09. April 2018
09.04.2018

Der balearische Patient

Mallorca, Ibiza, Menorca und Formentera hadern mit sich. Woher rührt das Unwohlsein? Die Diagnose eines Arztes

09.04.2018 | 01:00
José María Vicens in der Bibliothek Ramon Llull.

Sein wichtigstes Arbeitsinstrument sei der Bürostuhl, sagt José María Vicens gleich zu Beginn des Gesprächs. Internisten sind Analytiker, die sich mit dem großen Ganzen, dem Wechselspiel im menschlichen Körper befassen. Sie betrachten Blutbilder, Röntgenaufnahmen, Laborwerte und ziehen daraus ihre Schlüsse. „Du musst den ganzen Patienten, nicht nur seine Leber betrachten", habe ihn einst ein Professor der Pathologie ermahnt, erinnert sich der 59-Jährige. Den Patien­ten, seine Entwicklung, aber auch sein Umfeld und seinen Gemütszustand. Internisten sind Spezialisten für multikausale Analysen.

In den vergangenen Monaten hat sich Vicens viel mit einem Patienten beschäftigt, der Erschöpfungssymptome zeigt. Gemeinsam mit neun weiteren Mitgliedern des Wirtschaftszirkels Cercle d'Economia – darunter drei ehemalige Landesminister, Volkswirte, Statistiker, Soziologen – hat Vicens die Studie „Repensar Baleares" (Balearen neu denken) verfasst. Bei der Präsentation vor einigen Wochen stellte er sie vor, für die MZ geht er die wichtigsten Befunde noch einmal durch.

Wann ist eine moderne Region „gesund"? „Wenn sich ihre Entwicklungs- und Wohlstands-Indikatoren positiv entwickeln, wenn sie genügend finanzielle Ressourcen zur Verfügung hat und wenn ihre Bürger zufrieden sind", antwortet Vicens. Im Fall von Mallorca, Ibiza, Menorca und Formentera lässt sich trotz wieder anziehendem Wirtschaftswachstum – 3,8 Prozent im Jahr 2017 – aktuell keine dieser drei Fragen mit Ja beantworten – und schon gar nicht, wenn man Vergleiche zu anderen spanischen Regionen zieht.

Es gab mal eine Zeit, da war das anders. In den Aufbaujahren der Tourismuswirtschaft ab den 50er-Jahren schien alles nur in eine Richtung zu zeigen: nach oben. Noch Mitte der 80er-Jahre waren die Balearen gemessen am Pro-Kopf-Einkommen die reichste Region Spaniens. Für Vicens der Scheitelpunkt einer Stresskurve, wie man sie aus der Psychologie kennt: Unter Anspannung steigt die Leistungsfähigkeit zunächst steil an. Ab einem gewissen Punkt aber führt weitere Belastung jedoch nur noch zu einem immer steileren Leistungsabfall bis hin zum Burn-out. Die Balearen, gibt Vicens zu verstehen, befinden sich im unteren Drittel der Kurve. Seit 1985 sinkt das Pro-Kopf-Einkommen, 2016 rangierten die Inseln spanienweit nur noch an siebter Stelle.

Lange sei nicht deutlich gewesen, dass der Wohlstand schwindet, so Vicens. Noch weit über die Mitte der 80er-Jahre hinaus habe man der Außenwelt vermittelt: „Wir sind schön, und wir sind reich." Entsprechend viele Menschen zog es auf die Inseln, um sich im Tourismus und in der Bauwirtschaft ihren Lebensunterhalt zu verdienen. 1950 betrug der Anteil derjenigen Einwohner, die nicht auf den Inseln geboren worden waren – sowohl Festland­spanier als auch Ausländer – noch wenig mehr als 10 Prozent. Heute ist es fast die Hälfte. Anderswo in Spanien wuchs die Bevölkerung eher langsam oder schrumpfte gar, auf den Balearen zog sie kräftig an.

Vicens hat auch eine Grafik für die Zusammensetzung des Bruttoregionalprodukts bereit, also für die Summe aller produzierten Waren und Dienstleistungen. Es sind bunte Kugeln. Die größte steht für Gastgewerbe und Handel. Mit weitem Abstand folgen zwei kleinere: die öffentliche Hand und – in jüngster Zeit kräftig zulegend – die Immo­bilienwirtschaft. Alle drei zusammen machen zwei Drittel des Bruttoregionalprodukts aus. Industrie und vor allem Landwirtschaft hingegen sind kaum noch darstellbar.

Einer solchen Wirtschafts- und Bevölkerungsstruktur entspricht eine mehrheitlich schlecht entlohnte und gering qualifizierte Arbeitnehmerschaft: Kellnerinnen und Kellner, Köche und Kochgehilfen, Putzkräfte, Animateure, Verkäufer ? Kaum Arbeitsplätze schafft hingegen die Immobilienwirtschaft: „Das ist mehr ein Casino, von dem Käufer und Verkäufer, Makler, Notar und Finanzamt etwas haben – aber nicht die Gesellschaft", sagt Vicens.

Der Internist geht dazu über, weitere Lebenszeichen zu überprüfen, etwa den European Social Progress Index. Das ist eine von der EU erstellte Liste mit 50 Indikatoren, von der Lebenserwartung bis zur Wasserqualität, von der Internetversorgung bis zum Vertrauen ins Rechtssystem. Das Abschneiden wird mit grünen (überdurchschnittlich), gelben (neutral) und roten Punkten (unterdurchschnittlich) verdeutlicht. Die Balearen rangieren auf Platz 174 von 272 europäischen Regionen und schneiden bei 23 der 50 Indikatoren unterdurchschnittlich ab, insbesondere bei der Bildung. Grüne Punkte gibt es nur für geringe Luftverschmutzung und Toleranz gegenüber Homosexualität. Das hier noch viel Spielraum für eine Besserung des Patienten ist, sei offensichtlich, sagt Vicens.

Zumal an einer „genetischen" Veranlagung nichts geändert werden kann: der Insellage. Inseln sind fragiler, abhängiger, infrastrukturell schlechter erschlossen und schwerer zu erreichen als Festland-Territorien. Der in Artikel 138.1 der spanischen Verfassung festgeschriebenen Verpflichtung, diese Nachteile auszugleichen, käme der Staat nur bedingt nach: Ebenso wie bei den Ressourcen für Forschung und Bildung rangieren die Balearen auch bei den öffentlichen Ausgaben in die Grundversorgung – Gesundheit, Bildung, Soziales – seit Jahren auf den hintersten Plätzen der 17 spanischen Regionen.

Und das, obwohl etwa das Gesundheitssystem im Sommer auch für die Touristen da sein müsse. Womit Vicens dort angelangt ist, wo viele Beschreibungen des mallorquinischen Verdrusses stehen bleiben: der Belastung, die 17 Millionen Besucher für die begrenzten Ressourcen der Inseln darstellen. Das spanienweit höchste Autoaufkommen etwa stört auch Mallorquiner und Residenten, die auf der Sonnenseite der Inseln leben.

Patentrezepte jenseits von Saison­entzerrung, Finanzausgleich und Investitionen in Bildung hat auch Vicens nicht, kann er wohl auch nicht haben. Er will die Studie eher als Instrumentarium verstanden wissen, um den balearischen Patienten im Auge zu behalten. Aber ein schönes Bild hat er noch anzubieten: „Was haben die Balearen mit einem Großvater mit Gehhilfe gemeinsam?", fragt er. „Beide sind liebenswert, verwundbar, zerbrechlich, abhängig und verfügen nur über begrenzte Ressourcen."

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