24. September 2018
24.09.2018

Organe spenden wie auf Mallorca

Bundesgesundheitsminister Jens Spahn will ein System wie in Spanien. Im Krankenhaus Son Espases in Palma hat man damit Routine

24.09.2018 | 01:00
Organe spenden wie auf Mallorca

In Deutschland tobt die Diskussion um die Organspende, seit Gesundheitsminister Jens Spahn vorgeschlagen hat, dass jeder zum
Organspender wird, der nicht aktiv widerspricht. Also die Umkehrung des bisherigen Prinzips, dass nur der zum Spender wird, der einen Organspendeausweis hat. Spahn hofft so, die Zahl der Organspenden zu erhöhen.

Spanien hat schon jahrelange Erfahrung mit diesem System. Allein im Jahr 2016 wurden in Spanien 4.818 Organe gespendet. Das sind mehr als irgendwo anders auf der Welt. In Deutschland, das knapp doppelt so viele Einwohner hat, lag die Zahl der gespendeten Organe im selben Jahr bei 857. Anders ausgedrückt: In Spanien gab es im Jahr 2017 rund 47 Spender pro eine Million Einwohner. In Deutschland waren es im gleichen Zeitraum nicht einmal zehn. Rund 10.000 Menschen warten in Deutschland auf ein Spenderorgan, in Spanien sind es rund 6.000.

Auch auf Mallorca werden Spenderorgane entnommen. Insgesamt 765 Menschen haben auf der Insel seit 1989 ihre Organe gespendet. In diesem Jahr seien es schon 40 Spender gewesen. Von Anfang an dafür verantwortlich ist Julio Velasco. Der 62-Jährige ist Koordinator für Transplantationen am öffentlichen Krankenhaus Son Espases. Er beantwortet für die MZ die wichtigsten Fragen zum Thema
Organspende in Spanien und auf der Insel.

Die Spender

Spanien hat seit Einführung der Demokratie ein Opt-out-Modell, so wie es auch in Deutschland geplant ist. Das heißt, jeder, der im Gesundheitssystem angemeldet ist, ist Spender, solange er nicht widerspricht. „Aber in Spanien wird auch immer die Familie befragt", sagt Velasco. Zum einen weil der potenzielle Spender vielleicht seine Ablehnung gegen die Spende seiner Familie gegenüber geäußert hat. Zum anderen könne die Familie bei der Erstellung der Krankengeschichte des potenziellen Organspenders helfen, ohne die eine Spende nicht möglich ist. An der Entscheidung ist nur die unmittelbare Familie beteiligt. Das heißt je nach Alter des Patienten die Eltern oder die Kinder sowie der Ehepartner. „Wir versuchen natürlich zu verhindern, dass es wegen der Spenderfrage zu Streit in der Familie kommt", sagt Velasco. „Wenn es unterschiedliche Meinungen gibt, versuchen wir diejenigen, die einer Spende ablehnend gegenüberstehen, von deren Wichtigkeit zu überzeugen."

Organspenden kommen in Spanien in zwei Fällen infrage. Entweder der Patient ist hirntot. Das bedeutet, dass das Gehirn einen unumkehrbaren Funktionsverlust erlitten hat. Seit 1968 wird es in der Medizin als Äquivalent zum Tod des Menschen betrachtet. „Um zu prüfen, ob ein Patient hirntot ist, wird die Sedierung heruntergefahren, um zu sehen, wie er reagiert", erklärt Velasco. „Dann werden die Reflexe getestet und ein Elektroenzephalogramm erstellt."

Doch es gibt eine weitere Möglichkeit, und sie hängt mit dem Rückgang der Zahl der Organspender zusammen. „In Spanien sind wir immer auf der Suche nach neuen Spender­typen", erklärt Julio Velasco. „Das liegt daran, dass es immer weniger Autounfälle gibt und sich die Medizin generell weiterentwickelt hat. Viel mehr Patienten werden geheilt, bevor sie als Spender infrage kommen." Seit 2012 kommen deswegen in Teilen Spaniens, seit 2016 auch auf den Balearen, ebenso Menschen mit Asystolie infrage, also einem Stillstand der mechanischen und elektrischen Herzfunktion.

