20. August 2018
20.08.2018

Der Mallorca-Urlauber als Sündenbock?

Verstopfte Straßen, Wohnungsnot, Raubbau an den Ressourcen: Dem Massentourismus wird der Schwarze Peter für vieles zugeschoben, was auf der Insel im Argen liegt. Doch das verstellt den Blick auf die eigentlichen Probleme

20.08.2018 | 01:00
Mallorca-Urlauber an der Playa de Palma.

Aktivisten formulieren gerne provokant: „Tourismus macht frei", hieß es auf einem Transparent, das kürzlich auf einer Fußgängerbrücke an der Flughafenautobahn auftauchte. Die Auschwitz-Anspielung ist eindeutig fehl am Platz. Doch die Liste dessen, wofür Aktivisten die wichtigste Wirtschaftsbranche der Insel verantwortlich machen, ist lang: Zerstörung der Landschaft, Umweltverschmutzung, Wohnungsnot, Ausbeutung, Überfüllung, Verkehrskollaps, Wassermangel. „Der Tourismus killt Mallorca", lautet etwa der griffige Slogan der Gruppierung Arran, der die Abrechnung mit dem Urlauberandrang zusammenfasst.

Fest steht: Arran ist eine Splittergruppe, hinter den konkreten Aktionen steht meist nur eine Handvoll junger Leute. Fest steht aber auch: Die Aktionen sind öffentlichkeitswirksam, und die Argumente finden seit den Rekordzahlen der vergangenen Jahre ihren Widerhall in der öffentlichen Debatte. Steigen die Mietpreise? Die Ferienvermietung ist schuld. Wieder Stau auf der Ringautobahn? Die Mietwagen sind schuld. Ist das Zentrum von Palma überlaufen? Die Kreuzfahrtschiffe sind schuld. Versalzen Brunnen und sinken Pegelstände? Die Hotels und Golfplätze sind schuld.

„Die Aktivisten sind in erster Linie Menschen, die nicht vom Tourismus leben und den Realitätssinn verloren haben", wettert der Vorsitzende der konservativen Volkspartei auf den Balearen, Biel Company, im Gespräch mit der MZ. Er wirft dem regierenden Linksbündnis vor, die Aktionen nicht klar genug zu verurteilen und mit schlechter Planungs- und Investitionspolitik den Kritikern überhaupt erst den Boden zu bereiten. Man versuche deswegen, mit einer protouristischen Kampagne gegenzusteuern. „We love tourism" steht auf den Transparenten, die die Konservativen für weitere Aktionen bereitliegen haben.

Auch wenn es auf der Hand liegt, dass der Massentourismus mit seinen knapp 14 Millionen Urlaubern pro Jahr auf den Balearen negative Begleiterscheinungen hat, warnen Experten, dass pauschale Schuldzuweisungen und die Weitergabe des Schwarzen Peters an die Urlauber die nötige Analyse der Situation und die Suche nach Lösungen behindern. „Bei vielen unserer Probleme verengt sich der Blick einseitig auf den Tourismus", so José Luis Roses, bis vergangenen Mai Vorsitzender von Mallorcas Handelskammer. „Die Daten beweisen aber das Gegenteil."

Der Verkehr

Dass viele Probleme hausgemacht sind, wird beispielsweise im Straßenverkehr offensichtlich. Staugrund Nummer eins sind nicht die Mietwagen, sondern die Pendler. Offensichtlich ist der Beitrag der Urlauber zum Verkehrskollaps nur im Hochsommer, wenn Wolken aufziehen und viele Touristen einen Stadtbummel dem Strand vorziehen.

Statistisch gesehen habe immerhin jeder vierte Mallorca-Urlauber einen Mietwagen, so Antoni Riera, Wirtschaftswissenschaftler an der Balearen-Universität (UIB). Doch das ist wenig im Vergleich zur einheimischen Blechlawine: Da rund die Hälfte der Wirtschaftsleistung Mallorcas in Palma erbracht werde, fahren täglich Tausende Autos mit oft nur einer Person an Bord aus den Schlafgemeinden des Umlands in die Balearen-Hauptstadt. Hinzu kommt, dass die Wirtschaft wieder angezogen hat, der inselweite öffentliche Personenverkehr praktisch nur auf der Achse Palma–Inca attraktiv ist, und Ausbauprojekte wie der zweite Ring seit Jahren nicht vorwärts kommen. Mallorca hat ein Auto-Problem – mit oder ohne die Urlauber.

