23. Juli 2018
23.07.2018

Auf den Spuren der geraubten Kinder

Bei der Aufarbeitung dieses düsteren Kapitels der Franco-Zeit setzen die Opfer auf Mallorca ihre Hoffnung jetzt auf Justiz und Politik. Die Zeit eilt

23.07.2018 | 01:00
Suchen nach ihren Kindern, die angeblich nach der Geburt starben: Matías Juárez und Olivia Moreno (li.) sowie Catalina Rodríguez (re.).

Ihr Baby sei gestorben, bekam Olivia Moreno zu hören, als sie im Mai 1971 nach drei Tagen die Intensivstation des Krankenhauses Son Dureta in Palma verließ. Die Leiche des wenige Tage alten Mädchens bekam sie aber nicht zu Gesicht. Dem Vater des Kindes war zuvor ein Neugeborenes im Brutkasten gezeigt worden, aber „ich ahnte schon, dass es nicht dasselbe Mädchen war", so Matías Juárez heute.

Gewissheit brachte daraufhin ein Besuch des Friedhofs, auf dem das Kind angeblich bestattet sein sollte. Offiziell wurde der Mutter die Graböffnung verweigert. Aber da sie den Leichenbestatter gut kannte, wurde die Nische dennoch geöffnet. „Darin stand lediglich eine weiße Kiste mit einem Baumwollstoff und vier Steinen." Die Friedhofsverwaltung habe keinen Eintrag eines Neugeborenen im Register vorweisen können.

Die Geschichte von Olivia Moreno ist einer von bislang mehr als 60 Fällen mutmaßlichen Kindesraubs auf den Balearen, die zur Anzeige gebracht wurden. „Es kommen aber derzeit weitere hinzu", so Miguel Morro, Sprecher des Betroffenenverbands Orígenes auf den Inseln. Viele Fälle würden jedoch nie bekannt – Kinder wie auch Eltern scheuten mitunter Anzeigen, sei es, um keine Wunden aufzureißen oder auch eine mögliche Erbschaft nicht zu gefährden.

Opferverbände schätzten zuletzt die Zahl der unmittelbar nach der Geburt ihren Müttern geraubten Babys spanienweit sogar auf rund 300.000. Zur Anzeige gebracht wurden bislang knapp 2.000 Fälle. Die Dimension des Skandals der Franco-Zeit (1939–1975) und der jungen Demokratie war zum ersten Mal vor acht Jahren klar geworden, als sich die Zeitung „El País" dem Thema widmete, Mütter und Kinder mit offenen Fragen an die Öffentlichkeit gingen und sich Initiativen von Betroffenen bildeten.

Doch jetzt wächst die Wahrscheinlichkeit der Aufklärung, erst jetzt beginnt allmählich die politische und juristische Aufarbeitung – so sie denn noch möglich ist. Nachdem bislang alle Verfahren meist aus Mangel an Beweisen eingestellt worden waren, stand jetzt in Ma­drid im Juni erstmals ein Arzt wegen Kindsraub vor Gericht. Und auf Mallorca will die balearische Linksregierung auf der Basis des vor zwei Jahren verabschiedeten Gesetzes zur Vergangenheitsbewältigung die Wahrheit in möglichst vielen Fällen ans Licht bringen.

Die zuständige Kulturministerin Fanny Tur hat beim spanischen Justizministerium Zugriff auf DNA-Banken erbeten, um Ergebnisse von Untersuchungen abgleichen zu können. Da inzwischen die sozialistischen Parteigenossen in Madrid regieren, gibt es Hoffnung auf eine zügige Zusammenarbeit. Erstmals soll auf Basis des Gesetzes auch Einsicht in die Akten der öffentlichen Krankenhäuser auf Mallorca genommen werden. So auch im Fall von Son Dureta, wie das Vorgängerkrankenhaus von Son Espases hieß. In Privatkliniken dürften ohnehin keine Spuren mehr auffindbar sein.

Zunächst war der Kindsraub im frühen Franco-Regime ein weiteres Instrument der Repression. Weiblichen Gefangenen wurden ihre Babys weggenommen, um zu verhindern, dass sie von republikanisch gesinnten Familien erzogen wurden. Später ging die Kindesentziehung subtiler vonstatten. Die Opfer waren meist junge Frauen mit wenig Geld, die unverheiratet schwanger geworden waren. Nach der Geburt hieß es, das Kind sei gestorben. In Wirklichkeit wurde es meist gut situierten und regimetreuen Paaren gegeben, die keine Kinder bekommen konnten. Eine unrühmliche Rolle spielten dabei neben Ärzten und Notaren auch Nonnen, die sich dabei offenbar im moralischen Recht sahen.

