11. November 2018
11.11.2018

Auswandern nach Mallorca: 10 Fehler, die Sie vermeiden sollten

Das Leben auf Mallorca scheint verlockend. Gerade, wenn man genug vom grauen Alltag in Deutschland hat. Doch Auswandern geht nicht immer gut – und endet nicht selten in einer Katastrophe. Das hat mit 10 verbreiteten Irrtümern zu tun

11.11.2018 | 01:00
An alles gedacht? Die Auswanderung nach Mallorca sollte gut vorbereitet sein

Der Mann lebt zurückgezogen auf seiner Finca im Inneren von Mallorca. Es ist zugig hier, gerade jetzt im Herbst. Er kann kaum noch laufen, auch das Sprechen fällt ihm schwer. Erst recht auf Spanisch, dabei hatte er das eigentlich zumindest in Grundzügen beherrscht. Wahrscheinlich war es ein Schlaganfall, der Körper und Geist beeinflusst hat, sagt sein Hausarzt im Nachbardorf. Immerhin: Der Arzt spricht Deutsch. Doch eigentlich hat er ihn schon längst ans staatliche Krankenhaus überwiesen – zu spanischen Ärzten, und viel weiter weg. Autofahren kann der Mann nicht mehr, Bekannte die ihn regelmäßig fahren, hat er nicht.

Waltraudt Teising blickt ernst drein, wenn sie von Fällen wie dem des deutschen Rentners berichtet, mit dem sie seit Monaten Kontakt hat. Es sind wahre Fälle von Menschen, die einst von Deutschland nach Mallorca zogen, um euphorisch ein neues Leben zu starten. Und die sich heute in den Trümmern ihres Auswanderer-Traums wiederfinden. So wie auch die Frau, die kam, um ihren Ruhestand auf der Insel zu genießen. Heute ist ihr Ehemann verstorben und sie selbst an Demenz erkrankt. Sie weiß nicht, wo sie ist. Verwandte oder Freunde, die sich um sie kümmern, hat sie nicht.

„Wer auswandern will, egal ob nach Indonesien oder Mallorca, der muss ganz zwingend an die Zukunft denken. Sich überlegen: Was riskiere ich mit diesem Schritt? Kann ich zurück, wenn es nicht klappt? Und wohin? Wer nur an das leichte Leben unter schöner Sonne denkt, der macht eine Bauchlandung. Früher oder später", sagt Waltraudt Teising. Harte Worte? Übertreibungen? Nein. Erfahrungen, mit denen sie als Mitarbeiterin im Büro der Deutschsprachigen Evangelischen Gemeinde der Balearen an der Playa de Palma regelmäßig konfrontiert wird.

Meist sind es die Krankenhäuser, die Kontakt mit der evangelischen Gemeinde aufnehmen. Weil sie Patienten haben, die sie nicht einfach wieder nach Hause ­schicken können, da dort niemand ist, der sie unterstützt. Fast alle landen bei ­Teising. Eigentlich ist sie als Fremdsprachen­sekretärin angestellt. Halbtags. Doch ihr Engagement ist zu einem Fulltime-Job geworden. „Ich rede hier von den schweren Fällen, von denen, die wir mitbekommen. Aber es ist ein zunehmend großer Teil der älteren Auswanderer, und wir bekommen längst nicht alles mit", sagt sie. Sie weiß: Es sind immer die gleichen Irrglauben, die letztlich im Fiasko endeten.


1.) „,Hola, qué tal? reicht völlig!"

Ja, beim Brötchenholen und im Alltag in deutschen Enklaven auf Mallorca kommt man auch ohne viel Spanisch prima zurecht. Und in den privaten Krankenhäusern gibt es ja sogar deutschsprachige Ärzte. Stimmt! Aber in Notfällen kann man auf deren Präsenz ebenso wenig sicher zählen wie auf die von Krankenhausdolmetschern – zumindest nicht rund um die Uhr und nicht in Notfällen. „Es geht nicht darum, fließend Katalanisch zu lernen. Aber man sollte in jedem Fall so viel Spanisch sprechen können, dass man im Gespräch mit Ärzten Schmerzen und Gefühle ausdrücken kann." Gerade bei gesetzlich Versicherten sei die Verständigung zwischen Arzt und Patient häufig schwierig. Ebenso wie bei Gesprächen mit der Polizei oder Behörden. Wer auf Englisch setzt, steht meist verloren da. Und dass neben Spanisch auch Katalanisch Amtssprache auf den Balearen ist und gerade im Bildungs- und Kulturbereich sogar deutlich häufiger zum Einsatz kommt, sollte man zumindest im Hinterkopf behalten – gerade, wenn man mit kleineren Kindern auf die Insel kommt oder Anschluss an die Dorfgemeinschaft sucht.


