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Mentale Gesundheit auf Mallorca: So schätzt der erfahrene Neurologe Fritz Nobbe die Lage ein

Der deutsche Neurologe Fritz Nobbe behandelt auf Mallorca mehr ausländische als einheimische Patienten. Seit Januar ist er zudem Teil eines neuen Projekts für Alzheimer-Patienten der Clínica Juaneda

Fritz Nobbe behandelt in der Clínica Juaneda auch viele deutsche Patienten.

Fritz Nobbe behandelt in der Clínica Juaneda auch viele deutsche Patienten. / Nele Bendgens

Simone Werner

Simone Werner

Der Ulmer Fritz Nobbe ist zum 1. Januar wegen eines neuen Projekts für Alzheimer-Patienten (AMBAR, Alzheimer Management By Albumin Replacement) fest in die Clínica Juaneda gewechselt. Zuvor war er dort sowie in der Clínica Picasso und in der Palma Clinic, wo er weiterhin einmal pro Woche Sprechstunde hat, schon als Berater, stellvertretender ärztlicher Direktor und Belegarzt für Neurologie tätig. Im Interview erklärt er, warum nicht nur deutschsprachige Patienten sich ihm anvertrauen und wie Mallorca in Sachen neurologische Behandlungen dasteht.

Sie sind seit 2001 auf Mallorca, waren zuvor auch schon drei Jahre lang in Barcelona. Wie kam es, dass Sie sich hier niedergelassen haben?

Meine Frau ist Spanierin, stammt aus Barcelona. Damals stand die Einschulung meines Sohnes bevor und wir haben uns gefragt, wo er groß werden soll. Auf Mallorca hatten wir 1995 geheiratet. Zudem war ich damals schon mehrsprachig, beherrschte neben Spanisch, Englisch, Deutsch und Französisch auch Katalanisch. In der Klinik, in der ich in Deutschland war, waren die Aufstiegschancen nach meinem Facharzt damals schlecht, die Arbeitsbedingungen teilweise brutal, mit unbezahlten Diensten und Überstunden.

Welche neurologischen Erkrankungen haben die Patienten, die hier vor allem zu Ihnen kommen?

Ich habe viele ältere Patienten. Daher sind Parkinson, Schlaganfälle und Demenz häufige Krankheitsbilder. Die Patienten kommen auch wegen Migräne, Clusterkopfschmerzen, Gehstörungen, Polyneuropathien oder Muskelerkrankungen zu mir. Menschen, die an Multipler Sklerose oder Epilepsie leiden, habe ich eher weniger. Beides sind Erkrankungen, die meist schon im jungen Erwachsenenalter diagnostiziert werden. Über die Jahre steigen dann auch wegen der Schwere der Erkrankungen die Versicherungsbeiträge für die Privatpatienten oft so stark, dass sie sie irgendwann nicht mehr bezahlen können. Nur die wenigsten suchen dann noch Privatärzte auf und zahlen etwa eine Erstversorgung aus privater Tasche. Wenn jemandem erst mit 70 Jahren Alzheimer oder Parkinson diagnostiziert wird, ist das etwas ganz anderes.

Inwiefern unterscheiden sich die Patienten hier von denen, die Sie in Deutschland hatten? Geht es hier häufig auch um Dinge wie Suchtverhalten?

Ja, Sucht ist vermehrt ein Thema. Hier leben viele Menschen, die viel Freizeit und viel Geld haben. Dementsprechend gibt es auch mehr Freizeitdrogen, vor allem Alkohol oder Kokain, und mehr Opfer des Freizeitvergnügens, so wie es in jedem Urlaubsparadies üblich ist. Da deutschsprachige Psychiater dünn gesät sind auf der Insel und ich gut vernetzt bin, bin ich häufig auch für sie ein Ansprechpartner.

Wie viele Ihrer Patienten sind ausländischer Herkunft?

Ich würde schätzen, dass 45 Prozent einheimische Patienten sind, 55 Prozent internationale. Unter Letzteren sind vor allem deutschsprachige und britische, aber auch solche aus Nordeuropa.

Kommen viele bewusst zu Ihnen, weil Sie wissen, dass Sie Ihre Muttersprache sprechen?

