27. Januar 2019
27.01.2019

Hier repariert Mallorca die Superyachten

Bis zu 1.000 Tonnen schafft der neue Schiffskran auf der Alten Mole. Die Investition von STP Shipyard Palma symbolisiert den Boom einer strategischen Branche der Insel. Ein Besuch auf der Werft

27.01.2019 | 01:00
Hier repariert Mallorca die Superyachten

Als Nächstes ist das Ruder an der Reihe. Die Yacht liegt bereits auf dem Trockenen an der Alten Mole von Palmas Hafen, aufgebockt auf Unterlegkeilen, und Arbeiter machen sich unter sowie im Schiff zu schaffen, um die Abmontage des Ruders vorzubereiten. Orangefarbene Gurte umspannen fest den Rumpf – das Schiff muss noch drei weitere Meter in die Höhe gehievt werden, damit genügend Platz ist, um darunter das Ruder abzumontieren. Diese Herkulesaufgabe übernimmt der neue Travellift – ein überdimensionaler Kran und der ganze Stolz der Werft STP Shipyard Palma. „Wir haben mehr Spielraum und sind jetzt deutlich flexibler", meint Kranführer Joaquín Servera über die Investition, dank der bis zu 1.000 Tonnen gehievt werden können.

Der „Travel 1.000TN", das ist nicht nur eine Innovation, die die Arbeit auf der Werft vereinfacht sowie die Herzen von Technik-Fans höherschlagen lässt. Der knapp 4 Millionen Euro teure Kran ist auch ein weithin sichtbares Symbol für die wirtschaftliche Erfolgsgeschichte einer Branche, die mit beeindruckenden Zahlen aufwarten kann. Mehr als tausend Schiffe mit bis zu 120 Metern Länge werden jährlich auf der Werft in Schuss gebracht. Hier werkeln mehr als 3.000 Angestellte von knapp 500 zugelassenen Firmen und sorgen für einen direkten Umsatz von rund 200 Millionen Euro im Jahr. Reden Wirtschaftswissenschaftler von Branchen auf Mallorca, die gut laufen und Zukunftspotenzial haben, fällt als erstes Stichwort die Bootsindustrie. Industrieminister Iago Negueruela spricht von einem „strategischen Sektor". Und das Beste: Betrieb ist vor allem in der touristischen Nebensaison – die Yachten, die sommers vor der Küste ankern, kommen winters auf die Werft.

So ist denn auch viel los an diesem Montag (7.1.) auf dem 44.000 Quadratmeter großen Gelände am Ende der Alten Mole, nicht mitgerechnet die 86.000 Quadratmeter Wasserfläche, auf denen ebenfalls Boote repariert und gewartet werden – insgesamt sind es gerade 125. Zwischen den Kränen, den Werkstätten und den zahlreichen Stellplätzen mit eingerüsteten und von weißen Plastikschutzfolien bedeckten Yachten herrscht reger Verkehr, Arbeiter fahren per Pkw, Fahrrad oder Skateboard vor. Die Entlüfter an den Außenwänden der weißen Plastikriesen dröhnen.

Es ist ein zentraler Industriestandort, von dem die meisten Palma-Besucher, die ihr Fahrzeug auf dem großen Parkplatz an der Alten Mole abstellen, um anschließend über den Borne in die Innenstadt zu gehen, nichts mitbekommen dürften. Und wäre es nach früheren Plänen gegangen, dann gäbe es hier überhaupt keine Industrie. Ein längst zu den Akten gelegter Vorschlag der balearischen Hafenverwaltung (Autoridad Portuaria de Baleares, APB) sah vor, auf der Alten Mole Geschäfte, Restaurants und Freizeitangebote anzusiedeln. Später kam dann die Idee auf, dass am Moll Vell die immer zahlreicheren Kreuzfahrtschiffe festmachen könnten. Doch es sollte anders kommen: Die Alte Mole ist heute eine riesige Reparaturwerkstatt, die immer weiterwächst.

