27. Oktober 2019
27.10.2019

Der Anbau und Konsum von Marihuana boomen auf Mallorca

Mal im rechtlichen Graubereich, mal kriminell, stets aber hochprofitabel. Erkundungen unter Polizisten, Züchtern und Kiffern

27.10.2019 | 01:00
In kleinen Mengen wird das Marihuana für den Privatgebrauch geduldet.

Wer in Palma mit wachem Auge von einem Hochhaus in die anliegenden Innenhöfe und Balkone blickt, wird nicht lange brauchen, um eine Cannabis-Pflanze zu entdecken. Auch gibt es kaum noch ein Konzert oder eine Fiesta auf der Insel, wo einem nicht der markante Marihuana-Geruch in die Nase steigt. „Die Leute verstecken sich gar nicht mehr. Bei jedem Spaziergang, ganz egal ob morgens oder abends, kannst du auf jemanden treffen, der gerade einen Joint raucht", sagt ein altgedienter Beamter der Nationalpolizei. Wie die meisten Ansprechpartner bei diesem Thema will er seinen Namen nicht in der Zeitung sehen.

Marihuana boomt auf Mallorca. Sowohl der Anbau als auch der Konsum von Cannabis weiten sich immer weiter aus. „Das hängt damit zusammen, dass die Nachfrage auf der Insel groß ist und es gleichzeitig relativ einfach ist, an Marihuana zu kommen. Zudem sind die Preise in den vergangenen zehn Jahren gesunken", sagt ein erfahrener Ermittler des Dezernats für Drogen und Organisierte Kriminalität (UDYCO).

Die Experten warnen davor, dass besonders Jugendliche immer früher mit dem Konsum beginnen. „Einige beginnen schon mit zwölf oder 14 Jahren mit dem Kiffen. Mit 17 oder 19 Jahren sind sie schon regelmäßige Raucher. Mit der Zeit werden sie abhängig. Das zieht familiäre, soziale, psychische und physische Probleme mit sich. Auch beim Job geht es bergab. Letztlich enden sie als klägliche Marihuana-Junkies", sagt ein weiterer Polizist. Und einer seiner Kollegen fügt hinzu, dass sich auch die Konsumgewohnheiten geändert hätten: „Sie kiffen nicht nur, sondern nehmen gleichzeitig andere Substanzen, Alkohol oder synthetische Drogen."

Hoher Gewinn, geringes Risiko

Das Wachstum der Branche zieht auch mehr Arbeit für die Polizei nach sich. Erst am Freitag (11.10.) hat die Guardia Civil mal wieder eine Plantage hochgenommen, diesmal mit 793 Cannabis-Pflanzen auf einer Finca zwischen Inca und Llubí. „Es gibt Clans und Organisationen, die sich fast ausschließlich auf Marihuana beschränken", sagt der Polizist. „Die Gewinnmarge ist groß und das Risiko, erwischt zu werden, gering oder gleich null." Auch das Strafmaß sei niedrig. Auf den Plantagen gebe es normalerweise einen von der Organisation beauftragten Verwalter, der sich allein als schuldig bekennt, wenn die Sache auffliegt, sagt der erfahrene Drogenermittler.

Drinnen oder draußen

Der Anbau erfolgt nur zu etwa 30 Prozent im Freien, auf Fincas im Inselinneren, wo weniger Gefahr besteht, entdeckt zu werden. „Das Klima auf der Insel ist ideal. Fast das ganze Jahr kann angebaut werden", sagt ein Kenner der Szene. Neben den Balearen ist der Cannabis-Anbau auch noch an der Mittelmeerküste des Festlandes sowie in Andalusien weitverbreitet. Einer der Probleme des Outdoor-Anbaus ist jedoch der Diebstahl. „Das ist ein großes Thema hier", sagt ein Marihuana-Anbauer. „Im Sommer gibt es auf Mallorca Leute, die auf den Feldern und an abgelegenen Orten unterwegs sind, um die Plantagen aufzuspüren. Sie berechnen, wann nach der Blüte der ideale Zeitpunkt gekommen ist, brechen in die Finca ein, schneiden die Pflanzen ab und verschwinden."

