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Günstige Preise, mehr Nachfrage: So bekommt Spanien den Wettbewerb auf der Schiene hin

Auf den Hochgeschwindigkeitstrassen sind inzwischen drei Anbieter unterwegs

2021 nahm die erste Bahn des Anbieters Ouigo den Betrieb auf. | FOTO: OUIGO

2021 nahm die erste Bahn des Anbieters Ouigo den Betrieb auf. | FOTO: OUIGO

Thilo Schäfer

Thilo Schäfer

Mitten im Urlaubsmonat August bat Spaniens Verkehrsminister Óscar Puente im Staatsradio RNE um Entschuldigung für die zuletzt häufigeren Probleme und Verspätungen der Eisenbahnen im Land. Der Fuhrpark müsse erneuert werden, und an den großen Bahnhöfen in Madrid finden derzeit umfangreiche Baumaßnahmen statt, so die Begründung des Ministers. Und noch einen Grund gibt es. „Das Passagieraufkommen des Bahnsystems ist brutal explodiert“, erklärte Puente.

Der Boom des Personenverkehrs geht größtenteils auf die Marktöffnung der wichtigsten Schnellverbindungen zurück. Im Vergleich zu den Problemen der Bahnreisenden in Deutschland schneidet die Schiene in Spanien allerdings ziemlich gut ab. Die Kunden kommen dank des neuen Wettbewerbs in den Genuss niedrigerer Preise. Nach massiven Investitionen in den vergangenen drei Jahrzehnten hat Spanien heute mit gut 3.000 Kilometern das größte Hochgeschwindigkeitsnetz der Welt nach China. Bahnreisen ist allerdings anders als in Deutschland. Man muss einen festen Platz für eine bestimmte Verbindung buchen und wird beim Einstieg kontrolliert. Spontanes Zusteigen geht nicht, geschweige denn im Zug bezahlen.

Das sind die Anbieter

Im Mai 2021 nahm die erste Bahn von Ouigo, einer Tochter der französischen Staatseisenbahn SNCF, den Betrieb auf der Strecke Madrid–Barcelona auf. Ende 2022 kam ein italienisch-spanisches Konsortium mit der Marke Iryo hinzu. Der frühere Monopolist Renfe konterte mit dem Launch der Lowcost-Tochter Avlo. Der Wettbewerb wurde zunächst auf den großen und begehrtesten Hochgeschwindigkeitsrouten freigegeben, von Madrid nach Barcelona, nach Valencia, Alicante und in den Süden nach Sevilla und Málaga.

Die Bilanz nach drei Jahren Wettbewerb fällt aus Sicht der Regulierer positiv aus. Das Platzangebot auf den liberalisierten Strecken ist im Vergleich zu 2019 um 60 Prozent gestiegen, wie die spanische Wettbewerbsaufsichtsbehörde CNMC in einer Studie angibt. Die Zahl der Reisenden wuchs 2023 gegenüber dem Vorjahr um 37 Prozent auf 32,4 Millionen. Für die Fahrt zwischen Barcelona und Madrid sind die Preise seit der Marktöffnung im Durchschnitt um 40 Prozent gefallen, so die Daten der CNMC. Auf den weiteren Strecken beträgt der Abschlag je nach Konkurrenzsituation zehn bis 24 Prozent. Bezeichnenderweise haben sich die Preise auf Strecken, wo Renfe nach wie vor Monopolist ist, kaum verändert.

Der frühere Monopolist Renfe konterte mit dem Launch der Lowcost-Tochter Avlo.  | FOTO: DM

Der frühere Monopolist Renfe konterte mit dem Launch der Lowcost-Tochter Avlo. | FOTO: DM

Bahn statt Flugzeug

Der Wettbewerb mit den geringeren Tarifen und dem größeren Angebot an Verbindungen hat deutlich mehr Menschen zum Reisen mit der Bahn bewegt. Die Schiene hat dem Flugverkehr Marktanteile abgenommen. Mehr als 80 Prozent der Reisenden zwischen Madrid und Barcelona nehmen die Bahn. Es könnten noch mehr werden. Denn die Linksregierung will, ähnlich wie in anderen Ländern, kurze Inlandsflüge streichen.

Was gut für die Verbraucher ist, bereitet den Unternehmen jedoch reichlich Kopfschmerzen. Denn der „Preiskrieg“, wie ihn Minister Puente und das Management von Ouigo bezeichnen, verhagelt den Bahnbetreibern die Bilanz. Die Konzerne schrieben zuletzt rote Zahlen. Bei Ouigo betrug der Verlust im vergangenen Jahr fast 43 Millionen Euro. Dennoch hofft man, dank einer Auslastung der Züge von 90 Prozent bald Gewinn zu machen.

Ende 2022 kam ein italienisch-spanisches Konsortium mit der Marke Iryo hinzu.  | FOTO: ROBER SOLSONA

Ende 2022 kam ein italienisch-spanisches Konsortium mit der Marke Iryo hinzu. | FOTO: ROBER SOLSONA

Und der Nahverkehr?

Puente brach im Frühjahr einen Streit vom Zaun, als er die Franzosen mehrmals öffentlich des „Dumpings“ beschuldigte und eine Klage bei der Europäischen Kommission androhte. Ouigo wolle die anderen Anbieter aus dem Markt drängen, da man den französischen Staat hinter sich habe, so der Minister. Das gilt jedoch auch für Renfe oder Iryo, bei der die staatliche Trenitalia Hauptaktionär ist. Außerdem klagte Puente über die mangelnde Gegenseitigkeit der Franzosen bei der Marktöffnung. So hätte Renfe gerne schon zu den Olympischen Sommerspielen die Strecke Madrid–Barcelona–Paris betrieben. Jetzt hofft man, dass es bis Ende des Jahres klappt.

Es gibt jedoch auch reichlich Kritik an der starken Priorisierung des Hochgeschwindigkeitsnetzes, während die Infrastruktur für den Nahverkehr und mittlere Strecken vielerorts zu wünschen übrig lässt. Daher nehmen die Verantwortlichen nach dem Sommerurlaub nun die zweite Phase der Liberalisierung ins Auge, bei der neue Anbieter und neue Strecken auf den Tisch kommen werden.

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