Versteckte Schönheiten

Schön anzusehen ist dabei eigentlich nur die Kathedrale von Palma im Hintergrund. Denn von den eindrucksvollen Yachten zeugen nur deren Namen, die auf den alles verdeckenden Folien angebracht sind. Sie schützen nicht die Schiffe vor Umwelteinflüssen, sondern die Umwelt vor den Schiffen, solange an diesen auf der Werft geschweißt, geschraubt, gehobelt, lackiert oder geputzt wird. „Die Schönheit der Yachten sieht man hier nicht", meint die Sprecherin von STP, die über das Gelände führt. Da staune man oft nicht schlecht, wenn man die Yacht dann später vor der Küste fahren oder ankern sehe.

Das Unternehmen zeigt gern und stolz seine Anlagen in Palmas Hafen, bittet aber hinsichtlich der Kunden um Diskretion, die Namen der Schiffe sollen nicht genannt oder abgebildet werden. Dasselbe gilt auch für die auf der Werft tätigen Unternehmen, schließlich wolle man keines von ihnen bevorzugen. Es ist eben das Modell einer offenen Werft: Die Konzessionsfirma STP kümmert sich um den Transport und die Aufdockung der Schiffe, um Strom- und Wasserversorgung, Abfallentsorgung und Umweltschutz. Die eigentlichen Reparatur- und Wartungsarbeiten dagegen werden von weiteren Firmen ausgeführt, die mit einer Werkstatt auf dem Gelände vertreten sein können oder aber ihre Mitarbeiter täglich auf die Werft schicken.

Erfolgsmodell offene Werft

„Jeder Schiffseigner kann die Firma frei wählen", betont Hafensprecher Raimond Jaume, und zwar zwischen allen Anbietern, die angemeldet seien und die vom Konzessionär festgelegten Auflagen erfüllten. So ist zum Beispiel auch die Werft Astilleros de Mallorca, die ihren Sitz eigentlich an der Mole weiter westlich hat, ebenfalls auf der Alten Mole vertreten und bietet hier ihre Dienste an. In der offenen Werft haben die Kunden die Wahl, die Firmen konkurrieren über Qualität, Preis und Schnelligkeit. Bei STP wird zudem als Standortvorteil von Palma hervorgehoben, dass praktisch jedes Ersatzteil, das nicht vorrätig ist, dank der guten Fluganbindung von einem Tag zum anderen angeliefert werden könne. Konzept und Umsetzung der offenen Werft seien so erfolgreich, dass auch schon Hafen-Manager aus Florida auf der Insel vorbeigeschaut hätten, um davon zu lernen, so Raimondo Jaume.

Es geht international zu, Firmen aus ganz Europa sind hier tätig. Zum Teil führen aber auch Mitglieder der Crew selbst die anfallenden Wartungsarbeiten aus. An einer ebenfalls unter Plastik versteckten 55-Meter-Yacht werkelt gerade Joshua Skerry. Auf einem mit einer Wolldecke bedeckten Tisch sind Bauteile ausgebreitet, Zange, Poliergerät und Bürste liegen bereit. „It's the ten-year refit", sagt der junge Mann – die alle zehn Jahre anstehende Überholung der Yacht. Auf den ersten Blick ist nicht zu erkennen, welche von den mehreren Hundert auf dem Gelände herumwuselnden Arbeitern bei der Werft, einer Wartungs- und Reparaturfirma oder beim jeweiligen Yachteigner selbst angestellt ist. Viele Rädchen greifen hier ineinander, und dass der Betrieb nicht zum Stillstand kommt, dafür sorgen inzwischen sechs Portalkräne, allesamt Travellifts, die Schiffe mit einem Gewicht zwischen 30 und 1.000 Tonnen heben und manövrieren können.

