28. April 2019
28.04.2019

Bekommt Magaluf endlich den Sauftourismus in den Griff?

Das britische Pendant zum Ballermann putzt sich immer weiter raus. Hotels und das Rathaus ziehen an einem Strang. Doch da sind noch die Gäste – und viele Skeptiker

28.04.2019 | 01:00
Wird es endlich sittlich in Magaluf?

Es ist gerade mal Mitte April und Magaluf grölt schon. Vor einer Bar zwischen der Partymeile Punta Ballena und der Strandpromenade fläzen am Nachmittag gegen 16 Uhr fünf junge Männer auf ihren Stühlen, alle sind offensichtlich ordentlich in den Genuss von Alkohol gekommen. Jeder, der vorbeiläuft, wird von ihnen mit wildem Gejohle empfangen, vor allem jüngere Damen. Wenige Meter weiter sitzen zwei britische Freundinnen in einer Bar und brüllen sich an. Magaluf eben, ist man geneigt zu sagen. Wobei – sollte sich hier nicht, wie an der Playa de Palma auch, etwas ändern? Sollte hier nicht auch Qualitätstourismus Einzug halten? Schließlich hat die Hotelkette Meliá samt verschiedener Partner eigenen Aussagen zufolge rund 250 Millionen Euro in die Renovierung und den Neubau von insgesamt elf Hotels sowie einer Einkaufsmeile wenige Meter vom Strand entfernt gesteckt.

Wir machen uns wenige Tage vor Ostern auf die Suche nach dem neuen Tourismus in Magaluf. Zunächst scheint es auch, als haben wir Glück. An der Strandpromenade haben es sich Andrea und Stefan Wolf aus Bochum gemütlich gemacht. Ihre beiden kleinen Kinder spielen im Sand, das Paar sieht entspannt aus. „Fünf Tage Magaluf haben wir gebucht", sagt Andrea Wolf. „Es gefällt uns super hier", fügt ihr Mann hinzu. Von dem Ruf der Party-Hochburg habe sie bisher gar nichts gehört. „Für Familien ist es sehr schön hier", sagt Andrea Wolf. Sie seien zufällig im Magaluf gelandet, man habe einfach ein Paket eines Reiseveranstalters gebucht.

Bereits nach wenigen Minuten fällt auf, dass die Wolfs nicht die einzigen Deutschen sind, die in Magaluf Urlaub machen. Man hört neben Englisch viel Deutsch, aber auch Russisch, Schwedisch oder Französisch. Der Ort scheint internationaler geworden zu sein. Das bestätigt Joan, der im neuen Meliá-Hotel Calvià Beach The Plaza an der Rezeption steht. „Mich hat überrascht, dass die Gäste im Sommer zu etwa gleichen Teilen aus Großbritannien und Deutschland kamen", sagt er.

Eigentlich wollen wir gern den zwischen zwei Gebäudeteilen schwebenden Pool begutachten, doch weil es im Januar daraus tropfte, wird der gerade repariert, die Dachterrasse ist gesperrt. „Aber bis Januar war er in Betrieb", sagt Joan. Dank der Beheizung kein Problem. Das Hotel ist das einzige in Magaluf, das ganzjährig geöffnet ist. Klar sei es im Winter etwas leerer gewesen, räumt Joan ein. Aber an Ostern werde rund 60 Prozent Auslastung erreicht. Das Bestreben nach mehr Qualität habe im vergangenen Jahr schon Früchte gezeigt. Es seien viele Familien gekommen. In diesen Tagen allerdings checkten doch wieder viele junge Leute ein, die vor allem an Alkohol und Party interessiert seien.

„Und das wird sich auch so schnell nicht ändern", schimpft Julia Mateo González, die wenige Meter weiter gemeinsam mit ihrer Tochter einen großen Souvenirladen führt. „Die ganze Qualitätsoffensive bringt doch nur etwas, wenn endlich auch die Medien mal aufhören, das immer gleiche negative Bild von Magaluf in die Welt zu tragen", ereifert sich Julia Mateo. „Als ob in Benidorm die Leute nicht vom Balkon springen würden." Die 60-Jährige redet sich in Rage. Seit mittlerweile 41 Jahren verkaufe sie nun in Magaluf Andenken. Zu Beginn habe das ja auch Spaß gemacht. „Da dauerte die Saison noch elf Monate, die Leute haben viel mehr gekauft. Und von den Sauftouristen war damals noch keine Spur." Das habe sich ums Jahr 2000 geändert. Seither werde es jedes Jahr schlimmer. Tochter Jacoba Velasco Mateo hat die Hoffnung dennoch nicht aufgegeben. „Jetzt hieß es ja, dass diese 20-Stunden-Sauf-Angebote verboten werden sollen. Dann könnte sich eventuell doch etwas zum Besseren wenden."

Sie zeigt auf den BCM Square gegenüber. „Schauen Sie mal, hier entsteht gerade ein neuer Gastromarkt. Hoffentlich bringt das etwas." Auf dem bisher ebenfalls etwas schmuddelig anmutenden Gelände hinter der Großraumdisco, die zum Cursach-Imperium gehört, sind gerade mehrere Personen damit beschäftigt, Tische zu säubern und Getränke aus Autos auszuladen. Zwar gab es hier bisher schon Bars und Lokale – vor allem zu Fußball-Länderspielen mit englischer Beteiligung versammelten sich hier die Fans –, doch in Zukunft soll das Angebot vielfältiger und qualitativ hochwertiger werden.

