Wie Spanien auch im Gedenken an Papst Franziskus ein geteiltes Land ist
Während die spanische Rechte, traditionell der Kirche nahe, kühl auf den Tod von Franziskus reagiert, loben linke Politiker das Kirchenoberhaupt

Die spanische Arbeitsministerin und Linkspolitikerin Yolanda Díaz stattete Franziskus zuletzt im Februar 2024 einen Besuch. / Vatican Media
Aus Madrid berichtet Thilo Schäfer
Die prachtvollen und atmosphärischen Osterprozessionen in Spanien haben auch dieses Jahr wieder Urlauber aus dem In- und Ausland beeindruckt. Dem ein oder anderen internationalen Gast wird aufgefallen sein, dass beim Ein- und Auszug der Figuren die spanische Nationalhymne ertönt. Diese Mischung aus Religion und Nationalbewusstsein ist Erbe der Diktatur von Francisco Franco, der sich nicht umsonst caudillo por la gracia de Dios („Führer von Gottes Gnaden“) nannte. Im Grunde ist diese gewollte Vermischung von Glaube und Politik noch älter. „Das haben wir in Spanien nicht erst seit dem franquismo erlebt, sondern seit Jahrhunderten, als der Dorfpfarrer immer mit den örtlichen Autoritäten auflief“, kommentierte in der Zeitung „El País“ der Schriftsteller Javier Cercas, der gerade einen Roman über Papst Franziskus herausgebracht hat, den er lange Zeit persönlich begleitete.
Wegen der Nähe zu Franco ist die katholische Kirche in Spanien in der Regel bei eher links gesinnten Menschen zumeist verpönt. Daher überraschten auf den ersten Blick die Reaktionen auf den Tod von Papst Franziskus am Ostermontag (21.4.). Während die Konservativen und die Rechtspopulisten eher unterkühlt auf das Ableben des Pontifex reagierten, lobten Politiker der Koalitionsregierung aus Sozialisten und Linken das Vermächtnis von Jorge Bergoglio. „Die Welt wird seinen Mut und seine Botschaft vermissen“, erklärte Ministerpräsident Pedro Sánchez.
Das 266. Oberhaupt der katholischen Kirche stellte das Bild der Institution auf den Kopf. Linke Politiker und Intellektuelle feierten seinen unermüdlichen Einsatz für die Schwächeren der globalen Welt, den Kampf gegen den Klimawandel, die Kritik am Kapitalismus und das Anprangern des Umgangs mit dem Thema Migration. Bei Letzterem ging Franziskus scharf ins Gericht mit fremdenfeindlichen, meist rechtsextremen Parteien, wie etwa Vox in Spanien. Dadurch wurde er für die Rechten zum schwarzen Schaf, oder gar „Kommunisten“, wie manche Kommentatoren anlässlich seines Todes noch einmal betonten. Für Vox-Chef Santiago Abascal war der „Bürger Bergoglio“ kein Freund Spaniens.
Delegation fliegt zur Beisetzung
Sánchez behauptet das Gegenteil. Auf seinen beiden Treffen mit dem Pontifex im Vatikan habe er den Eindruck gewonnen „einen Freund Spaniens vor mir zu haben“, sagte der Sozialist. Auch beim linken Koalitionspartner Sumar hat Franziskus Anhänger. Die Arbeitsministerin Yolanda Díaz besuchte den Papst ebenfalls zweimal im Vatikan. „Ich habe großen Respekt und Bewunderung für ihn und lese alles, was er schreibt und produziert“, sagte die zweite Stellvertreterin des Ministerpräsidenten nach ihrer letzten Audienz vor einem Jahr.
Díaz gehört zur spanischen Delegation, die der Beerdigung von Franziskus beiwohnen wird, zusammen mit der Finanzministerin und ersten Stellvertreterin von Sánchez, María Jesús Montero, und dem Minister des Präsidialamtes und der Justiz, Félix Bolaños. Dieser hatte in letzter Zeit Verhandlungen mit dem Vatikan über heikle Themen geführt.
Sánchez selbst fliegt nicht nach Rom. Die Präsenz des Königspaares sei ausreichend, heißt es von der Regierung. Dafür lud man den Oppositionsführer Alberto Núñez Feijóo ein, eine versöhnliche Geste in Zeiten maximaler Polarisierung im Lande.
Spanische Vertreter im Konklave
Im Konklave in der Sixtinischen Kapelle werden vier spanische Kardinäle über das neue Oberhaupt der Kirche mitentscheiden. Der Erzbischof von Valencia, Antonio Cañizares, meldete sich aus gesundheitlichen Gründen ab. Die anderen acht Kardinäle überschreiten das Alter von 80 Jahren und dürfen daher nicht dabei sein, wenn der weiße Rauch aufsteigt.
Das Verhältnis zwischen der linken Minderheitsregierung in Madrid und der Heiligen Stadt war zuletzt ungewöhnlich konstruktiv, der spanischen Bischofskonferenz zum Trotz, die traditionell mit den linken Parteien auf Kriegsfuß steht. So gab der Vatikan 2019 seine Zustimmung zur Exhumierung und Verlegung der Reste von Franco aus dem Valle de los Caídos, der monumentalen Grabstätte des Diktators nördlich von Madrid, die von Kriegsgefangenen erbaut wurde. Vor Kurzem erhielt Minister Bolaños von Franziskus auch das Placet für die Pläne der Regierung das in Valle de Cuelgamar umbenannte Tal der Gefallenen in eine Gedenkstätte für die Opfer und Taten der Franco-Dikatur zu verwandeln.
Dabei machte Madrid auch Zugeständnisse. So soll die in den Berg gehauene Kirche anders als geplant nicht entweiht werden und kann weiter Messen beherbergen. Und auch die Benediktiner-Mönche dürfen im angeschlossenen Kloster verweilen, außer ihrem Obersten, der sich mit Händen und Füßen gegen die Ausgrabung der Gebeine Francos gewehrt hatte.
Die spanischen Bischöfe fühlten sich beim Umgang mit der Franco-Grabstätte übergangen. Doch in anderen Bereichen haben sie ganz klar den Vorrang gegenüber dem Vatikan. Seit Langem sind die Linken darum bemüht, den Einfluss und die Privilegien der Kirche zu stutzen. Dabei geht es um Bildungseinrichtungen, wie Schulen und Universitäten, oder die Befreiung von der Grundsteuer für Immobilien, die nicht für kirchliche Aktivitäten verwendet werden, sondern eine reine Einnahmequelle sind.
Die politische Macht der Kirche hält sich derweil besser als ihre Verwurzelung in der Gesellschaft. Nach der jüngsten Studie des staatlichen Meinungsforschungsinstitut CIS bezeichnen sich nur noch 57 Prozent der Spanier als Katholiken. Nur knapp 20 Prozent geben an, Gottesdienste zu besuchen. Der Trend ist Jahr für Jahr fallend. Ob er anhält, wird auch mit der Wahl von Franziskus’ Nachfolger zu tun haben.
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