16. Juli 2018
16.07.2018

Mallorcas Masterplan für Bus, Bahn und Metro: Alles außer Auto fahren

Die Linksregierung hat ein weitgehendes Konzept vorgelegt, um den öffentlichen Nahverkehr auf Mallorca bis zum Jahr 2026 zu revolutionieren. Die Pläne im Realitätscheck

16.07.2018 | 01:00
Die Linksregierung will alle Alternativen des Privat-Pkw fördern.

Den öffentlichen Nahverkehr zu fördern, ist fester Bestandteil eines jeden Wahlprogramms auf Mallorca. Weit gekommen ist damit bislang jedoch keine Landesregierung. Statistisch gesehen werden nur in zehn Prozent der Fälle öffentliche Verkehrsmittel genutzt, wenn sich jemand an einem Wochentag auf den Balearen von A nach B bewegt. Das ist gerade einmal ein Prozentpunkt mehr als im Jahr 2001. Gleichzeitig ist die Einwohnerzahl um rund zehn Prozent gestiegen, das Bruttosozialprodukt um 20 Prozent.

In absoluten Zahlen hat das Auto weiter zugelegt: Während der Anteil an allen Transfers inklusive Fußmärschen leicht auf 55 Prozent sank, nahm der Autoverkehr um 42 Prozent zu. Zum Vergleich: In ganz Spanien ging der Straßenverkehr um sechs Prozent zurück.

Die Zahlen stammen aus einem neuen Strategiepapier der balearischen Linksregierung, die nun einen neuen Anlauf unternimmt und bis zum Jahr 2026 die Alternativen zum privaten Pkw kräftig fördern will. Der Anfang Juli veröffentlichte Masterplan soll im kommenden Jahr endgültig verabschiedet werden. Er sieht Neubaustrecken für Bahn und Metro vor, aber auch neue Konzepte für Tarife, Fahrpläne oder Verkehrsführung. Aber was bedeutet das für die einzelnen Verkehrsmittel?

ZUG

So ist es
Heute nutzen 4,3 Millionen Fahrgäste jährlich die Zugstrecke, die von Palma nach Inca und von dort weiter nach Manacor und Sa Pobla führt – es ist ein Kernstück des früher weitverzweigten Eisenbahnnetzes, das in den 90ern reaktiviert und in den vergangenen Jahren modernisiert wurde. Inzwischen verkehren moderne Elektro- statt Dieselzüge ab Palma. Die Teilstrecken nach Manacor und Sa Pobla werden derzeit elektrifiziert.

So soll es werden
Die Zahl der Fahrgäste soll im Idealfall bis 2026 vervierfacht werden – mindestens aber doppelt so hoch sein wie derzeit. Die Pläne sehen vor, Mallorcas Eisenbahnnetz kräftig auszubauen. Konkret führt der Masterplan Neubauprojekte für den Inselnorden, -osten und -süden an: Angebunden werden sollen in einer ersten Phase Llucmajor, in einer zweiten Phase Sa Pobla und Alcúdia, Artà und Cala Ratjada sowie Campos und Felanitx. Die Züge sollen mit einer Spitzengeschwindigkeit von bis zu 100 Stundenkilometern verkehren und innerorts als S-Bahn fungieren, um sie leichter in das bestehende Verkehrsnetz zu integrieren.

Ist das realistisch?
Angesichts der Rückschläge der Vergangenheit sind Zweifel angebracht – eine geplante Zugstrecke nach Artà wurde schon einmal gestoppt, die bereits angelegte Trasse nach dem Regierungswechsel 2015 sogar zurückgebaut. 2019 sind Regionalwahlen – und die Finanzierung wird nicht nur von der neuen Landesregierung, sondern vor allem von der Zentralregierung in Madrid abhängen, deren politischer Couleur und der Kassenlage.

Jaume Mateu, Generaldirektor für Verkehr bei der Landesregierung, verweist gegenüber der MZ auf Finanzzusagen in Höhe von rund 300 Millionen Euro für Zugprojekte und 240 Millionen Euro für den Straßenbau, die man bei Ma­drid geltend machen und umwidmen werde – denn neue Straßen sollen nicht gebaut werden.