Das muss erklärt werden: Man wird nicht mit einem einfachen Herzstillstand zum Organspender. „Es geht um Menschen, die etwa einen schweren Unfall und dabei schwere neurologische Schäden erlitten haben – und sich in einem tiefen Koma befinden, also in keiner Weise auf äußere Reize reagieren", erklärt Dr. Velasco. „Bei ihnen kann, wenn eine Heilung praktisch ausgeschlossen ist, die Familie entscheiden, die Maschinen in einem OP-Saal abzustellen. Die Familie kann dabei sein. Nach dem Herzstillstand des Patienten müssen dann fünf Minuten abgewartet werden. Wenn er dann für tot erklärt wird, können die Organe entnommen werden." Rund 25 Prozent der Spender in Son Espases waren in den vergangenen zweieinhalb Jahren solche Fälle. In beiden Fällen aber gilt: Der Patient muss im Krankenhaus sterben, um als Spender ausgesucht werden zu können. Unfallopfer, die noch am Unfallort sterben, scheiden aus.

Organspenden werden in Spanien nur in öffentlichen Krankenhäusern durchgeführt. „Die Balearen sind aber Vorreiter bei der Zusammenarbeit mit den Privatkliniken", sagt Velasco. Das habe Gründe: Zum einen haben die Balearen eine lange Tradition an privaten Kliniken und Krankenhäusern. Zum anderen seien die Inseln klein, und man kenne sich gut unter den Ärzten. „Wir haben es geschafft, dass die Privatkliniken einen Verantwortlichen haben, der uns Bescheid gibt, sobald sie einen möglichen Organspender haben", sagt Velasco. „Sobald das Okay der Familie eingeholt ist, wird der Patient nach Son Espases gebracht. Hier werden die Organe dann entnommen." In anderen Teilen Spaniens sei diese Kooperation nicht in dieser Form gegeben.

Von den bislang 765 Organspendern auf Mallorca waren 25 Prozent Ausländer. „Das ist der höchste Wert aller Autonomieregionen in Spanien", sagt Velasco. Rund 65 Prozent der ausländischen Spender seien Deutsche. Gleichzeitig habe der hohe Ausländeranteil auch zur Folge, dass die Balearen eine leicht höhere Quote bei den Ablehnungen haben. Velasco beziffert sie auf rund 15 bis 20 Prozent. „Das liegt daran, dass es in den meisten anderen Ländern nicht so ein Bewusstsein für die Notwendigkeit von Organspenden gibt wie in Spanien."

Das Gespräch

Sechs Mitarbeiter koordinieren die Organtransplantation im Krankenhaus Son Espases, inklusive Velasco. „Alle sind Intensivmediziner, da gehört es schon zur Ausbildung dazu, wie man schwierige Gespräche mit Familien führt", sagt Velasco. „Trotzdem gehen wir ständig auf Weiterbildungen." Das Gespräch sei ein äußerst heikler Moment, sagt Velasco, vor allem wenn es sich um ein Unfallopfer handelt. In diesem Fall hätten die Familien nur wenig Zeit, die Nachricht vom Unfall und vom Hirntod zu verarbeiten und müssten dann noch die Entscheidung über die Organspende treffen. Von seiner Arbeit dürfe ihn das nicht abhalten, sagt Velasco. Er sei gesetzlich verpflichtet, nach einem Einverständnis für die Organentnahme zu fragen. „Mit einem einfachen Nein geben wir uns im Gespräch mit der Familie nicht zufrieden. Wir versuchen, sie mit allen Argumenten, die wir haben, zu überzeugen, dass sie einer Organspende zustimmen", sagt Velasco. Hauptsächlich sei es dieses: „Wir haben hier funktionierende Organe eines Menschen, der tot ist. Diese Organe könnten viele Leben retten."

Meistens komme die Botschaft bei den Familien an. „Ich habe sehr bewegende Momente erlebt", so der Arzt. „Menschen, die mir nach dem Gespräch weinend um den Hals gefallen sind und mir gedankt haben." Die Organspende sei ein ungeheurer Akt der Nächstenliebe und der Selbstlosigkeit, sagt Velasco. Er habe in den knapp 30 Jahren seiner Tätigkeit nie den Respekt vor dieser Entscheidung verloren. „Wir haben immer wieder Mitarbeiter, die weinend aus den Gesprächen herauskommen, weil diese emotional so intensiv sind." Aber natürlich habe er auch Gegenteiliges erlebt, Familienmitglieder die aggressiv geworden seien und ihn angegriffen hätten. „Wenn ich Angst vor dem Gespräch hätte, wäre ich aber im falschen Job", so Velasco.