So funktioniert der neue Kran

Vereinfacht gesagt ist der Lift nichts anderes als eine viereckige Box aus Strahlträgern mit Hubeinrichtungen an den Längsträgern, einem Dieselmotor für den hydraulischen Antrieb und mannshohen Rädern an der Unterseite, die allein schon größer sind als der MZ-Reporter. Unten und vorne ist der Lift offen, sodass er über die sogenannte Liftbox fahren kann: Hafenbecken mit je zwei Fahrspuren links und rechts. Davon gibt es insgesamt sieben auf dem Werftgelände. Dann werden auf jeder Seite des Schiffes die Hebegurte ins Wasser abgesenkt und müssen von Tauchern unter dem Rumpf verknüpft sowie positioniert werden, damit das Schiff beim Anheben im Gleichgewicht bleibt.

Anschließend ist das sechsköpfige Team von Kranführer Servera an der Reihe, das sich um die zwei größten Travellifts auf dem Gelände kümmert. Im Zeitlupentempo hebt der Kran das Schiff an, dessen Gewicht auf bis zu 32 Schlingen sowie vier Umlenkrollen auf jeder Seite verteilt wird, bis schließlich Schiffsschraube und Ruder sichtbar werden. Anschließend geht es – dann bereits etwas schneller – in die zugewiesene Parkbox. Die lenkbaren Räder erleichtern das Manövrieren. Im Gegensatz zum Fahren mit dem Pkw habe er zum Glück weder mit Staus noch mit der Parkplatzsuche zu kämpfen, scherzt Servera.

Schon etwas komplizierter war da die Montage des neuen Stars auf der Werft. In 23 Lkw-Ladungen gelangte der Travellift 1.000TN vergangenes Jahr von Italien auf die Insel. Zwei Monate lang montierten drei weitere Kräne den 26 Meter langen, 12,5 Meter breiten und 25 Meter hohen Riesen. Der Aufwand hat sich gelohnt. Auch wenn die Eingewöhnungsphase noch nicht abgeschlossen sei, zeigten sich schon jetzt die Vorteile, so Servera: Jetzt können auch Schiffe aus dem Wasser geholt werden, die bislang zu schwer waren und deswegen einen Teil der anstehenden Arbeiten verschieben mussten. Es geht alles schneller vonstatten: Drehmanöver entfallen, Teile des Tauwerks von Segelschiffen – sogenannte Stage, mit denen die Masten abgesteift werden – müssen nicht mehr abmontiert werden, der Travellift kann sogar Hindernisse auf dem Weg – etwa Container – „überfahren", in dem er das Schiff einfach etwas mehr anhebt.

Der Platz zum Manövrieren ist inzwischen größer geworden, STP hat das Werftgelände nach Verhandlungen mit der Hafenbehörde in Richtung Meer vergrößert. Und auch eine Verlängerung der Konzession, die eigentlich kommendes Jahr ausgelaufen wäre, ist in trockenen Tüchern, es geht nun weiter bis zum Jahr 2025 – auch dank der Investition in den neuen Kran, wie Hafensprecher Jaume erklärt. Voraussetzung für den Deal seien nämlich weitere Investitionen in Qualität und Umweltmanagement gewesen. Die Sprecherin von STP zeigt Besuchern denn auch gern den „grünen Punkt", das werfteigene Recycling-Zentrum.

In Zukunft dürfte die Bedeutung des Industriestandorts in Sichtweite der Kathedrale noch weiterwachsen. So hat die balearische Hafenverwaltung inzwischen den Plan für den Bau einer riesigen neuen Mole im Osten des Hafens jenseits von Porto Pí verworfen. Stattdessen setzt sie mit dem Rückhalt aller politischen Parteien auf eine Neuordnung der Bereiche: das Reparatur-, das Fracht- und das Passagiergeschäft sollen voneinander getrennt sein. In diesem Zuge könnte auch der Betrieb von Astilleros de Mallorca von der Fischermole, wo ohnehin wenig Platz ist, in den Bereich der Alten Mole umsiedeln, umso neuen Projekten Platz zu machen, darunter Restaurants, der Restaurierung der Fischhandelsbörse und einem geplanten Seefahrtsmuseum.

Wobei künftige Besucher sicherlich auch Interesse an einem Besuch auf der Werft haben dürften – nicht zuletzt um dem „Travel 1.000TN" bei der Arbeit zuzusehen.

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