Der Wohnungsmarkt

Auf Palma konzentriert sich auch die Schuldfrage rund um den Mietmarkt. Gleichzeitig mit dem Boom von Portalen wie Airbnb haben die Mieten in der Balearen-Hauptstadt gewaltig angezogen, vor allem junge Einheimische finden keine bezahlbaren Wohnungen mehr. Im Zuge der Neuregelung der Ferienvermietung auf den Balearen setzt die Stadtverwaltung auf Verbote und Restriktionen. Begründet wird das in Palmas Rathaus in erster Linie mit der sich verschärfenden Wohnungsnot. Unternehmer Roses dagegen bezweifelt, dass daran vor allem die Urlauber schuld sind. Stattdessen verweist er auf die Wirtschafts- und Bevölkerungsentwicklung, der die Politik nicht Rechnung trage. Das Leben in der Balearen-Hauptstadt habe massiv an Attraktivität gewonnen, „vor 15 Jahren wollte niemand in der Innenstadt von Palma leben". Gleichzeitig werde kaum neuer Wohnraum geschaffen, auch im sozialen Wohnungsbau habe sich fast nichts getan.

Die Bevölkerung

Es sind nicht nur die Urlauber, die nach Mallorca strömen, sondern zahlreiche Neu-Residenten, die auf der Sonneninsel leben und arbeiten wollen. Und diese Zahl ist massiv gestiegen. So wuchs die Bevölkerung in den vergangenen 20 Jahren um fast 50 Prozent. Was das bedeutet, führt der Cercle d'Economia de Mallorca mit einem bildlichen Vergleich vor Augen: Allein die 300.000 Neu-Insulaner der vergangenen 15 Jahre entsprechen fünf weiteren Balearen-Inseln – dreimal Menorca, einmal Ibiza und einmal Formentera.

„Unser Bevölkerungswachstum ist nicht organisch", gibt Roses zu bedenken. Und auf diese Entwicklung habe die Politik nicht angemessen reagiert, was sich unter anderem in der Wohnsituation widerspiegele. Kein Wunder, dass bezahlbare Wohnungen knapp und teuer seien – zumal die Baubranche eine Gesetzgebung kritisiert, die den Bau von kleineren, bezahlbaren Objekten sehr schwierig mache.

Dass den Urlaubern nicht so einfach der Schwarze Peter zugeschoben werden kann, zeigt sich auch darin, dass die Mieten weiter ansteigen – trotz der inzwischen beschlossenen Restriktionen bei der Ferienvermietung und der Fucht vor Inspektionen durch das Tourismusministerium. „Dieses Problem muss man durch Management statt durch Verbote angehen", fordert Company – eine Verteufelung der Ferienvermietung behebe die Wohnungsnot nicht.

Also mehr Wohnungen bauen, und das Problem verschwindet? Die Situation ist komplexer, sagt Riera – angesichts der stabilen hohen Nachfrage würden die Preise auch bei einem verstärkten Wohnungsbau kaum sinken. Der Wirtschaftswissenschaftler hat ohnehin einen etwas anderen Blick auf das Phänomen der Ferienvermietung. Da die Balearen-Wirtschaft wenig diversifizert ist, hätten viele Menschen nach wie vor einfache Dienstleistungsjobs mit einem geringen Gehaltsniveau. „Und da ist die Vermietung an Urlauber ein lukrativer und willkommener Nebenverdienst", so Riera. Nach dieser Lesart wären die Urlauber nicht die Schuldigen, sondern befriedigten vielmehr die Nachfrage nach einem Zusatzeinkommen, das die Mängel des balearischen Wirtschaftsmodells ausgleicht.

Die Infrastruktur

Die Urlauber mögen schuld sein am Phänomen der estacionalidad, den vielbeschworenen saiso­nalen Schwankungen, mit denen die Infrastruktur Mallorcas klarkommen muss. Wenig zu tun haben sie allerdings mit dem Investitionsdefizit der öffentlichen Hand. Die Infrastruktur habe schlichtweg mit dem immensen Bevölkerungswachstum nicht Schritt gehalten, so Roses. Den Balearen gelang es nicht, mehr Mittel aus der Regionenfinanzierung zu erhalten und so Kläranlagen und sonstige Einrichtungen im nötigen Tempo zu modernisieren. Mitunter wurden Investitionen auch nicht rechtzeitig in Angriff genommen. Konkretes Beispiel: Auch in der Nebensaison kommt Palmas Kanalisation nicht mit starken Regenfällen klar und spült den Inhalt der WC-Schüsseln ins Meer, weil die Kläranlagen überfordert sind.

Die Ressourcen

Besonders im Bereich der Nutzung der natürlichen Ressourcen stehen die Urlauber am Pranger. Mit der Hochsaison im August schnellt der Wasserverbrauch auf Mallorca in die Höhe, die Kraftwerke laufen am Limit, die Müllverbrennungsanlage bekommt reichlich Brennstoff. Aus ökologischer Perspektive geht jedoch die Frage nach der Schuld am Thema vorbei – schließlich ist nicht wichtig, wer Ressourcen vergeudet, sondern wie dies vermieden werden kann. Weder Urlauber, noch Residenten sollten auf Energie angewiesen sein, die aus dem Kohlekraftwerk kommt. Die schlechte Fassadenisolierung von Hotels wie auch von Privatwohnungen hat Folgen fürs Klima. Nicht nur die Hotelpools verbrauchen viel Wasser, auch die privaten Schwimmbecken. Und hätte man die Lecks im Leitungsnetz, durch die bis zuletzt knapp ein Fünftel des Trinkwassers ­versickerte, schon früher angegangen, wäre die letzte Trockenheit im Sommer 2016 glimpflicher verlaufen.