Ja. Ich glaube, dass dieser Aspekt für viele Patienten eine Rolle spielt, vor allem für ältere. Auch Mallorquiner kommen deswegen zu mir. Seine Gefühle und (Miss-)Empfindungen, um die es bei neurologischen Erkrankungen ja oft geht, kann man am besten in seiner Muttersprache ausdrücken.

Ist einer von zwei Neurologen in der Clínica Juaneda: Fritz Nobbe.

Ist einer von zwei Neurologen in der Clínica Juaneda: Fritz Nobbe. / Bendgens

Welche technischen Möglichkeiten stehen Ihnen auf Mallorca für die Behandlung zur Verfügung?

In Sachen Bildgebung etwa 3-Tesla-MRTs. Bei Tesla handelt es sich um die Magnetfeldstärke des Geräts. Die Geräte geben zum Beispiel bei Multiple-Sklerose-Patienten klarere Antworten. Zudem können wir auf die nuklearischen Verfahren PET (Positronen-Emissions-Tomografie) und SPECT (Single-Photon-Emissions-Computertomografie) zugreifen. Damit kann man etwa schauen, ob der Patient einen Dopamin-Mangel hat, was typisch für Parkinson wäre. Auch chirurgisch sind wir gut aufgestellt. Wir haben hervorragende Neurochirurgen und hochmoderne Geräte und Möglichkeiten. Wir können etwa ein CT während einer Operation machen. Für unser Alzheimer-Projekt AMBAR haben wir zudem erst kürzlich ein neues Gerät zur Plasmapherese angeschafft. (Bei dem Blutreinigungsverfahren werden im Blutplasma krankheitsverursachende Substanzen entfernt und durch Ersatzlösungen, etwa Albumin, ersetzt und die Blutzellen dann wieder zurückgeführt, Anm. d. Red.)

Wie ist die Behandlungssituation in den öffentlichen Krankenhäusern?

Auch dort gibt es viele gute Fachabteilungen. Es dauert nur häufig sehr lange, bis man in die Spezialambulanzen kommt, teils bis zu einem Jahr. Zuerst sucht der Patient seinen Hausarzt auf, kriegt dann womöglich erst mehrere Monate später einen Termin beim Facharzt in den öffentlichen Krankenhäusern. Dort verweist einen der allgemeine Neurologe dann zum Beispiel an die Abteilung für Demenz. Wenn man eine schnell voranschreitende Erkrankung hat, sind das lange Wartezeiten.

Inwiefern helfen Mallorca und die Umweltbedingungen hier bei neurologischen Erkrankungen?

Das Klima ist für Patienten mit Polyneuropathien, also Erkrankungen der peripheren Nerven, die etwa zu Gangunsicherheit oder Schmerzen führen, meist deutlich angenehmer. Die Nervenleitgeschwindigkeit ist temperaturabhängig. Daher geht es den Menschen hier besser. Der Sommer allerdings kann beispielsweise für Menschen mit Multipler Sklerose anstrengender sein, da es zum Uhthoff-Effekt kommen kann. Bei diesem werden Symptome, zum Beispiel Spastiken, reaktiviert, da die Körpertemperatur steigt. Daher sollten MS-Patienten ihren Körper kühlen. Was die psychische Komponente betrifft, wirken sich Sonne und Licht ansonsten positiv aus. Deswegen haben die nordischen Länder auch eigene Kliniken auf den Kanaren.

Was könnte sich in Sachen neurologische Erkrankungen und Behandlungsmethoden auf Mallorca in Zukunft ändern?

Ich hoffe, dass wir dank AMBAR bald eine Möglichkeit haben, Alzheimer zu stabilisieren. Bisher können wir die Erkrankung nur verlangsamen. Immerhin: Wir können sie dank Biomarkern schon vor dem Ausbrechen erkennen. Da stellt sich dann die ethische Frage: Soll man eigentlich gesunde Menschen mit Medikamenten behandeln, die noch gar keine Beschwerden haben? Oder sollten wir so lange warten, bis sich welche zeigen, die dann aber nicht mehr wegzubekommen sind? Jede Behandlung hat ein Risiko.

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