MZ-Reporter im Katastrophengebiet bei Valencia: „Hier hat jeder Hilfe nötig“
Vor gut einer Woche wurde in Paiporta ein Rinnsal zur Flut. Seither ist nichts mehr wie zuvor. MZ-Mitarbeiter Thilo Schäfer besuchte einen der am stärksten von der Katastrophe betroffenen Vororte der Großstadt Valencia

Scharen von freiwilligen Helfern sind in den Vororten von Valencia unterwegs
Ein großer Bagger des spanischen Militärs birgt Berge von Müll und kippt sie auf einen Laster der Streitkräfte an der Ecke der Calle Florida und der Carretera de Picanya in Paiporta. Eine Woche nach den verheerenden Überflutungen wirkt der Vorort von Valencia am Dienstag (5.11.) immer noch wie ein Kriegsgebiet. Die Straßen sind weiterhin mit Schlamm bedeckt, aber mittlerweile passierbar. Es türmen sich Berge von Möbeln und Gegenständen auf, die die Anwohner aus ihren überschwemmten Häusern geholt haben. Eine Gruppe von Menschen bildet eine Kette mit Kübeln, um die Tiefgarage eines Wohnhauses zu entleeren. Kräne bergen die ungezählten Autowracks, welche die Fluten wie Spielzeugboote durch die Straßen trieben. In den meisten unversehrten Wagen liegen Zettel mit Aufschriften wie „Auto unbeschädigt. Nicht abtransportieren“, einschließlich der Handynummer der Eigentümer.
Vicenta zeigt im Eingang ihres Hauses in Paiporta die Marke der Fluten, die fast den ersten Stock erreichten. An dem fatalen Dienstag vor einer Woche war sie auf dem Weg zur Rambla del Poyo, dem weiten Flussbett, wo sonst höchstens ein Rinnsal gemütlich Richtung Meer fließt. In der Flachebene um Valencia sind starke Regenfälle keine Ausnahme und das Anschwellen der Ramblas ist für viele Anwohner ein übliches Spektakel, das in der Regel ungefährlich ist. Die Warnung des Zivilschutzes erreichte Vicenta, wie alle Betroffenen der Flutkatastrophe, auf ihrem Handy zu spät. „Auf dem Weg zur Rambla kam uns das Wasser schon auf der Straße entgegen. Ich lief sofort zu meiner Tochter, die zum Glück gleich in der Nähe wohnt“, erzählt die Frau. Erst am nächsten Tag konnte sie in ihr Haus zurück.
Blankliegende Nerven
Ein Nachbar von Vicenta schaltet sich in das Gespräch ein und schimpft in nicht schriftreifen Ausdrücken über Pedro Sánchez. Spaniens Ministerpräsident wurde bei einem Besuch in Paiporta am Sonntag (3.11.) zusammen mit König Felipe und dem Regierungschef von Valencia, Carlos Mazón, von einer Menschenmenge mit Schlamm und harten Gegenständen beworfen und als „Mörder“ beschimpft. Vicenta beschwichtigt. „Hier liegen die Nerven blank. Hoffentlich beruhigen wir uns alle schnell wieder, denn es gibt viel zu tun, damit wir bald wieder auf die Beine kommen“, sagt die Valencianerin.
Nachdem die Bewohner von Paiporta, wie die vieler anderer Gemeinden in dem Katastrophengebiet, sich in den ersten Tagen nach der Flut ziemlich allein fühlten, sind nun zahlreiche Einsatzkräfte am Werk, von der Militärischen Nothilfeeinheit UME über die Guardia Civil, die Polizei, Feuerwehrleute und andere Spezialeinheiten. Priorität hat weiterhin die Suche nach Opfern. Bislang fielen offiziell 217 Menschen den Folgen des Unwetters durch den Kaltlufttropfen (DANA) zum Opfer, die allergrößte Mehrheit in Valencia, aber auch in Kastilien-La Mancha und Andalusien. Am Mittwoch (6.11.) galten 89 Personen offiziell als vermisst. 62 geborgene Leichen konnten noch nicht identifiziert werden .