Joan Espina versteht den Pessimismus vieler Geschäftstreibender in Magaluf denn auch nicht. Der Vizepräsident der Hoteliersvereinigung Palmanova-Magaluf sieht einen klaren Trend hin zu weniger Exzessen und mehr  Qualitätsurlaubern. „Wir sind die Region auf ­Mallorca mit dem höchsten Anteil an Vier- und Fünf-Sterne-Hotels", sagt Espina. Nahezu 80 Prozent der Gästebetten verteilten sich auf diese Kategorien. Jedes Jahr öffneten neue ­Luxushotels, so etwa das Zafiro Palace in Palmanova im vergangenen Jahr oder in diesem Jahr ein neues Fünf-Sterne-Haus in Torrenova. ­Parallel dazu gehe der Sauftourismus von Jahr zu Jahr weiter zurück. Von 30 Prozent Urlaubern im ­jugendlichen Alter 2013 sei der ­Prozentsatz im vergangenen Jahr auf rund 17 Prozent zurückgegangen. „Damit nehmen auch die Probleme ab. In Palmanova und Magaluf mussten nur noch 95 Urlauber aufgrund ihres Benehmens des Hotels verwiesen werden." Im Jahr zuvor seien es noch rund 150 gewesen.

Der Privatwirtschaft, allen voran Meliá, kann man sicher nicht vorwerfen, untätig zugesehen zu haben, wie die Destination Magaluf immer tiefer gesunken ist. Der neue Komplex mit der Shoppingmall wirkt durchaus edel. Auch Beach Clubs wie das Nikki Beach oder das Wavehouse mit der Möglichkeit zu surfen, haben Magaluf zu mehr Attraktivität verholfen. Daneben aber bröckelt es an vielen Stellen. Das bedauert auch der Vorsitzende von Meliá Hotels International, Gabriel Escarrer. In einem schriftlichen Interview kritisiert er gegenüber der MZ, dass es rund um die aus dem Ei gepellten Hotels Ecken gebe, „die noch nicht auf einer Stufe mit den Qualitätsurlaubern stehen, die in unsere Häuser kommen".

Dazu gehören etwa auch die Treppen, die von der Punta Ballena an den Strand führen. Speziell nachts seien sie Treffpunkt für zwielichtige Gestalten, schimpft José Guerrero, der Inhaber des alteingesessenen Restaurants Sirocco direkt am Strand. Er ist mit seinen 62 Jahren genau 40 Jahre in Magaluf aktiv und bedauert, dass die Kundschaft in den vergangenen Jahren immer mehr zu wünschen übrig lasse. „Das ist ja schön und gut, was Meliá da investiert hat. Aber für mich und mein Lokal bringt das gar nichts", ist Guerrero überzeugt. Er rechnet eher mit dem Gegenteil. Dadurch, dass nun im Zentrum von Magaluf alles ein wenig schicker sei, dürften die Randgebiete noch weiter verkommen. „Punta Ballena wird in Zukunft noch mehr Gesindel anlocken." Er habe nur noch zwei Jahre, dann gehe er in Rente. „Warum soll ich da noch in mein Lokal investieren?" Aber die Gemeinde könne gern mal aktiv werden. Die Strandpromenade verfalle jedes Jahr mehr, die Mauer zwischen Strand und Promenade müsse endlich weg. „Ich sehe keine Investitionen von Seiten der Gemeinde. Seit Jahren tut sich absolut nichts."

Das lässt man im Rathaus so nicht auf sich sitzen. Eine Sprecherin verweist auf die etwa drei Millionen Euro, die die Gemeinde in den vergangenen vier Jahren in Magaluf ausgegeben hat. Die Liste der Verbesserungen sei lang. So wurden unter anderem die Avenida Magaluf neu asphaltiert, neue Bürgersteige angelegt, der zentrale Platz an der Avenida neu angelegt oder auch Hunderttausende Euro in eine größere Polizeipräsenz gesteckt.

Meliá-Vorsitzender Escarrer hat denn auch nur Lob für das Rathaus übrig, das im Übrigen auch den gesamten Prozess der Renovierungen und Neubauten von Meliá sehr wohlwollend verfolgt und unterstützt habe, wo es nötig war. „Ohne die Unterstützung der öffentlichen Hand wäre unser Projekt nicht möglich gewesen." Einen großen Anteil hätten auch die neuen Benimmregeln und die damit verbundenen Sanktionen. „Sie haben zu deutlich mehr Ordnung im öffentlichen Raum gesorgt", schreibt Escarrer.

Dass das Modell Magaluf auch an der Playa de Palma funktionieren könnte, bezweifelt Escarrer indirekt ein wenig. „Wir hoffen, dass es ein Vorbild für die Playa de Palma sein kann, auch wenn Meliá in Magaluf mit seinen mehr als 3.500 Betten eine dominante Position innehat." An der Playa de Palma gebe es deutlich mehr unterschiedliche Player, die sich zunächst auf einen gemeinsamen Weg einigen müssten. Erst dann könne dort eine umfassende Verbesserung erreicht werden.

Aber selbst in Magaluf sind ja noch lange nicht alle vom Erfolg der angestrebten Qualitätsoffensive überzeugt. Bis die Hoteliers die Inhaber von Lokalen und Geschäften vom Erfolg ihrer Investitionen überzeugt haben werden, dürften noch einige Jahre ins Land ziehen. „Wir wollen ja selbst endlich, dass sich was ändert. Allein es fehlt der Glaube", sagtJulia Mateo González in ihrem Laden und schaut verbittert ins Leere.

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