Beispielhaft dafür steht María Luisa Torres, die Anfang 2013 als Erste überhaupt in dem Skandal in Madrid angeklagt wurde. Die Nonne, die die Vorwürfe abstritt und eine Aussage verweigerte, starb jedoch im Alter von 88 ­Jahren, bevor es zum Prozess kam. Die Einstellung des Verfahrens war ein Schock für alle Betroffenen – und zeigte, wie sehr die Zeit drängt.

Erst im Juni dieses Jahres gelang es, einen mutmaßlichen Schuldigen auf die Anklagebank zu bringen: Eduardo Vela, ein inzwischen 85-jähriger Arzt, soll im Fall eines Kindsraubs eine falsche Geburtsbestätigung ausgestellt haben – für eine Frau, die gar keine Kinder bekommen konnte, wie „El País" berichtet. Der Gynäkologe habe ihr das Kind 1969 „geschenkt", nachdem er ihr erklärt hatte, wie sie eine Schwangerschaft simulieren konnte, gestand die Frau. Über die leibliche Mutter sagte er, dass diese verheiratet gewesen sei und ein „Abenteuer" gehabt habe.

Anzeige gegen Vela erstattet hatte Adoptivtochter Inés Madrigal, die auf der Suche nach ihrer leiblichen Mutter ist und seit zehn Jahren auf den Prozess wartete. Die Staatsanwaltschaft fordert elf Jahre Haft für den Arzt. Madrigal erhielt aber nur zum Teil Genugtuung: Er könne sich an nichts erinnern, sagte Vela vor dem Madrider ­Oberlandesgericht aus. Der Prozess wurde ausgesetzt, nachdem der Arzt aus gesundheitlichen Gründen am letzten Prozesstag nicht erschien.

Babys für Paare auf Mallorca

Auf Mallorca waren die ersten Fälle bereits früh bekannt geworden: Die Zeitschrift „Interviú" berichtete 1977 mit dem Titel „Babyhandel auf Mallorca" erstmals über das spanienweite Thema, konkret über ein Haus bei Binissalem, wohin ungewollt schwangere Frauen gebracht wurden, einige von ihnen vom spanischen Festland. Die Kinder sollen für bis zu 500.000 Peseten (rund 3.000 Euro) verkauft worden sein.

Die heute bekannten Fälle überschreiten oft Regionengrenzen, sagt Orígenes-Sprecher Morro: So wie viele Babys aus dem Baskenland auf die Kanaren vermittelt worden seien, habe man auch zahlreiche Kleinkinder anderer Regionen nach Mallorca gebracht. „Nicht nur Mütter kamen zum Gebären hierher, es wurden auch direkt Babys an wohlhabende Familien vermittelt, die das Kind dann als ihr eigenes ausgaben." Die Entfernung sollte wohl helfen, Spuren zu verwischen. Morro, der selbst ein geraubtes Kind war und auf diese Weise auf der Insel landete, hatte sogar in Berlin nach seiner leiblichen Mutter gesucht, wo eine offenbar am Babyhandel beteiligte Tante und deren Angehörige lebten, sowie auch in Argentinien.

Die räumliche Distanz erschwert die Aufklärung, mitunter gibt es nur Indizien. Etwa wenn Adoptiveltern vor dem Babykauf ein Anwesen veräußerten, um das Geld für den Kauf zu haben. Denn genau darum sei es oft gegangen – neben den viel zitierten ideologischen Motiven. „Die Nonnen hatten wegen ihrer Aufgaben in den öffentlichen Hospitälern leichteren Zugang", so Morro, „aber auf Mallorca spielte die Kirche in vielen Fällen keine Rolle." Grund: In den Insel-Krankenhäusern seien weniger Nonnen im Dienst gewesen als in Hospitälern auf dem Festland.

Auch wenn viele Eltern die Hoffnung inzwischen aufgegeben haben, kämpft Olivia Moreno indes weiter, um doch noch eines Tages ihr Kind in die Arme zu schließen. Ihre DNA wurde inzwischen in eine Datenbank aufgenommen. Dass Anfang der 80er-Jahre ein Brand im Archiv von Son Dureta zahlreiche Patientenakten zerstörte, wird die Suche nicht erleichtern.

Lesen Sie hier weiter: Miguel Morro - "Ich weiß jetzt endlich, was geschehen ist"

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