06. Januar 2019
06.01.2019

Die Deutschen und ihr Santanyí

Kaum ein Ort auf Mallorca ist so deutsch angehaucht wie Santanyí. Ist doch gut, sagt der Bürgermeister, der sogar einen deutschen Polizisten beantragt hat. So einfach ist es nicht, sagt die mallorquinische Wirtin. Und was sagen die Residenten? Ein Besuch

06.01.2019 | 01:00
Im Uhrzeigersinn von links oben: Rainer und Doris Schuppe, Llorenç Galmés, Mar Perona, Harald Burba, Miquel Laudat, Ingrid Colminas, Franz Sailer, Lucie Hauri

Santanyí und die Deutschen auf Mallorca, das passt zusammen. Nicht nur der „Hamburger Hügel" – jene Ansiedlung von Luxushäusern außerhalb von Santanyí, die selbst Einheimische umgangssprachlich als colonia de Hamburgo bezeichnen, sondern auch das eigentliche Zentrum San­tanyís gelten längst als Hochburg der alemanes. Speisekarten, Verkaufsschilder, Aushänge: Deutsch ist allgegenwärtig. Und meist sogar die einzige Sprache, mit der die Unternehmer werben – kommen sie doch selbst nicht selten aus dem deutschsprachigen Ausland. Bleibt zwischen stylischen Restaurants, hochwertigen Kunstgalerien und trendigen Boutiquen Platz fürs Mallorquinische? Wie lebt es sich in einem Ort, in dem 1.000 der rund 15.000 Einwohner Deutsche sind?


Die mallorquinische Bäckerin

Am Freitagmorgen steht in der Bäckerei Forn de s'Aljub die Türglocke nicht still. Trotz des Nieselregens – auf frisch Gebackenes will keiner verzichten. Man läuft direkt auf die dunklen, knackigen Brotlaiber zu, die Ingrid Colminas direkt neben der Kasse platziert hat. Deutsches Brot, das muss man schon im Angebot haben, wenn man in Santanyí eine möglichst breite Kundschaft erreichen möchte, erklärt die Mallorquinerin mit dem deutschen Vornamen bereitwillig. „Es ist nicht so, dass die Deutschen nicht auch gerne mal Ensaimada oder coca mallorquina kaufen", fügt sie hinzu. Aber nach 27 Jahren als Verkäuferin und Ehefrau des Besitzers habe sie gelernt: „Dem Deutschen ist sein Brot wichtig." Und klar, man reagiert auf die Nachfrage. „Warum auch nicht?" Zumal das kein neues Phänomen sei. „In den vergangenen Jahren sind immer mehr deutsche Urlauber hinzugekommen. Aber die Residenten sind schon lange hier."


Die Schweizer Immobilienmaklerin

Dass Santanyí in Mode ist, weiß Lucie Hauri so gut wie kaum jemand anderes. Seit 1982 führt die Schweizerin die gleichnamige Immobilienagentur, nur eine Ecke von der Bäckerei entfernt. Auch ein österreichisches Restaurant ist in dem Stadthaus mit Natursteinwänden untergebracht. Und ein Schweizer Innenausstatter. „Ich habe den Hamburger Hügel praktisch kreiert", sagt Hauri. Es seien vor allem Hamburger Großunternehmer gewesen, die über sie Grundstücke in schöner Natur erwarben. Heute sei auch der Wohnraum im Zentrum von Santanyí gefragter denn je. Die Besitzerwechsel verliefen meist nach dem gleichen Schema: Mallorquiner bieten ihre Häuser an, ausländische Residenten – allen voran die Deutschen – kaufen sie. Die Nachfrage ist hoch, die Preise ziehen weiter an. Ob das bei allen gut ankommt, wollen wir wissen. „Die kritischen Stimmen halten sich hier im Vergleich zu anderen Dörfern sehr in Grenzen. Es ist ein wohlhabendes Dorf und die Diskrepanz zwischen Ausländern und Einheimischen nicht so ausgeprägt", sagt Lucie Haurie und krault ihren Hund Charly hinterm Ohr. Der Ort sei sehr offen gegenüber Ausländern. Die Casa de Cultura etwa biete auch auswärtigen Künstlern eine Plattform. „Und mit dem Bürgermeister haben wir sowieso Glück, er setzt sich sehr für ausländische Residenten ein und sieht die Vorteile."