METRO

So ist es
Dass man mit viel Geld nicht unbedingt viel erreicht, zeigt das Beispiel Metro. Unter großem Aufwand von der Matas-Regierung (2003–2007) gebaut und nach einem Wassereinbruch sogleich grundsaniert, gilt die Strecke Palma–Balearen-Universität (UIB) als eine der am wenigsten ausgelasteten Metro-Linien in ganz Spanien. Sie ist vor allem für Studenten interessant – und die fahren größtenteils weiterhin mit dem Auto, wie der riesige Fuhrpark auf dem Campus zeigt. Während der Semesterferien im Sommer verkehrt oft stundenlang keine Metro, gezählt werden gerade einmal rund 700.000 Fahrgäste pro Jahr.

So soll es werden
Diese Zahl ließe sich laut dem Strategiepapier bis zum Jahr 2026 um mehr als 600 Prozent steigern. Die Ausschreibung einer Neubaustrecke bis zum Technologiepark Parcbit ist noch in dieser Legislaturperiode geplant. „Wir arbeiten derzeit das Bauprojekt aus", so Mateu. Mit der Verlängerung bis zum Technologiepark könnte die Metro zahlreiche ­Fahrgäste in Form der Mitarbeiter der dortigen Firmen hinzugewinnen. Eine weitere Teilstrecke soll vom Zentralbahnhof zum Krankenhaus Son Espases führen – auch das Großklinikum bietet ein großes Fahrgastpotenzial. Das Bauprojekt soll 2019 vorliegen.

Schon in diesem Jahr soll zudem die erste Phase des neuen Tarifverbunds in Kraft treten: Dann können Besitzer der Tarjeta Ciudadana in Palma ihre Chipkarte auch in der Metro nutzen, und im Bus gelöste Tickets würden auch in der Metro sowie der Eisenbahn gelten.

Ist das realistisch?
Die Pläne sind zumindest eine logische Fortführung einer bereits bestehenden Infrastruktur. Die misslungene Metro von Palma könnte so doch noch einen sinnvollen Beitrag zum öffentlichen Nahverkehr liefern. Für die Umsetzung spricht, dass das Projekt noch vor den Wahlen angegangen wird und so zumindest im Fall des Parcbit Tatsachen geschaffen werden. Diese Neubaustrecke wäre mit sieben Millionen Euro vergleichsweise günstig, die Son-Espases-Strecke mit wohl 15 Millionen Euro ebenfalls aus eigenen Mitteln bezahlbar, so Mateu. Da die Metro ein politisches Kind der Volkspartei (PP) ist, könnte die Linksregierung einen Konsens für eine langfristige Umsetzung aushandeln.

Für die technische Umsetzung des Tarifverbunds steht der Fahrplan bereits, er sieht auch die Einführung von Handytickets vor. Die Details für die finanziellen Ausgleichszahlungen zwischen den städtischen Verkehrsbetrieben (EMT) und der Eisenbahngesellschaft (SFM) werden derzeit noch ausgehandelt.


Straßenbahn

So ist es
Erinnerungen an Palmas frühere Straßenbahn, vollmundige Ankündigungen sowie eine Machbarkeitsstudie – mehr gibt es derzeit nicht in Sachen Straßenbahn auf Mallorca. Das Projekt für die Strecke Palma Zentrum–Airport–Playa de Palma wurde ein Opfer von Wirtschaftskrise und Regierungswechsel 2011. Wer hier unterwegs ist, muss zwischen Bus, Taxi oder eben Pkw wählen.

So soll es werden
Dabei könnten laut Masterplan mehr als 13 Millionen Fahrgäste jährlich die Straßenbahn nutzen. Die Rede ist von einer Trambadia, die – so der Name – Palmas Bucht für den öffentlichen Nahverkehr erschließen würde: Phase eins beinhaltet die Strecke Plaça d'Espanya–Flughafen, Phase zwei die Verlängerung bis an die Playa de Palma.

