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Die geheimen Eigenschaften des Rosmarin

Das Heilkraut schmeckt nicht nur gut, sondern ist auch ein altes Heilmittel: Ein Workshop in Alaró vermittelt Wissenswertes über seine Wirkstoffe

Karen Navaro, Expertin für Heilpflanzen, mit einem Korb voll Rosmarin.

Karen Navaro, Expertin für Heilpflanzen, mit einem Korb voll Rosmarin. / Nele Bendgens

Im Rosmarin versammeln sich die Düfte von Kiefer, Holz, Lavendel, Zitrone, Salbei und Minze, also typische Aromen des Mittelmeerraums. Der Alleskönner unter den Kräutern steht an diesem Tag im Mittelpunkt eines Workshops namens „Ein Date mit dem Rosmarin“. Sieben Teilnehmerinnen wollen das Heilkraut näher kennenlernen. Die MZ hat vorbeigeschaut.

Wir treffen uns im Salon von Karen Navarro in Alaró. Der Ausblick von dort auf die Tafelberge des Ortes ist magisch: In einer der Rondalles, den Märchen Mallorcas, tanzen Hexen in Vollmondnächten auf einem zwischen den beiden Bergen gespannten Spinnenfaden. Doch bei dem Kurs geht es nicht um Zaubertränke. Die Katalanin bleibt auf dem Boden der Tatsachen, sie nutzt Traditionelles aus der Naturheilkunde von der Insel und anderswo ebenso wie moderne wissenschaftliche Erkenntnisse. Zudem war sie auf den Spuren heilkundiger Mayas in Mexiko unterwegs, in Peru lernte sie im Amazonas-Tiefland die Pflanzen des Regenwaldes kennen und in Indien die Ayurveda-Lehre.

Den theoretischen Teil des Workshops beginnt sie mit der Nachricht, dass der Rosmarinstrauch einen neuen botanischen Namen bekommen hat. Bisher gehörte der Klassiker unter den Mittelmeerkräutern zu der kleinen Gattung Rosmarinus, sein botanischer Name war Rosmarinus officinalis. Kürzlich wiesen Botaniker seine enge Verwandtschaft mit dem Salbeistrauch nach. Beide sind Mittelmeergewächse und gehören zur großen Gattung der Lippenblütler. Der Rosmarin heißt also in Zukunft Salvia rosmarinus (romero span., romaní kat.).

Wie der Rosmarin wirkt

Auf Mallorca wächst das Heilkraut wild an den Küsten und auf den Bergen sowie in vielen Gärten als Strauch, Hecke, Bodendecker oder auf Terrassen im Pflanzgefäß. Weil sie auf der Insel reichlich verfügbar war, spielte die aromatische Pflanze schon immer eine große Rolle in Küche und Naturmedizin. Die Nadeln des Rosmarins enthalten bis zu 2,5 Prozent ätherische Öle, die für die eingangs erwähnten Aromen verantwortlich sind. Die Zweige sind darüber hinaus reich an Terpenen sowie an Gerb-, Bitterstoffen und Saponinen.

Rosmarin hätte einen erheblichen Einfluss auf das zentrale Nervensystem, berichtet die 46-Jährige Navarro, er steigere die kognitive Leistungsfähigkeit. Dies ermögliche, dass das Heilkraut als Stimmungsausgleich funktioniert: Es besänftige Stress und Ängste, wirke aber gleichzeitig gegen Müdigkeit und verbessere die Qualität des Schlafes. Zudem hülfen die Nadeln bei Hautwunden und beugten Narben vor. Auch bei Atemwegsinfektionen hätte der Rosmarin beruhigende, entzündungshemmende und krampflindernde Wirkung. Zudem enthält das Heilkraut Antioxidantien. Diese entgiften das Verdauungssystem und die Leber. „Das nur als kleine Auswahl aus dem Heilprogramm der Pflanze“, sagt Navarro.

Der Rauch des Rosmarins hat reinigende Wirkung.

Der Rauch des Rosmarins hat reinigende Wirkung. / Nele Bendgens

Die Extraktion

Verschiedene Flüssigkeiten entreißen den Zweigen die Heilstoffe. Das ist die sogenannte Extraktion. Die einfachste Form ist ein Aufguss, der wie Tee mit Wasser zubereitet und getrunken wird. Äußerlich kann der Aufguss als Dampfbad gegen Atembeschwerden heilsam sein. Bei einer Tinktur für innerliche und äußerlich Anwendung ist es hingegen Alkohol, der dem Rosmarin die Wirkstoffe entzieht. Navarro löst die Nadeln nicht mit dem vergällten Alkohol aus der Apotheke, sondern in Wodka oder in Orujo, der aus Traubenzester gebrannt wird.

Für eine Mazeration kommen Pflanzenöle, wie Oliven- oder Mandelöl, zum Einsatz. Beim Entzug der ätherischen Öle des Rosmarins ist Wasserdampf im Einsatz. Eine Destillation würden den Rahmen des Workshops sprengen. Zum Kennenlernen stehen die kostbaren Öle in Fläschchen bereit.

Das Räuchern

Karen Navarro zündet jetzt einen Rosmarinzweig an: Der Rauch der Zweige hätte traditionell reinigende Wirkung. Man nütze ihn beispielsweise im Yogastudio zur schonenden Desinfektion eines Raumes, er trage zur Konzentration von Gestressten bei und wirke zudem auch als sanfte Abwehr gegen Motten oder Mücken.

Balsam des Samariters

Ein Mischung aus Rotwein, Olivenöl und Rosmarin ist der „Balsam des Samariters“. Er ist vor allem Pilgern nach Santiago de Compostela bekannt, die damit die Beschwerden lindern, die langes Wandern in schweren Stiefeln verursachen. „Olivenöl hat den gleichen pH-Wert (4 bis 5,5) wie die Haut“, sagt Navarro und schneidet mit der Schere die Nadeln vom Zweig. Eine der Teilnehmerinnen bringt nun 100 ml Rotwein mit 100 ml Olivenöl zum Kochen und gibt 50 g Rosmarin zu.

Das Ganze muss etwa zehn Minuten köcheln, bevor die Flüssigkeit über ein Sieb abgegossen wird. Abgekühlt kann die Tinktur in die Haut einmassiert werden, gibt man flüssiges Bienenwachs hinzu, entsteht eine Salbe. Aufbewahrt wird der Balsam in dunklen Gläsern, geschützt vor Sonnenlicht. Er hilft bei Zerrungen, Verstauchungen und Schürfwunden. Trockenen Händen liefert er Feuchtigkeit.

Vernünftig sammeln

Nach dem Balsam stellen wir noch das Duftwasser Agua de Florida her, ein Äquivalent des Kölnischwassers in Amerika sowie eine Rosmarinbutter. Der wild wachsende Rosmarin ist nicht vom Aussterben bedroht, wer für seine Naturmedizin Rosmarin sammelt, sollte aber darauf achten, dass nur ein kleiner Teil der Pflanze gepflückt wird. Zum Thema Sammeln hat die Katalanin eine glosa bereit. Denn auch die Inselpoesie beschäftigt sich mit dem Heilkraut. Übersetzt heißt der Zweizeiler so viel wie „Wer Rosmarin nicht pflückt, hat keine Liebe und wird sie auch nicht finden“ (Qui no cull el romani, no té amor ni en vol tenir).

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