2.) „Mich seht Ihr nicht wieder"

Einfach raus in den Neuanfang auf Mallorca, alle Zelte in der Heimat abbrechen – das ist der Wunsch vieler Auswanderer, die Deutschland wegen Schicksalsschlägen, Scheidungen oder Pleiten verlassen. „Viele denken, hier erwarte sie das Paradies und sie hätten zu Hause niemanden mehr nötig", so Teising. „Sie gehen im Streit." Das kann gefähr­lich werden. Nicht nur wegen fehlender Vollmachten, sondern auch wegen drohender Einsamkeit. „Man weiß nie, ob man nicht doch eines Tages ­zurückwill oder -muss."


3.) „Toll, wie abseits die Finca liegt!"

Auch bei der Wahl des neuen Wohnorts auf der Insel ist es ratsam, vorausschauend zu denken – gerade wenn man bereits in höherem Alter auf die Insel kommt. „Natürlich erscheinen abseits gelegene Fincas anfangs idyllisch. Aber man sollte sich vorher zumindest überlegen: Was mache ich, wenn ich mal nicht mehr Auto fahren kann? Habe ich dann jemanden, der mich zu ständig anstehenden Arztbesuchen fahren kann? Oder genug Geld für die ­Taxis? Und gibt es jemanden, der trotz der räum­lichen Abgeschiedenheit regelmäßig nach mir sieht?", so Teising. „Das sind nicht nur Katastrophenszenarien, sondern Sachen, die tatsächlich passieren können. Man muss sie zumindest frühzeitig in Betracht ziehen, alles andere rächt sich."


4.) „Ich habe ja meinen Partner!"

Dass man gerade nach einem langen Arbeitsleben beim Eintritt in den Ruhestand erst einmal seine Ruhe haben will oder Zweisamkeit mit dem Ehepartner genießen möchte, ist nur allzu verständlich. Doch Auswandern darf nicht Abschotten bedeuten, weder räumlich noch sozial. „Das gibt spätestens dann Probleme, wenn der Partner verstirbt und man aus körperlichen Gründen selbst gar nicht mehr in der Lage ist, Kontakte zu knüpfen." Zumindest eine Vertrauensperson, die auch weiß, wo wichtige Dokumente und Bankunterlagen zu finden sind, sollte man auf der Insel haben. Teising: „Es gibt sehr viele Menschen, die hier komplett vereinsamen und einfach irgendwann gar nicht mehr präsent sind." Gut, um Kontakte zu knüpfen, sind natürlich Hobbys oder Freizeitveranstaltungen. „Auch da muss man sich bewusst machen, dass man hier vielleicht nicht dieselben Strukturen vorfindet, wie man sie von zu Hause kennt und noch stärker selbst aktiv werden muss, um Anschluss zu finden." Hilfen bieten Veranstaltungen wie der Residententreff der evangelischen Gemeinde. „Aber um die Spanischkenntnisse aufzubauen oder zu verbessern ist es sinnvoll, auch Aktivitäten mit Nichtdeutschen zu suchen."


5.) „Ich bin doch jung!"

„Generell haben es junge Leute natürlich leichter, Anschluss zu finden, da sie flexibler und grundsätzlich durch Arbeit oder ihre kleinen Kinder automatisch aktiver und in Kontakt mit Menschen sind", so Teising. Aber auch sie stoßen als Neuling zu bestehenden Gemeinschaften hinzu. „Es ist falsch, einfach davon auszugehen, dass hier auf Mallorca schon alles klappt." Das gelte auch für Berufliches. „Wer auswandert, um sich mit einer vermeintlich guten Idee auf der Insel selbstständig zu machen, der muss die Möglichkeit des Scheiterns zumindest einkalkulieren." Ebenso, wer Hals über Kopf verlockend klingenden Jobangeboten folgt. Denn auf Mallorcas Arbeitsmarkt ist nicht alles Gold, was glänzt, das Arbeitsrecht wird nicht selten überstrapaziert oder verletzt. „Wichtig ist, zumindest im Vorhinein einen unterschriebenen Arbeitsvertrag in der Tasche zu haben und sich auch nach Alternativen umzusehen."


6.) „Auf der Insel läuft alles wie Zu hause!"

Spanien gehört zur EU, ja. Wer glaubt, dass es deshalb bei Amtsgängen kaum Unterschiede zu Deutschland gibt, der wird spätestens beim zähen Ummeldungsprozess schwer enttäuscht. NIE, Seguridad Social und Co. lassen grüßen. „Man kommt beim spanischen Verwaltungs­apparat an seine Grenzen, wenn man ihn nicht gewöhnt ist", weiß Teising. Nicht, dass das ein Argument gegen eine Auswanderung sei. „Man sollte es sich aber vorher bewusst machen und nicht wie selbstverständlich davon ausgehen, dass hier alles so funktioniert, wie man es kennt." Gleiches gelte etwa für den Umgang mit Handwerkern. Tipp: Sich vorher so gut wie möglich über alles informieren und vor allem eins sein – offen für Neues.