Gerade für Urlauber wäre die Trambadia eine gute Alternative, um zu ihrem Hotel oder in die Innenstadt und damit auch – für die weitere Anbindung – zu Palmas Zentralbahnhof zu kommen. Des Weiteren wären da die Arbeitnehmer an der Playa de Palma sowie Inselresidenten mit Fahrtziel Flughafen.

Ist das realistisch?
Das Projekt dürfte ein finanzieller, politischer und planerischer Kraftakt werden. Da wären nicht nur die Unwägbarkeiten der parteipolitischen Konstellationen. Die Trambadia muss auch beim Ausbau des zweiten Rings um Palma berücksichtigt werden, und angesichts nötiger Enteignungen sowie der kraftstrotzenden Lobby der Taxifahrer – sie betrachten den Airport als ihr Territorium – ist politisches Rückgrat gefragt.

Andererseits wäre die Straßenbahn ein wichtiges Puzzle-Stück im öffentlichen Nahverkehr des Einzugsgebiets Palma. Die bisherigen Angebote wie Bus und Taxi verstopfen Innenstadtring und Flughafen-Autobahn zusätzlich. Und nicht umsonst war die Straßenbahn ein zentrales Element der ehrgeizigen Modernisierungspläne für die Playa de Palma. Argumente für die erwartungsgemäß heftige öffentliche Debatte gibt es also genug.


Bus

So ist es
Neue Strecken, Nachtlinien, Kostenfreiheit für Schüler – auch wenn die Stadt Palma und die Landesregierung kleine Verbesserungen umsetzen, bleiben die großen Probleme: Die Busse von Palmas Verkehrsbetrieben (EMT) kommen in der alltäglichen Blechlawine nur langsam vorwärts, die Stadtbusse sind nichts für Eilige. Bei den Überlandbussen gibt es ein unflexibles System von 20 verschiedenen Konzessionen. Es verhindert zum Beispiel, dass das vernachlässigte Einzugsgebiet Artà besser angebunden wird oder dass auf saisonale Schwankungen der Nachfrage etwa an ­Touristenattraktionen wie Valldemossa reagiert werden kann.

Darüber hinaus gehört die EMT bislang nicht dem Verkehrskonsortium (Consorci Transports Mallorca, CTM) an – die Stadt macht ihr eigenes Ding. Während Palmas Stadtbusse jährlich von 39,9 Millionen Fahrgästen genutzt werden, sind es bei den Überlandbussen bislang nur 9,3 Millionen.

So soll es werden
Schon seit Anfang der Legislaturperiode 2015 wird im Konsortium auf einen Neustart zum kommenden Jahr hingearbeitet. Weil zum 1. Januar infolge von EU-Vorgaben die Neuvergabe aller Konzessionen für Überlandbusse ansteht, wird es umfangreiche Änderungen bei Strecken, Frequenzen, Tarifen oder Flotte geben. Nach einer umfassenden Analyse soll das Angebot dann besser an die Nachfrage angepasst und rationalisiert sowie langfristig bis zum Jahr 2026 um 50 Prozent ausgebaut werden. Der Plan: Konzessionen kombinieren lukrative Verbindungen mit weniger attraktiven Routen, Tarife sollen balearenweit vereinheitlicht werden. Die Zahl der Fahrgäste soll bei der EMT bis 2026 im besten Fall um 24 Prozent auf 67,2 Millionen steigen, bei den Überlandbussen um 18 Prozent auf elf Millionen.

Ein vollkommen neuer Ansatz sind dabei sogenannte HOV (High Occupancy Vehicle Lanes), Sonderfahrspuren für Fahrzeuge mit mehreren Insassen. Auf Spanisch heißen sie carril VAO (Vehículos de Alta Ocupación), in der öffentlichen Debatte werden sie meist auf Busfahrspuren reduziert. Insgesamt 50 Kilometer carriles VAO sollen ausgewiesen werden, ­kündigt Generaldirektor Garau an. Auf einer Karte im Masterplan ist neben Palmas Ausfallstraße Carrer Aragó die Ringautobahn sowie die Südwestroute bis Andratx markiert. Hier sollen dann nicht nur Busse schneller vorwärtskommen, sondern auch Privat-Pkw mit mindestens drei Insassen. Das Kalkül: Die Fahrtzeiten der Busse werden attraktiver gegenüber dem Privat-Pkw, Carsharing wird belohnt.

