24. Mai 2019
24.05.2019

Alice Weber will als erste Deutsche Bürgermeisterin auf Mallorca werden

Die deutsche Spitzenkandidatin von Més in Inca über ihre Aufstellung bei den EU-Wahlen, die Arbeit im Stadtrat und ihre politischen Ziele

24.05.2019 | 01:00
Alice Weber war über ihr Engagement im Elternbeirat in die Politik geraten. Den Job als Pharmareferentin hängte sie dafür an den Nagel.

Fast alle kennen sie: Wenn Alice Weber durch die Innenstadt von Inca geht, wird die Stadträtin für Bildung und Arbeit beständig gegrüßt und in Gespräche verwickelt. „Meine Stimme hast du", bekommt sie zu hören. Die 43-jährige Deutsche, die im Alter von 15 nach Mallorca kam und bis vor vier Jahren als Pharmareferentin arbeitete, tritt am Sonntag (26.5.) bei den Gemeindewahlen auf Listenplatz eins der linksökologischen Regionalpartei Més an und hat Chancen auf das Bürgermeisteramt, falls das Linksbündnis neu aufgelegt wird. Derzeit besteht es aus Sozialisten, Més, El Pi und Independents. Més stellt Alice Weber auch für die EU-Wahlen auf. Sie kandidiert auf der Liste des Bündnisses linker Regionalparteien, Compromís.

Spitzenkandidatur in Inca und Listenplatz für Europa – Sie fahren zweigleisig?
Nein, das ist ein einziges Gleis. Ich bin Kandidatin für das Bürgermeisteramt in Inca, das ist meine absolute Priorität. Ich bin stolz, dass ich dieses politische Projekt verantworten darf. Und als Bürgermeisterkandidatin werde ich auch die Person sein, die Més in dieser progressiven, pluralistischen und grünen Europa-Liste repräsentiert.

Compromís ist bislang nur mit einem Abgeordneten im Europa-Parlament. Ihre Kandidatur ist nur symbolischer Natur?
Nein, wir müssen als Més unsere Stimme und unsere Anliegen nach Europa tragen und teilhaben an der Politik: Inca ist Europa, Son Gotleu ist Europa, Alcúdia ist Europa.

Welche konkreten Erfolge können Sie nach vier Jahren im Gemeinderat vorweisen?
Wir haben im Schulwesen und auf dem Arbeitsmarkt Spitzenpolitik gemacht. Von den rund 80 Millionen Euro, die Inca von der EU und von Madrid erhält, habe allein ich 20 Millionen zu verantworten. Derzeit richten wir eine neue Grundschule ein. Unser Pilotprojekt in der Einschulung läuft so gut, dass es jetzt auch in Palma eingeführt wird. Es gibt kostenlosen Nachhilfeunterricht für rund 200 Schüler. Das Rathaus hat über 550 Personen in Arbeit gebracht, sie werden eingestellt und dann an Firmen vermittelt.

Spielte Ihr deutscher Hintergrund eine Rolle bei der täglichen Arbeit?
Absolut. Wir sind zum Beispiel die erste Stadt auf Mallorca, die eine duale Ausbildung eingeführt hat, es ist bereits der dritte Jahrgang am Start. Langsam merken auch die beteiligten Firmen: Wow, das ist die Zukunft.

Lief es so, wie Sie es sich vorgestellt hatten?
Ich hatte gedacht, dass ich von bestimmten Seiten Steine in den Weg gelegt bekomme. Aber ich hatte keine Probleme mit Vertretern der anderen Parteien, auf Kommunalebene lässt sich alles verhandeln. Hart war vielleicht manchmal, wenn die Kritik aus den eigenen Reihen kam. Aber in der öffentlichen Verwaltung geht vieles nicht so schnell. Ich konnte aber immerhin 29 der 31 Punkte aus meinem Wahlprogramm umsetzen. Noch nicht geschafft habe ich etwa die Einrichtung eines Universitätszentrums in Inca.