Die Empfänger

Spender und Empfänger müssen in verschiedener Hinsicht ähnlich sein. So müssen sie
die gleiche Blutgruppe haben und auch ungefähr im gleichen Alter sein. „Plusminus acht bis neun Jahre kann der Altersunterschied maximal betragen", so Velasco. Andere Faktoren seien Körpergröße und Geschlecht. Über die Verteilung entscheidet in Madrid die
Nationale Organspende-Organisation ONT, sie verwaltet eine Liste aller Patienten, die auf ein Organ warten. Im Fall, dass ein Patient nur noch wenige Stunden zu leben hat, wenn er nicht ein neues Organ bekommt, wird dieser vorgezogen.

Auf Mallorca selbst werden nur Nieren transplantiert. Alle anderen Organe werden aufs Festland gebracht, wo es Krankenhäuser gibt, die diese Arten von Operationen durchführen. Patienten auf den Balearen, die auf eine Spenderniere warten, werden hierbei
bevorzugt, wenn sie mit dem Spender kompatibel sind. „In Zukunft könnte ich mir vorstellen, dass auf Mallorca auch Lebertransplantationen durchgeführt werden können", sagt Julio Velasco.

Für Menschen, die auf der Insel auf ein Organ warten, bedeutet dies eine zusätzliche Belastung. „Es kommt bei den meisten Patienten der Moment, dass sie in die Stadt ziehen müssen, in der das Krankenhaus steht, wo ihnen das Spenderorgan eingesetzt wird", sagt Velasco. Wie lange das dauern kann, sei nicht abzusehen. „Das ist ein großes Problem für die Familien, die häufig die Arbeit aufgeben müssen, um woanders in einem Hostel oder Hotel zu wohnen und auf ein Organ zu warten." Die balearische Gesundheitsbehörde IB-Salut könne diese Familien finanziell unterstützen. Zudem gebe es private Verbände und Initiativen, die in den Städten Wohnungen für die
Patienten zur Verfügung stellen, die auf ein Organ warten.

Die Transplantation

In Son Espases werden fünf Organe entnommen: Herz, Lunge, Leber, Bauchspeicheldrüse und Nieren. Laut der ONT sollen im besten Fall all diese Organe gespendet werden. Wer nur einen Teil spenden will, solle dies seiner Familie kommunizieren. Bevor gespendet wird, werden die Organe in radiologischen und analytischen Tests auf ihre Funktionsfähigkeit überprüft. „Drei Faktoren können gegen eine Spende sprechen: Das Fehlen einer umfangreichen Krankengeschichte, Krebs­erkrankungen und chronische Virenerkrankungen wie HIV."

Die Logistik sei eine der größten Herausforderungen, sagt Velasco. „Da die Organe oft spanienweit verteilt werden, kann es sein, dass das Herz nach Andalusien geht, die Lungen nach Madrid und die Bauchspeicheldrüse nach Barcelona. Da diese Organe von den auswärtigen Teams entnommen werden, versuchen wir es so hinzukriegen, dass sie gleichzeitig anreisen." Leber und Nieren werden von den Ärzten aus Son Espases selbst entnommen.

Nach der Entnahme werden die Organe in eine Tüte gelegt, die eine kaliumhaltige Flüssigkeit enthält. Die Tüte kommt dann in einen kleinen Kühlschrank, der dann so schnell wie möglich in das Krankenhaus geflogen wird, wo der Empfänger bereits auf die Operation vorbereitet wird. „Es muss ziemlich schnell gehen. Organe wie Lunge und Herz müssen spätestens nach vier Stunden wieder eingesetzt sein", sagt Julio Velasco. „Deshalb gehen die meisten Organe auch von hier aus nach Katalonien, das ist am nächsten." Bei Leber und Nieren ist ein wenig mehr Zeit. Deshalb werden die Organe teilweise auch mit normalen Linienflügen ausgeflogen. „Ein Krankenwagen bringt die Kühlbox bis zum Flugzeug, wo sie in der Kabine transportiert wird. Direkt nach der Landung holt am Zielort ein Krankenwagen das Organ am Rollfeld ab."

Nach der Transplatation

Rund einen Monat nach der Organspende schreibt Velasco einen persönlichen Brief an die Angehörigen des Spenders. „Darin bedanke ich mich noch einmal für ihre Großzügigkeit und schreibe ihnen, dass die Heilung bei den Empfängern gut verläuft." Ob das wirklich so ist, weiß er allerdings nicht.

„Das System ist aus gutem Grunde anonymisiert. Ich kann nicht erfahren, wer ein Organ bekommen hat oder wie die Heilung verläuft. Höchstens bei Patienten, denen auf Mallorca eine Niere eingesetzt wurde, weil die Wege hier kurz sind." Der Brief ist also weniger eine Information als eine Vergewisserung für die Familie, dass sie das Richtige getan hat. Und davon ist Velasco überzeugt.

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