Ist das realistisch?
Durchaus. Die Reform ist auf dem Weg, es gibt eine umfassende Analyse und einen Stichtag für die Neuvergabe der Konzessionen. Die Sonderfahrspuren sind keine mallorquinische Erfindung, sondern bereits in anderen Ländern erprobt. Die Verkehrspolitik macht so Bus fahren attraktiver. Und da auch Taxifahrer auf den Spuren fahren dürfen sollen, wäre eine wichtige Lobby-Gruppe mit an Bord.

Fahrrad

So ist es
Auch wenn in den vergangenen Jahren vermehrt Fahrradwege angelegt wurden: Mallorca ist zwar ein Paradies für Radsportler, als alltägliches Fortbewegungsmittel hat das Rad aber nur geringen Stellenwert. Balearenweit werden laut Statistik nur zwei Prozent aller anfallenden Wege mit dem Fahrrad zurückgelegt. Das ist nur unwesentlich mehr als 2001, als der Anteil noch bei einem Prozent lag. Dabei sind die Radfahrer einigermaßen zufrieden mit den Bedingungen und vergaben im Rahmen einer für den Masterplan ausgeführten Umfrage 5,8 von zehn möglichen Punkten.

Nach Rückschlägen – 2011 hatten die Konservativen die Radspur auf dem Innenstadtring wieder zurückgebaut – wächst das derzeit im Stadtgebiet 84 Kilometer lange Netz an Fahrradwegen weiter. Mit Bicipalma gibt es auch ein öffentliches Verleihsystem.

Das ist geplant
Im Masterplan der Landesregierung spielt das Fahrrad eine wichtige Rolle: Sein Anteil als Transportmittel auf allen zurückgelegten Wegen soll bis zum Jahr 2026 von zwei auf neun Prozent gesteigert werden. Gefragt seien da insbesondere die Gemeinden, erklärt Generaldirektor Garau: Sie haben die Zuständigkeit für neue Verkehrskonzepte und den Bau von Fahrradwegen. Diese gelten als zentrales Argument, um mehr Menschen für das Fahrrad als Transportmittel zu begeistern.

Ist das realistisch?
Bereits jetzt ist in vielen Gemeinden etwas in Bewegung gekommen. Mallorca dürfte aber kein zweites Holland werden: Zu denken gibt, dass eine Mehrheit der Befragten nichts vom Rad wissen will, sei es wegen zu langer Strecken und aus gesundheitlichen Gründen. Viele sagen auch schlicht und einfach: Gefällt mir nicht.

Fußgänger

So ist es
Ein Drittel aller absolvierten Wege werden laut dem Strategiepapier derzeit zu Fuß zurückgelegt. Dass man so mitunter schneller vorwärts kommt als mit dem Auto, gilt vor allem in Palmas Innenstadt.

Das ist geplant
Der Anteil soll bis 2026 auf 42 Prozent steigen. Auch hier sind die Gemeinden gefragt, etwa mit der Ausweisung neuer Fußgängerzonen, Tempolimits oder mit Sicherheitskonzepten, etwa speziell für Schüler. Für Palma gibt es zudem ein weitreichendes Konzept für Park?&?Ride: Statt wie bislang bis ins Zentrum mit dem Auto zu fahren, sollen neue Parkplätze in der Peripherie entstehen, um von dort mit Bus, Rad oder zu Fuß in die Altstadt zu gelangen.

Ist das realistisch?
Park&Ride bedeutet eine Kehrtwende in der Verkehrspolitik. Die Parkhäuser im Zentrum wurden stark ausgebaut – man ist gewohnt, bis in die Innenstadt zu fahren. Der immer häufigere Verkehrskollaps auf den Zufahrtsstraßen dürfte hier aber ein Umdenken begünstigen.

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