Der Bürgermeister

Das hört Llorenç Galmés (PP) gerne. Überhaupt ist das 35-jährige Gemeindeoberhaupt einer, der häufig über seine Deutschenfreundlichkeit spricht. Auch jetzt, als er der MZ kurzfristig ein Interview im schmucken Rathausgebäude ermöglicht. Auf einem Regal steht ein Zierteller mit dem Wappen einer bayrischen Kleinstadt. Den habe ihm ein deutscher Stammurlauber geschenkt, so Galmés. Daneben liegen mehrsprachige Hochglanz-Magazine – Werbung für die Großgemeinde mit ihren Buchten und Örtchen. „Touristen sind willkommen. Je mehr, desto besser", sagt Galmés. Und deutschsprachige Residenten sowieso. Sie brächten sich ein, bei den Fiestas, aber auch im Alltag. „So wie dieser Hans-Peter, der mit einer Stiftung dafür sorgt, dass an der Cala S'Almonia die Natur sauber gehalten wird."
Er meint Hans-Peter Oehm, der gemeinsam mit dem Schauspieler Uwe Ochsenknecht die Musikbar Sa Cova im Herzen des Orts führt – eine Kneipe mit langer Tradition, die die Deutschen wieder auf Vordermann gebracht haben. „Trotz der Krise ist es in Santanyí immer aufwärts gegangen, vor allem Dank internationaler Residenten", bekräftigt der Bürgermeister und Spitzenkandidat der PP für den Inselrat bei den Wahlen im Frühling. „Viele haben ein hohe Wirtschaftskraft, und das ist wichtig für die Gemeinde." Man verhandele gerade mit dem spanischen Innenministerium darüber, einen deutschen Polizeibeamten ganzjährig in Santanyí zu stationieren, der den Residenten behilflich sein könnte. „Als erste Gemeinde in ganz Spanien." Angst vor Ausverkauf? Wohnungsnot? Verlust des eigentlichen Charmes? Nein. „Santanyí hat kein Problem mit Wohnungsnot, erst recht nicht wegen der Deutschen. Viele leben ja eh außerhalb."


Die mallorquinische Bio-Verkäuferin

In ihrem Bioladen „Eco Teca" verzieht Mar Perona das Gesicht, wenn sie so etwas hört. Neben Bio-Produkten stehen in den Regalen auch wiederverwendbare Bambus-Kaffeebecher für den Coffee to go – auf Mallorca, wo man den Kaffee in der Bar und nicht auf der Straße trinkt, eher kurios. „Dass es in Santanyí keine Wohnungsnot gibt, ist nicht wahr", sagt Perona. Die 42-Jährige ist in Santanyí geboren. Sie habe miterlebt, wie der Ort in den vergangenen 15, 20 Jahren von der ländlichen Gemeinde zum hippen In-Städtchen geworden ist. Klar, auch ihre Einnahmen generiere sie zum Teil durch deutsche Kunden. Trotzdem wippt Perona missbilligend mit ihren Dreadlocks: Sie sei auf Wohnungssuche gewesen und wisse, wovon sie spreche. „Das Angebot ist gering, die Mietpreise exzessiv. Spekulation und Zweitwohnsitze machen vieles kaputt." Auch fürs Geschäft seien die steigenden Urlauberzahlen der vergangenen Jahre nicht zuträglich. „Die Menge nimmt zu, die Qualität ab. Da habe ich nichts von." Letztlich käme es aber natürlich auf die Person an, nicht auf die Nationalität. „Ich habe deutsche Freunde, aber wie überall gibt es solche und solche. Manche integrieren sich, andere können nach 15 Jahren kein Wort Spanisch."


Der österreichische Galerist

Franz Sailer spricht immerhin „un poquito". Die MZ besucht den Österreicher in dem renovierten Stadthaus, in dem er 2004 seine Kunstgalerie eröffnete. „In 15 Jahren habe ich nicht ein einziges Stück an Mallorquiner verkauft. Das sind Kunstbanausen", brummt er. Auch privat sei es nicht leicht, mit den Einheimischen warm zu werden, findet der 81-Jährige. „Man kommt nicht ran an die Mallorquiner. Gucken Sie doch, die haben ihre Schlagläden ständig zu." Wohl fühle er sich trotzdem, im Haus am Hamburger Hügel, in dem er mit Frau Ingrid, acht Katzen und zwei Hunden lebt. Auch wenn er Anfang des Jahres in den Ruhestand gehen werde, wolle er auf jeden Fall dort wohnen bleiben. Sein Bekanntenkreis sei international. „Wir sind sehr glücklich hier."


Der Münsterländer Gastronom

Harald Burba geht es ähnlich. Seit 2009 betreibt er mit seiner Frau das Restaurant Cafe Bistro Pablo, direkt hinter der Kirche. „Einen Moment", begrüßt Burba die MZ und wendet sich den spanischen Handwerkern zu, die gerade eine Coca-Cola-Zapfanlage in die stylische Theke einbauen. Wenig später, im gemütlichen Innenhof des Restaurants, in dem sich einst Viehställe befanden, wirkt Burba entspannter. Das Geschäft laufe super, auch wenn sich nur selten Mallorquiner zu ihm verirrten. „Gott sei Dank, das macht keinen Spaß, denen beim Essen zuzugucken. Die quatschen ja mehr, als dass sie das Essen genießen", so der Münsterländer, grinst dann aber. „Wenn ich ihre Sprache besser könnte, hätten wir sicher viel Spaß. Sie sind nicht verschlossen. Es ist schade, dass ich nicht mehr Kontakt zu ihnen habe." Dass man die Nachbarn grüße, sei für ihn aber von Anfang an wichtig gewesen. Und immerhin spreche er ja auch „Straßenköterspanisch". Allzu viel Zeit hätten er und seine Frau Nanni jedoch nicht, um Freundschaften zu schließen. „Und viele Deutsche, die hier leben, sind schon älter und haben die Gemeinschaftsphase hinter sich." Sie säßen eher im Garten, als sich unters Volk zu mischen. „Die Häuslichkeit wird hier von Deutschen genauso gelebt wie von Mallorquinern."