Vor diesem Hintergrund kann die Balearen-Regierung zwar einerseits gut argumentieren, dass sich auch Urlauber über die Touristensteuer an Nachhaltigkeitsprojekten beteiligen und finanziell dazu beitragen, die Infrastruktur nachzurüsten – nicht um den Schaden auszugleichen, den sie angerichtet haben, sondern um ihren Teil der Verantwortung zu tragen. Andererseits befreien diese Einnahmen die Landesregierung nicht davon, die Infrastruktur langfristig zu planen und die nötigen Mittel aufzutun. „Die Balearen kommen bei der Finanzierung durch die Zentralregierung zu kurz, wir sind spanienweit Schlusslicht", kritisiert Roses. „Das liegt auch daran, dass wir nicht ausreichend definieren, welche Infrastruktur wir brauchen."

Die Kreuzfahrtschiffe

Und es fehlt nicht nur an Definitionen, es fehlt auch an Daten. Als Beispiel nennt Riera den Kreuzfahrttourismus, „über ihn wird viel diskutiert, wir wissen aber kaum etwas". Etwas Licht ins Dunkel brachte kürzlich eine von der Balearen-Universität ausgeführte Studie, die trotz weiterhin offener Fragen nahelegt, dass der reguläre Fährverkehr zumindest in Palmas Hafen die Luft sehr viel stärker verschmutzt als die Kreuzfahrtschiffe.

Zudem: So sehr das Bild von einem halben Dutzend großen Pötten beeindruckt, so wenig spiegelt es den Ansturm der Landausflügler auf Palmas Innenstadt wider. Unternehmer Roses macht eine Beispielrechnung auf. Wenn an einem Spitzentag 12.000 Passagiere gezählt würden, entfalle ein Viertel auf Schiffe, die in Palma ihren Basishafen haben – also hier ihre Reise starten oder beenden. Weitere Kreuzfahrer blieben an Bord, wieder andere unternähmen Ausflüge zu den Höhlen oder nach Valldemossa. Bei guter Organisation verliefen sich die restlichen Passagiere auf Landausflug in einer Metropole wie Palma.

Die Überfüllung

Kreuzfahrer hin oder her – es wächst die Kritik an den Menschenmassen, die der Tourismus Mallorca beschert und die eine Insel als fragiles Territorium nur schwer aushalte: Urlauberströme in Palmas Zentrum, volle Strände, überlaufene Bergdörfer. 13.790.968 ausländische Touristen auf den Balearen im vergangenen Jahr stehen einer offiziellen Einwohnerzahl von 1.115.999 gegenüber, heißt es oft. Aussagekräftiger ist aber ein Index , der die tägliche Zahl der Personen misst, die sich gerade auf den Inseln aufhalten. Das waren im Schnitt 1,5 Millionen – wobei die Zahl zwischen 1,1 Millionen im Dezember und 2 Millionen im August schwankt.

Das Problem sei weniger die Zahl der Urlauber, sondern ihre mitunter schlechte Verteilung, argumentiert Roses, der von einem Flaschenhals-Effekt spricht. Die Urlauber ballten sich zu bestimmten Zeiten an bestimmten Stellen und erzeugten das Gefühl von Überfüllung. Das passiert auf den Zufahrtsstraßen nach Palma genauso wie zum Naturstrand Es Trenc ­– Probleme, die sich durch eine bessere Organisation und Infrastruktur lösen ließen.

Was wäre auch die Alternative – ein Einreiseverbot für Urlauber? Dass Mallorca nicht mehr Touristen will, sondern Modelle sucht, bei denen die Einnahmen über Klasse statt Masse fließen und so die Begleiterscheinungen des Massentourismus eingedämmt werden, darin sind sich die Experten einig – aber der Weg dorthin ist steinig. Beispiel Übernachtungsgewerbe: Erst ein Fünftel der Hotels könne derzeit über ihr Angebot statt über den Preis konkurrieren, gibt der Ökonom Riera zu bedenken. Bei den anderen vier Fünfteln zähle weiterhin die Masse.

Es sei Kreativität gefragt, um das Wirtschaftsmodell weiterzuentwickeln und Branchen zu etablieren, die auf dem Urlaubergeschäft basierten, aber mehr Wertschöpfung ermöglichten – im Bereich der Informationstechnologie, der Umwelttechnologie oder der Tourismusausbildung. Kreativität sei wichtiger als die Suche nach dem Sündenbocks, so Riera. Oder anders gesagt: „Schuld sind wir alle."

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