Eine seit Tagen andauernde Zunahme der Ankünfte Hunderter Migranten stellt die Kanaren und vor allem die kleine Insel El Hierro vor große Probleme. Allein am Freitag seien seit Mitternacht insgesamt 518 Migranten geborgen worden, die vor den Küsten des zu Spanien gehörenden Atlantik-Archipels auf sechs Booten unterwegs gewesen seien, teilte der spanische Seerettungsdienst mit.

277 dieser Migranten seien nahe El Hierro in Sicherheit und dann auf die Insel gebracht worden, hieß es. Damit erhöhte sich die Zahl der Menschen, die seit Dienstag irregulär auf El Hierro ankamen, auf knapp 1500. Die Insel hat gut 11 000 Einwohner und ist einem solchen Zustrom von Migranten nach eigenen Angaben nicht gewachsen. Einige Medien sprechen bereits vom «spanischen Lampedusa».

Überwiegende Mehrheit aus Ländern südlich der Sahara

Den amtlichen Angaben zufolge wurden am Freitag insgesamt 484 Männer, 8 Frauen und 26 Minderjährige in Sicherheit gebracht. Die überwiegende Mehrheit stamme aus Ländern südlich des Sahara, hieß es. Es wird vermutet, dass die Zunahme der Ankünfte auf den Kanaren mit der politischen und sozialen Krise im Senegal zusammenhängt.

Migranten kommen in einem Boot im Hafen von La Restinga auf der Insel El Hierro an. Am Mittwoch erreichten fünf Boote mit insgesamt 639 Migranten die Insel. Foto: Europa Press/EUROPA PRESS/dpa

Die Situation sei «unhaltbar», sagte der kanarische Regierungschef Fernando Clavijo am Freitag dem TV-Sender Antena 3. Der konservative Politiker warf der linken Zentralregierung Tatenlosigkeit vor. «Wir sind fassungslos und perplex über das Schweigen einer spanischen Regierung, der die Ereignisse im Zusammenhang mit der Migration und der Druck, dem alle Kanaren ausgesetzt sind, anscheinend völlig egal sind», sagte er.

"Außergewöhnliche und dringende Maßnahmen"

Wieso die meisten Migranten-Boote auf der sogenannten kanarischen Route zuletzt vor allem El Hierro ansteuerten, ist nicht bekannt. Inzwischen wurden nach Behördenangaben Hunderte von Migranten auf andere, deutlich größere kanarische Inseln gebracht, etwa nach Teneriffa. Die Inselregierung forderte trotzdem von Madrid und der EU «außergewöhnliche und dringende» Maßnahmen. «Die Herreños sind zwar ein hilfsbereites und einfühlsames Volk, das aus erster Hand weiß, was Auswanderung bedeutet. Doch sie sind weder flächen-, noch bevölkerungs-, noch ressourcenmäßig darauf vorbereitet, eine so große Zahl von Migranten zu bewältigen», hieß es in einer Mitteilung.

Nach Angaben der spanischen Hilfsorganisation Caminando Fronteras starben in den ersten sechs Monaten des Jahres mindestens 951 Migranten bei dem Versuch, Spanien auf dem Seeweg zu erreichen. Der größte Teil der Todesopfer (778) wurde demnach nicht im Mittelmeer, sondern auf der Route von Westafrika zu den Kanaren registriert.