Der Deutsch-Mallorquiner

Mit etwas Verspätung treffen wir in Miquel Laudats Restaurant im Carrer Sant Andreu ein. Hier gehörten Mallorquiner und Ausländer zu den Stammkunden, erzählt er. Auf dem Papier ist Laudat Deutscher, im Herzen Mallorquiner. „Die Mallorquiner sind allgemein etwas lockerer. Obwohl: Ich habe auch lockere Deutsche kennengelernt." Im Alter von zwei Jahren zog er mit seinen Eltern aus der Pfalz nach Felanitx. „Da würde mein Restaurant nicht funktionieren", ist er sich sicher, und zieht den Vergleich, den man in der Gegend häufig hört: Vor einigen Jahrzehnten seien sowohl Felanitx als auch Santanyí verschlafene Dörfer gewesen. In Felanitx habe sich das kaum geändert. „San­tanyí hat Glück gehabt, die ausländischen Residenten haben es auf das Niveau gebracht, auf dem es jetzt ist", so Laudat. „Hier findet sich dasselbe Potenzial wie in Port d'Andratx, nur ohne Ferrari und Yacht." Aber klar, alles habe zwei Seiten. „Der Mallorquiner verkauft, was er erbt, der Deutsche zahlt ihm dafür das Geld, dass er von der Spaniern nicht bekommt. Das ist erst einmal für beide gut. Die Frage ist nur: Wo ist das Limit?" Teilweise sei es eher ein Nebeneinander als ein Miteinander. „Viele deutsche Einwanderer hier in Santanyí sind Rentner oder Menschen, die Mallorca vor allem als Investition sehen."


Die deutschen Co-Worker

„Wir kennen gar nicht so viele alteingesessene Deutsche", sagt Doris Schuppe. Sie begrüßt uns in ihrem Coworking-Space Rayaworx, den sie vor drei Jahren mit ihrem Mann Rainer aufgezogen hat. Es ist ein wenig charismatischer Neubau, aber für die überwiegend ausländischen Nutzer haben die beiden mit maritimer Deko ein wenig Strandflair einfließen lassen. „Das erwarten Deutsche, die auf Mallorca arbeiten", so Schuppe. In den kommenden Monaten wolle man umziehen in ein altes Stadthaus. Mallorquiner könnten mit ihrer Idee der neuen Arbeitswelt in der Regel wenig anfangen. Die ausländischen Nutzer seien weniger wohlhabende Rentner als Menschen, die beruflich noch einiges vorhaben. Ob Santanyí schickimicki ist, fragen wir. „Ist es und ist es nicht", so Schuppe. „Klar gibt es die deutsche Sehen-und-gesehen-werden-Fraktion. Aber viele sind anders. Es gibt unter den Deutschen nicht das Netzwerk, sondern viele Netzwerke." Die Schuppes leben mitten im Zentrum, sprechen Spanisch und haben guten Kontakt zu den Einheimischen. „Vieles in Santanyí ist nicht ersichtlich, wenn man nur an den überfüllten Markttagen kommt. Unter der Ober–fläche ist viel zu entdecken, erst recht, wenn die Mallorquiner merken, dass man Santanyí nicht nur benutzt und schnell wieder weg ist."


Die urmallorquinische Wirtin

Zeit für einen Erfrischung. Wir kehren im Ca'n Piquer ein, der wohl letzten urmallorquinischen Kneipe im Zentrum. Hier ist nichts durchgestylt, hier wird Mallorquinisch gesprochen. Eine Gruppe kartenspielender Senioren schaut auf, als wir den Raum betreten. „Klar sind hier viele Deutsche. Wir schauen ihnen zu, wenn sie an Markttagen das Zentrum bevölkern", sagt einer von ihnen, der sich als Gabriel Soler vorstellt. „Die leben ihr Leben und wir unseres. Aber sie stören nicht." Wirtin Antonia Bauzà ist da kritischer. „Die Essenz des Dorfes verliert sich", sagt sie. „Ich rede jetzt nicht von den Deutschen, die seit Ewigkeiten hier leben und wie alle anderen auch pa amb oli bestellen und hier arbeiten, sondern von denen, die sich gar nicht integrieren wollen. Sie denken, sie wären was Besseres. Früher kamen sie, um das hier kennenzulernen. Heute kommen sie, um uns zu zeigen, wie die Sachen funktionieren. Und das finde ich nicht gut." Wir trinken unsere Cola, wechseln noch ein paar Worte und treten wieder auf die Straße. Ein deutsches Pärchen läuft vorbei, schenkt dem Ca'n Piquer keinen Blick. Santanyí, denken wir, hat viele Facetten.

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