Die Einsatzkräfte suchen mit Hubschraubern, Drohnen, Hunden und Tauchern nach Leichen entlang des Laufs des Poyo, der in der Albufera mündet, einer großen Lagune südlich von Valencia, wie auch an den Stränden. Die Polizei meldete derweil die Festnahme von rund 200 Personen, die das Unglück nutzten, um in verlassene Geschäfte und Privatwohnungen einzubrechen.
Alle brauchen Hilfe
„Das Krisenmanagement war ein Desaster“, urteilt Josep Riera, Abgeordneter in der Provinzialversammlung von Valencia für die Regionalpartei Compromís. Mittlerweile arbeiten seiner Ansicht nach die verschiedenen Institutionen von Zentralstaat, Regionalregierung und Lokalverwaltung aber recht gut zusammen. Riera ist zusammen mit einer Gruppe von Freunden nach Paiporta gekommen, um als freiwillige Helfer mit anzupacken.
Mit dabei ist auch seine Schwester Inma, deren Nachbarort von der Flut verschont blieb. „Ich habe viele Studienfreunde in Paiporta und anderen Orten hier“, erklärt sie. Das Heer der voluntarios, der Freiwilligen, ist allgegenwärtig. Überall ziehen vor allem jüngere Menschen mit Schaufeln und Schrubbern durch die Straßen. Eine zentrale Koordination gibt es nicht. „Wir gehen einfach von Haus zu Haus und fragen die Leute, ob wir helfen können. Jeder hier hat Hilfe nötig“, berichtet Inma. Die Solidarität der Menschen ist beeindruckend, doch laufen mitunter so viele Personen durch Paiporta, dass die Militärs und Polizisten die Straßen freiräumen müssen, damit die Einsatzwagen durchkommen.
„Ich habe mein Auto verloren und meine Möbel. Jetzt mache ich mir nur noch Sorgen um meinen Job“, erzählt eine jüngere Frau jemandem am anderen Ende ihres Mobiltelefons. „Sehr viele Menschen in diesen Vororten arbeiten oder studieren in Valencia. Daher ist es so wichtig, die Mobilität wieder herzustellen“, erklärt Toni Martínez, der früher Generaldirektor des städtischen Transportunternehmens der Hauptstadt war. Heute arbeitet er für einen privaten Betreiber von Buslinien, Metrobus, der einige wenige Verbindungen wieder herstellen konnte, wenn auch mit Umwegen. „Eine Freundin brauchte vorher mit der Metro 20 Minuten zur Arbeit, heute sind es vier Stunden“, sagt Martínez. Sein Wohnort Torrent liegt nur ein paar Kilometer von Paiporta entfernt, blieb aber weitgehend unversehrt. Bis auf die Brücken über die Rambla del Poyo, die von den Fluten eingerissen wurden, als wären sie aus Legosteinen gebaut. „Der Wiederaufbau der Brücken muss oberste Priorität haben, damit die Leute wieder zur Arbeit können“, meint der Transportexperte. Er selbst war am Tag des Unglücks auf dem Weg zu einem Abendessen in der Gegend, als der Wirt anrief und warnte, dass das Lokal unter Wasser stünde. Daraufhin machten Martínez und seine Begleiter kehrt.
Hilfspaket nur der Anfang
Spaniens Verkehrsminister Óscar Puente versicherte die Tage, dass man die Autobahnen und Straßen in der Provinz weitgehend freigeräumt habe. Die Zugverbindung von Valencia nach Madrid soll in ein paar Wochen wieder aufgenommen werden. Die Linksregierung verabschiedete am Dienstag ein Hilfspaket von 10,6 Milliarden Euro. Darin gibt es Direktzuwendungen für die Menschen, die Haus, Möbel, Auto oder ihre Arbeit verloren haben. Erwerbstätige und Firmen bekommen sämtliche Steuern erlassen. Der Wiederaufbau der Infrastruktur und Wohnungen wird aber noch einmal viel mehr Geld kosten, räumte Ministerpräsident Pedro Sánchez ein. Das Hilfspaket sei nur der Anfang.
Am späten Nachmittag mit den letzten Sonnenstrahlen machen sich die Scharen von freiwilligen Helfern mit ihren Spaten und Schrubbern auf den Rückweg über die Landstraße nach Torrent, bevor in Paiporta die Dunkelheit einbricht.
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