Was war die schwierigste Situation?
Der Fall Contratos (Skandal um die Vergabe von Aufträgen an den Ex-Wahlkampfmanager der Partei auf Balearen-Ebene. Die Ermittlungen wurden inzwischen eingestellt, Anm. der Red.). Wir mussten vorbildlich handeln und Konsequenzen ziehen, auch wenn sich die Vorwürfe als falsch erwiesen. Die Rücktritte haben wehgetan.

Hat die Partei Fehler begangen?
Wir haben sehr viel politische Verantwortung in den Institutionen übernommen. Im Nachhinein würde man vielleicht das eine oder andere anders machen. Aber ich bin sehr stolz auf die geleistete Arbeit, und die Partei steht zusammen wie nie.

Hatten Sie zwischendurch überlegt, das Handtuch zu schmeißen?
In der schlimmsten Phase war es persönlich zum Teil sehr hart, und es gab Momente, in denen ich mich fragte: Ist es das wirklich wert? Aber mir war letztendlich das politische Projekt wichtiger. Denn entweder macht man Politik, oder man überlässt sie anderen.

In Inca ist auch die Regionalpartei El Pi mit im Linksbündnis. Ein Vorbild für eine künftige Landesregierung, falls Stimmen für eine eigene Mehrheit fehlen?
Für mich ist am wichtigsten, die rechtsextremen Strömungen zu stoppen. Am liebsten wären mir natürlich grüne und linke Parteien mit einer absoluten Mehrheit. Und wenn nicht, dann Koalitionen für die nötige Stabilität. In Inca habe ich keine schlechten Erfahrungen gemacht, auch wenn es nicht einfach ist.

Haben linke Parteien mit ihrer Solidarität für katalanische Separatisten die rechtsextreme Partei Vox mit befördert?
Das Thema sollte nicht so sehr die Verteidigung von Katalonien sein als die Verteidigung bedrohter demokratischer Grundrechte, die sich Spanien gerade erst erkämpft hat, sowie die Unabhängigkeit von Justiz und Medien.

Ihre zentrale Botschaft im Wahlkampf?
Ich gehe mit Begeisterung und Respekt in den Wahlkampf. Vor vier Jahren wollten wir den Machtwechsel. Jetzt ist ein entscheidender Moment auf den Balearen, unsere politische Arbeit steht noch auf einer schwachen Basis und muss in den nächsten vier Jahren verankert werden. Das gilt für das Müllgesetz, das Klimagesetz oder die Exhumierung von Bürgerkriegsopfern. Jetzt kommt es darauf an.

Müssen Sie sich vorhalten lassen, dass Sie jetzt wie ein typischer Politiker sprechen?
Nein, ich habe schon vorher so enthusiastisch gesprochen, in Inca nennt man mich 'Alice Huracán'. Aber früher habe ich solchen Sätzen oft ein Schimpfwort hinterher geschickt. Vielen ist aufgefallen, dass ich das nicht mehr tue. Und ich muss bei Antworten auf Facebook dreimal überlegen – ich bin jetzt politisch korrekter. Als Politiker verliert man so Natürlichkeit und damit ein Stück Glaubwürdigkeit.

Sie sind die einzige deutsche Stadträtin auf Mallorca – fühlen Sie sich manchmal als Sprecherin Ihrer Landsleute?
Nein, aber ich biete mich gerne als Vermittlerin an. Wenn eine Gruppe von Deutschen das Gefühl hätte, von der Landesregierung nicht gehört zu werden, würde ich vermitteln.

Bislang stellen die Sozialisten den Bürgermeister. Würden Sie bei einer Wiederauflage des Bündnisses darauf pochen, das Amt aufzuteilen, so wie in anderen Gemeinden?
Wir präsentieren uns für das Bürgermeisteramt, und ich will Bürgermeisterin von Inca werden. Darauf arbeiten wir hin.

Erste deutsche Bürgermeisterin Mallorcas – was würden Sie Medien aus Deutschland sagen, die für Interviews Schlange stehen?
So weit habe ich noch nicht gedacht. Ich würde ihnen genauso antworten, als wenn ich Bürgermeisterin von Königswinter wäre. Die wichtigere Nachricht für mich wäre, dass in Inca erstmals eine Frau das Amt übernehmen würde. Und das würde mich wahnsinnig freuen.

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