Schwerer zu entdecken sind die Indoor-Plantagen, die mit etwa 70 Prozent den größten Teil des Anbaus ausmachen. Die Pflanzen wachsen in Garagen, in Häusern, Wohnungen oder Lagerhallen. Marihuana aus Innenanbau ist meist von höherer Qualität. Zudem lässt es sich wetterunabhängig anbauen. „Alle drei Monate kann geerntet werden. Wenn man die Pflanzen in vier Perioden aussät, hat man das ganze Jahr über Marihuana", sagt der Beamte der Nationalpolizei. Eine sogenannte Indoor-Plantage mit etwa 500 Pflanzen koste in der Anschaffung zwischen 3.000 und 5.000 Euro, schätzt der Ermittler. Hinzu komme die Miete und eventuell der Preis, den ein Züchter verlangt, um auf die Plantage aufzupassen. „Insgesamt lassen sich dann um die zwölf bis 14 Kilogramm Blüten ernten. Der Netto-Gewinn nach dem Verkauf liegt bei 15.000 bis 20.000 Euro nach drei Monaten."

Der für die Wärmelampen benötigte Stromverbrauch ist hoch, meist werden fremde Leitungen angezapft. „Der Drogenanbau geht dann mit einem Betrug einher", sagt der Beamte der Nationalpolizei. Das eröffnet Möglichkeiten für die Ermittler: Nicht selten kommt es vor, dass Mitarbeiter der Stadtwerke über Unregelmäßigkeiten auf der Rechnung auf eine Plantage stoßen und den Fall der Polizei melden.

Der Vertrieb

Vertrieben wird das Marihuana – zum Unmut vieler Anwohner – oft in sozialen Brennpunkten, etwa in der Siedlung Son Banya oder in Palma in den Vierteln Son Gotleu, La Soledad oder Corea. Die Polizei geht mit häufigen Razzien gegen diese Verkaufspunkte vor. Ein Gramm Marihuana von Indoor-Pflanzen kostet dort zwischen 6 bis 8 Euro, von Outdoor-Pflanzen 3 bis 5 Euro.

Ebenso auf dem Vormarsch ist auch der Anbau für den Eigenkonsum. Der wird zwar in den meisten Fällen von der Polizei geduldet, wirklich legal ist er aber nicht.

Um die Pflanzen möglichst unbemerkt anzubauen, gibt es mittlerweile eigens dafür hergestellte, schrankähnliche Zelte. „Diese sind wie kleine Drogenlabore", sagt der Szenekenner. „In manche Schränke passen mehr als 20 Pflanzen rein. Sie sind mit Lampen und Abzugshaube ausgestattet und sehr praktisch, da sie luftdicht sind und der Geruch somit nicht entfleucht. Auf Mallorca sind sie weitverbreitet." Die Schränke sind legal im Internet oder in Fachgeschäften, den Grow Shops, zu kaufen und kosten je nach Größe zwischen 30 und 1.500 Euro. „Es gibt Leute, die haben fünf oder sechs der Zelte zu Hause nebeneinanderstehen", sagt der Mann.

Mit Zubehör und Samen decken sich die Marihuana-Anbauer in Grow Shops ein, von denen auf Mallorca etwa ein halbes Dutzend registriert sind. Dort, sowie in weiteren inoffiziellen „Fachgeschäften" gehen auch diejenigen Züchter ein und aus, die sich auf die Produktion von Samen oder Stecklingen mit einem immer höheren Anteil von THC – so heißt der psychoaktive Wirkstoff – verlegt haben. Die Spezialisierung schreitet weiter voran.

