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"Wie eine Atombombe": Der Fall Errejón versetzt Spaniens Linke in Schockstarre

Vorwürfe wegen sexuellen Missbrauchs bringen einen der linken Vorzeigepolitiker zu Fall – und lösen eine Schockwelle im Bündnis Sumar aus, auf das Premier Sánchez angewiesen ist

Ïñigo Errejón im spanischen Parlament.

Ïñigo Errejón im spanischen Parlament. / Rodrigo Jimenez/Efe

Thilo Schäfer

Thilo Schäfer

Die Schockwellen eines Skandals werden oft von der moralischen Fallhöhe bestimmt, wie das dramatische politische Ende von Íñigo Errejón zeigt. Der 40-Jährige war eine der bedeutendsten Figuren des linken Spektrums in Spanien der vergangenen Jahren, seit die Partei Podemos die politische Szene aufmischte. Errejón war der letzte der Gründerriege, der noch eine Rolle in der ersten Reihe spielte, allerdings bei Sumar, einer Abspaltung der Linken. Der Politikwissenschaftler stand für Integrität und wurde für seine rhetorischen Fähigkeiten auch von Gegnern geschätzt. Nun ist dieser Verfechter des Feminismus und der Frauenrechte über Anschuldigungen sexueller Übergriffe zu Fall gekommen – mit unabsehbaren Folgen für die politische Linke.

Reihenweise Vorwürfe

Der Mann mit dem Aussehen des netten Jungen von nebenan soll mehrere Frauen genötigt, misshandelt und auf verachtende Weise behandelt haben, wie Betroffene versichern. Die Journalistin Cristina Fallarás betreibt einen Kanal, über den Opfer sexueller Gewalt anonym berichten können. Vergangene Woche veröffentlichte Fallarás Anschuldigungen gegen Errejón. Auf Druck seiner Partei erklärte der Fraktionssprecher von Sumar im spanischen Parlament am Donnerstag (24. 10.) seinen Rücktritt von allen Ämtern und ist seitdem von der Bildfläche verschwunden. Kurz darauf trat die Schauspielerin Elisa Mouliaá an die Öffentlichkeit und erzählte, wie der Politiker sie vor drei Jahren auf einer Party von Freunden und danach bei sich zu Hause bedrängt und sie ohne ihre Einwilligung sexuelle Beziehungen gehabt habe. Ein Gericht nahm die Klage an und ermittelt.

Es handelt sich offenbar nicht um einen Einzelfall. Aída Nizar, die in Sendungen des Staatsfernsehen RTVE mitarbeitet, reichte ebenfalls Klage gegen Errejón wegen sexueller Nötigung ein. Weitere anonyme Berichte von Opfern, die Fallarás gesammelt hat, erzählen von erniedrigenden sexuellen Praktiken, die Errejón ihnen aufgezwungen haben soll. Mouliaá bezeichnete ihn als „sexuelles Raubtier“ und „narzisstischen Psychopathen“.

In seiner Rücktrittserklärung gibt es kein Wort der Entschuldigung. Stattdessen stellt sich Errejón selbst als Opfer des „Patriarchats“, des „Neoliberalismus“ und des Ruhmes dar. „Der Rhythmus und der Lebensstil über ein Jahrzehnt in der ersten Reihe der Politik hat meine physische und mentale Gesundheit strapaziert, wie auch meine affektive und emotionale Struktur“, schrieb Errejón auf X.

"Eine Atombombe"

Das plötzliche Aus des einstigen Spitzenpolitikers hat das linke Spektrum in Schockstarre versetzt. „Eine Atombombe“ nannte es sein Stellvertreter in der Fraktion, Txema Guijarro. Denn es geht nicht nur um das Fehlverhalten Errejóns, den „Widerspruch zwischen der Person und der Persönlichkeit“, wie er es selbst in seinem Abschiedsbrief nennt. Der Skandal hat weitreichende Folgen für Sumar und die Koalitionsregierung mit den Sozialisten von Premier Pedro Sánchez. Die Verantwortlichen müssen sich der Frage stellen, wer was und wann wusste. Das gilt vor allem für Yolanda Díaz, die Arbeitsministerin und eine der stellvertretenden Ministerpräsidentinnen. Sie hatte vor einem Jahr Sumar ins Leben gerufen, um Podemos zu ersetzen. „Errejón hätte nie kandidieren und nie Fraktionssprecher werden dürfen“, so Díaz, die den Politiker einst selbst zum Sprecher ernannte. Sumar habe schnell und durchgreifend auf die Vorwürfe reagiert, versicherte die Parteispitze.

Doch gibt es einen Vorfall, der Zweifel sät. Im Juni 2023, Wochen vor den vorgezogenen Parlamentswahlen, berichtete eine Frau in sozialen Netzwerken, dass der Politiker sie auf einem Musikfestival in Castellón belästigt habe. Der Eintrag wurde schnell wieder gelöscht, sodass die Anschuldigung nicht verfolgt werden konnte. Bei Sumar gab man sich offensichtlich mit den Erklärungen zufrieden. Nun wurde die damalige Büroleiterin Errejóns, Loreto Arenillas, gefeuert. Die Regionalabgeordnete in Madrid sieht sich als Bauernopfer und sagt, sie habe damals die Spitze von Sumar informiert. Tania Sánchez, eine frühere prominente Politikerin der Linken, vertrat die These, dass man Errejón mit Blick auf die Wahlen damals nicht beschädigen wollte.

Die konservative Opposition nutzt den Skandal für einen Angriff auf Sánchez und die Koalitionsregierung. „Ohne die Stimme von Errejón wären Sie nicht Premier geworden“, wetterte der Vorsitzende der konservativen Volkspartei (PP), Alberto Núñez Feijóo.

Wie geht es mit Sumar weiter?

Sánchez und die Sozialisten (PSOE) nehmen Díaz und Sumar in Schutz. „Das Engagement für den Feminismus von Sumar steht außer Frage, ich habe volles Vertrauen in mein Kabinett“, so der Regierungschef. Díaz habe „von der ersten Sekunde an überzeugend gehandelt“. Doch das Chaos im linken Lager ist eine Gefahr für die Regierung Sánchez. Sumar ist ein wenig gefestigtes Bündnis verschiedener Parteien, darunter Més von den Balearen, das nun zu zerfallen droht. Viele Stimmen plädieren für einen kompletten Neubeginn. Doch die Enttäuschung bei den linken Wählern über Errejón dürfte sich auch mit einem neuen Namen so schnell nicht ausradieren lassen.

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