, die nicht so sichtbar sind, etwa um die Zusammenarbeit der Bereiche in der Verwaltung untereinander zu verbessern oder Fortbildungen zu organisieren und Personal umzustrukturieren. Wir haben eine Person hereingeholt, die einmal die Woche kam, um die Subventionsansuchen der Gemeinde zu bearbeiten. Diese Person hat für Sant Joan insgesamt acht Millionen Euro an europäischen Fonds generiert.
Wie hat die grüne Politik von Més Eingang in die Politik gefunden?
Wir haben sehr viele Autos in Sant Joan. Deshalb haben wir einen Schulweg angelegt und wollen die Eltern ermuntern, dass sie ihre Kinder zu Fuß in die Schule schicken. Wir haben auch ein Unternehmen engagiert, das alle Bäume in Sant Joan analysieren soll. Neue Bäume sollen noch gepflanzt werden. Vor allem auch Bäume, die die Sommerhitze überleben.
Wie hat sich der Umstand, dass Sie Ausländer sind, auf die Ausübung Ihres Amtes ausgewirkt?
Ich glaube, eher die Tatsache, dass ich schon in vielen Ländern war, hat sehr geholfen – mehr als meine Nationalität. Manchmal habe ich Sachen gesehen, bei denen ich dachte, warum macht ihr das so? Es schien mir unlogisch, aber die Leute sagten: Das haben wir immer so gemacht. Ich denke, dass manchmal ein Blick von außen helfen kann.

Richard Thompson (Més per Mallorca) und Catalina Perelló teilen sich die Amtszeit auf. / DM
Gibt es dafür ein Beispiel?
Das sind Kleinigkeiten. Etwa wie Dinge organisiert werden oder wie Leute die neuen Technologien einsetzen. Ich wollte immer neue Programme nutzen und Dinge verbessern.
Sie haben in China, in Thailand, in Dänemark gelebt. Und dann werden Sie in einem kleinen Dorf auf Mallorca Bürgermeister …
Meine Frau stammt ja von hier. Und das Leben macht manchmal kuriose Dinge. Ich lebe seit zwölf Jahren hier, und jemand hatte mich gefragt, ob ich nicht in der Kommunalpolitik mitmachen will. Jetzt fühle ich mich hier zu Hause. Seit meiner Kindheit habe ich nicht mehr so lange an einem Ort gelebt.
Wie kamen Sie mit der Aufmerksamkeit der Medien am Anfang Ihrer Amtszeit klar? Sogar „The Guardian“ hat Sie interviewt.
Anfangs war ich sehr offen dafür, mit allen Medien zu sprechen, weil ich es als Chance sah, Sant Joan bekannter zu machen. Aber nach einem Monat hat meine Kommunikationsabteilung gesagt: Es reicht mit Interviews, jetzt wird gearbeitet. Danach habe ich kaum noch mit Journalisten gesprochen. Aber ich habe das Interesse der Medien ja verstanden.
Hatten Sie das Gefühl, dass die Interviews Sant Joan bekannter gemacht haben?
Nein, nicht wirklich. Sant Joan hat weiterhin kaum Tourismus. Wir haben kein Hotel, ein paar agroturismos, ein paar Restaurants, aber es ist nicht sehr touristisch. Allerdings ist Sant Joan sehr international. Bei 2.000 Einwohnern haben wir Menschen aus 40 Nationen bei uns.
Haben Sie versucht, die Ausländer im Dorf mehr mit ins Boot zu holen?
Wir haben 25 Vereine hier, an denen sind auch Ausländer beteiligt. Viele Neuankömmlinge haben auch mitgemacht.
Hat das Amt Ihren Blick auf Mallorca verändert?
Nein, das nicht. Aber ich habe es jeden Tag genossen, dass Leute zu mir gekommen sind, um mit mir zu sprechen, und ich habe unendlich viel dabei gelernt.
Abonnieren, um zu lesen
- Orkanartige' Sturmböen, 'sintflutartiger' Regen und 218.000 Blitze: So heftig war der Wetterumschwung auf Mallorca
- Mallorca-Radprofi steht vor Gewinn der Vuelta: Im Einzelzeitfahren fällt nun wohl die Entscheidung
- Unwetter erreicht Mallorca: Flugausfälle, geschlossene Parks, Notrufzentrale in Alarmbereitschaft
- Mallorca bereitet sich auf ein heftiges Unwetter vor: Fast alle Flüge sind bereits verspätet
- Unwetter zerstört Mietwagen auf Mallorca: Doch wer kommt für den Schaden auf?
- Polizeiaufgebot in Palma: In diesem Luxushotel macht Michelle Obama auf Mallorca Urlaub
- Gestolpert und ertrunken: Unwetter auf Mallorca kostet Menschenleben
- Mallorcas größter Immobilienbetrug: Verurteilter Strippenzieher nach monatelanger Flucht festgenommen