Kiffen im Club

Es gibt noch einen dritten Marihuana-Schauplatz auf Mallorca. Nach dem Vorbild von Barcelona haben sich auf der Insel Cannabis-Clubs gegründet. Während sie in der katalanischen Metropole jedoch reguliert und somit legal sind, sind sie auf der Insel noch verboten. Der Hintergedanke besteht darin, auszunutzen, dass der Anbau von Cannabis für den Eigenbedarf geduldet wird. Anstatt dass jedes Mitglied jedoch seine Pflanzen einzeln anbaut, unterhält der Club eine Plantage und verkauft das Marihuana an die Mitglieder. Die Cannabis-Organisation FAC fungiert gar als Dachverband. Auf den Balearen gibt es derzeit acht bei FAC eingeschriebene Clubs: in Palma, Llubí, Alaró, Santa Maria, Manacor, Pollença, Menorca und Ibiza. Außerhalb der Organisation gibt es noch etwa 20 Clubs mehr. „Im Prinzip kann jeder Club FAC beitreten", sagt Toni Homar, einer der Verantwortlichen des Verbandes auf den Balearen. „Er muss sich nur an unsere Vorschriften halten. Mit dem Club darf kein Geld verdient werden, und Minderjährige dürfen nicht Mitglied werden."

Die Polizei weiß über die meisten Clubs Bescheid und hat in den vergangenen drei Jahren dort an die 15 Razzien durchgeführt. „Die Leute dürfen diese Lokale nicht mit Marihuana betreten oder verlassen. Man kann solche Vereine nicht zulassen, schließlich geht es hier um ein illegales Rauschmittel", sagt der erfahrene Beamte der Nationalpolizei. Um Beweise zu sammeln, muss allerdings erst einmal monatelang ermittelt werden. So ist der Raucherclub, den die MZ in einem Report vor zwei Jahren vorstellte, immer noch aktiv.

Angesichts von Gerichtsurteilen, die auch die Plantagen der Raucherclubs für illegal erklärten, sieht Toni Homar eher düster in die Zukunft. „Der politische Willen, den Konsum zu regulieren, ist nicht vorhanden, zumal die Parteienlandschaft immer stärker fragmentiert ist", sagt er. Letztlich bedürfe es dafür ohnehin spanienweiter Gesetzesänderungen, sagt der frühere Més-Politiker David Abril. Vor zwei Jahren leitete er einen Ausschuss im Balearen-Parlament, der sich mit Cannabis beschäftigte. Das Ergebnis war ein zwanzigseitiges Dokument, in dem eine Auflockerung des Verbots gefordert wurde. Der Ausschuss befürwortete dabei auch die Raucherclubs. Unter anderem argumentierte er damit, dass das gemeinsame Rauchen dort das Risiko der Abhängigkeit vermindere, da die Mitglieder gegenseitig auf sich aufpassen und im Bedarfsfall Hilfe holen könnten. Da es sich um Vereine handelt, die keine Gewinne erzielen dürfen, gebe es auch keine Werbung für den Marihuana-Konsum. „Wir befinden uns in einem Wandel. Das Cannabis-Verbot war nicht die beste Lösung, um den Konsum und den illegalen Handel zu reduzieren", hieß es in den Schlussfolgerungen des Dokuments.

Das bestätigt auch der gegenwärtige Boom auf Mallorca. Das Einzige, in dem sich Polizei und Raucherclubs einig sind, ist in der außerordentlichen Qualität des auf Mallorca angebauten Marihuana. Dank der fortschreitenden Züchtung immer besserer Pflanzen sei mittlerweile ein „außerordentlich hoher" THC-Anteil erreicht worden, sagt der altgediente Beamte der Nationalpolizei und ergänzt: „Das Marihuana der Insel ist hervorragend, womöglich das beste der Welt. "

Geduldet heißt nicht, dass es erlaubt ist


Beim Kiffen in der Öffentlichkeit drückt die Polizei auf Mallorca zwar oftmals ein Auge zu, doch legal ist der
Besitz von Marihuana nicht. Bis zu 100 Gramm werden von den Polizisten jedoch als Eigenbedarf geduldet. Das Rauchen an sich ist zwar erlaubt, aber nur in den eigenen vier Wänden, ohne das andere den Raucher sehen oder riechen können. Daher sind die Raucherclubs strikt genommen illegal, da sie ihre Mitglieder gemeinsam rauchen lassen. Ein Irrglaube ist auch, dass der Anbau für den Eigenbau, in den meisten Fällen ist von bis zu drei Pflanzen die Rede, legal ist. Es wird aus bürokratischen Gründen kein Verfahren eingeleitet, einen Strafzettel kann es jedoch geben.

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