7.) „Das mit der Versicherungklärt sich schon"

Gerade ältere Auswanderer sollten sich im Vorfeld bei ihrer Kranken- und Rentenversicherung im Detail darüber informieren, welche Leistungen wie in Spanien anerkannt werden und welcher Dokumente es bedarf. „Die jeweiligen Unterlagen sollte man immer pflegen und griffbereit haben", sagt Teising. „Zudem kann es je nach Fall sinnvoll oder gar nötig sein, sich auch spanische Versicherungen zuzulegen." Auch hier gilt zu bedenken: Das spanische Gesundheitssystem unterscheidet sich vom deutschen. „Die gesetzliche Versicherung in Spanien ist nicht schlecht, kann aber bei chronischen Krankheiten oder OPs lange Wartezeiten mit sich bringen", sagt Teising. Die Privatversicherung ist günstiger, aber weniger umfassend als die in Deutschland. Im Vorfeld abzuwägen, sei wichtig. Auch, weil es die Entscheidung beeinträchtigt, wo man seinen Erstwohnsitz anmeldet. „Da muss man von Fall zu Fall schauen, was sinnvoll ist."


8.) „Ich kann doch selbst entscheiden!"

Ob Unfall, Krankheit oder Alter – die eigene Unabhängigkeit kann schneller verloren gehen, als viele es sich ausmalen wollen. „Gerade wenn Menschen allein sind und die Sprache nicht beherrschen, gehen sie im Ausland dann vor die Hunde." Oft ist eine Rücksiedlung nach Deutschland die beste Lösung – auch, weil in den gesetzlichen spanischen Altersheimen und Pflegestationen nicht immer alles so ist, wie man es von deutschen erwartet. „Für jegliche wichtige Schritte sollte man einen Verwandten oder Bekannten in Deutschland eine Vorsorgevollmacht unterschreiben lassen, bevor man auswandert. Es muss eine Person in der alten Heimat geben, die im Ernstfall für mich sorgen und mich nach Hause holen kann", so Teising. Dafür ist es wichtig, dass die Kontaktperson Verfügungen für das Aufenthaltsbestimmungsrecht und Bankgeschäfte des Ausgewanderten hat. Kosten für eine deutschlandweit registrierte Vorsorgevollmacht: rund 13 Euro.


9.) „Ich habe ja genug Geld!"

Auch wer mit einem guten finanziellen Polster auswandert, kann auf die Nase fallen. „Es ist absolut kein Einzelfall, dass Auswanderer mit großem Vermögen hier auf der Insel auf Betrüger stoßen, die ihnen raten, ihr Geld in Fonds oder Anlagen zu stecken, die sich letztlich als Flop herausstellen", so Teising. Tipp: Alle größeren Geldgeschäfte von offiziellen gestorias prüfen und absegnen lassen und sich zumindest in Grundzügen mit der Inselgesetzgebung auseinandersetzen. Gleiches gilt für den Hauskauf. Wer weiß, dass beispielsweise nicht wenige Immobilien ohne gültige Lizenzen errichtet wurden, ist klar im Vorteil. Hilfreich kann sein, erst einmal auf Probe auf die Insel zu kommen und sich mit den Gepflogenheiten und Eigenheiten vertraut zu machen.


10.) „So schlecht geht?s mir nicht!"

Wer mag schon zugeben, dass es ihm nicht gut geht oder er einige Dinge nicht mehr schafft? Niemand. „Die Schwelle ist bei vielen sehr hoch, aber es wird ja nicht besser", so Teising. Wichtig sei, sich zu überlegen, was man tun kann, bevor es zu spät ist. Unterstützen können dabei Projekte wie die Stiftung Herztat: Über ehrenamtliche Paten wird den Menschen geholfen, Kontakt mit anderen einsamen Deutschsprachigen zu knüpfen – möglichst schon dann, wenn sie noch fit sind. Anfängliche Hausbesuche und je nach Interesse spätere Teilnahme an Gruppenaktivitäten helfen, das Eis zu brechen. Viele Paten hätten sich schon gemeldet. Die Anzahl der Betroffenen, die sich im Projekt registriert haben, sei leider deutlich geringer als die der tatsächlichen Fälle.

INFOS:
  • Bei Menschen, die wegen ihres Alters, eines Unfalls oder einer Erkrankung ihre Angelegenheiten nicht mehr allein regeln können, kann ein gesetzlicher Betreuer eingesetzt werden. Im Fall einer Auswanderung kümmert sich der spanischen Staat darum. Um das zu verhindern, ist es sinnvoll, frühzeitig eine Vorsorgevollmacht in Deutschland zu registrieren. Sie räumt einer Person das Recht ein, im eigenen Namen stellvertretend zu handeln, beispielsweise um eine Rückführung nach Deutschland einzuleiten. Infos dazu auf www.bmjv.de und www.vorsorgeregister.de
  • Nützliche, wenn auch recht allgemeine Infos für Auswanderer finden sich online beim Auswärtigen Amt : www.auswaertiges-amt.de
  • Wer sich auf Mallorca im Alter einsam fühlt oder jemanden kennt, dem es so geht, kann sich bei der Stiftung Herztat melden. Tel.: 602-49 21 69, E-Mail: mallorca@herztat.de, www.herztat.de
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