Keine Kinderbilder mehr im Netz: Spanische Regierung will Sharenting gesetzlich einschränken
81 Prozent aller Babys in Spanien sind bereits vor dem 6. Lebensmonat online zu sehen.

Harmlose Kinderfotos können zum Missbrauch führen: Spaniens Familienministerium plant schärfere Regelungen für Social Media. / ShutterStock
Olga Pereda
Neun von zehn Familien in Spanien teilen mindestens einmal im Monat Fotos ihrer Kinder in sozialen Netzwerken – von privaten WhatsApp-Gruppen bis Instagram. 81 Prozent der Babys sind vor ihrem sechsten Lebensmonat bereits im Netz zu finden. Zwar wirken diese Bilder harmlos, doch 72 Prozent des von der Polizei sichergestellten Materials bei Pädokriminalität besteht aus genau solchen Alltagsfotos.
Auf Zahlen der Stiftung SOL (Safe OnLine) und der Nationalpolizei gestützt kündigt das Jugend- und Familienministerium daher eine Regulierung des „Sharenting“ an – ein Kunstwort aus „share“ und „parenting“ für die Überpräsenz von Kindern in den sozialen Medien.
Zum Schutz der Minderjährigen
„Die Absicht des Ministeriums, Sharenting zu regulieren, ist ernst. Das ist ein mutiger Schritt, den bisher nur wenige Länder wie Frankreich und Australien gegangen sind“, sagt die Psychopädagogin Silvia Pastor, die sich vergangene Woche mit Ministerin Sira Rego sowie Juristen, Pädagogen, Familien und Experten für digitale Gesundheit traf. Widerstand sei wahrscheinlich, „doch der Schutz von Minderjährigen ist auch eine gesellschaftliche Verantwortung“.
„Wenn ich nicht in den Netzwerken bin, existiere ich nicht. Ich muss ständig Bilder posten und zeigen, wie toll ich es mit meinen Kindern habe. Das ist eine Form, mich als Mutter zu validieren“, kritisiert die Journalistin und Autorin Eva Millet.
Fachleute fordern Aufklärungskampagnen und Schulungen zu Risiken der Überexposition: Missbrauch durch Online-Täter, Monetarisierung von Kinderinhalten, Spott durch Mitschüler und spätere Bloßstellung, wenn Heranwachsende ihr umfangreich dokumentiertes Online-Leben bereuen. In Spanien gab es dazu bislang keine Klagen von Jugendlichen gegen Eltern; in Österreich hingegen verklagte eine junge Frau ihre Eltern wegen „peinlicher und intimer“ Facebook-Fotos aus der Kindheit.
Eine Studie der Universität Ankara, veröffentlicht in der National Library of Medicine, warnt: Übermaß und fehlende Zustimmung der Kinder können Sharenting zu Vernachlässigung, digitaler Misshandlung oder gar Missbrauch machen. 87 Prozent der Befragten teilen diese Einschätzung und plädieren für Sensibilisierung und öffentliche Schutzmaßnahmen.
Keine unschuldige Tat
Warum ist die Praxis dennoch so verbreitet? „Wenn ich nicht in den Netzwerken bin, existiere ich nicht. Ich muss ständig Bilder posten und zeigen, wie toll ich es mit meinen Kindern habe. Das ist eine Form, mich als Mutter zu validieren“, kritisiert die Journalistin und Autorin Eva Millet. Psychologin Patricia Ramírez betont die Sogwirkung sozialer Medien als „emotionales Schaufenster“: „Man postet ein Foto, erntet Herzen und Komplimente, das Gehirn schüttet Dopamin aus.“ Sharenting sei „keine unschuldige Tat, sondern eine moderne Art, das Ego unter dem Deckmantel familiärer Liebe zu füttern“. Selbstfürsorge bedeute auch, vor jeder Veröffentlichung die eigene Bedürftigkeit zu prüfen: „Will ich teilen – oder will ich gesehen, bestätigt und geliebt werden?“
Dringenden Regelungsbedarf sieht SOL-Direktorin Claudia Caso bei Eltern-Influencern, die das Leben ihrer Kinder mit klarer Gewinnerzielungsabsicht zeigen. Stolz auf Kinder sei normal, „aber etwas anderes ist es, die Bilder weltweit zu verbreiten – auch wegen der Monetarisierung“. SOL startete gemeinsam mit der Nationalpolizei im Sommer eine Aufklärungskampagne zur Überexposition.
Grenze zwischen öffentlich und privat verschwindet
Aus psychologischer Sicht bleibt das ständige Gefilmt- und Fotografiertwerden nicht folgenlos. Kinder lernten, ihr Wert hänge davon ab, wie sie „auf Kamera“ wirken und welche Reaktionen sie auslösen, so Ramírez. Manche würden zu kleinen Darstellern ihres Alltags, andere fühlten sich in ihrer Privatsphäre verletzt. In der Schule könnten sie stärker auf Gefallen und Aufmerksamkeit achten als auf Authentizität. Insgesamt wüchsen sie mit verschwommener Grenze zwischen öffentlich und privat auf – mit Folgen für Sicherheit, Spontaneität und Emotionsregulation.
Sharenting sei „keine unschuldige Tat, sondern eine moderne Art, das Ego unter dem Deckmantel familiärer Liebe zu füttern“, findet Psychologin Patricia Ramírez
Juristen erinnern daran, dass das Recht auf Ehre und eigenes Bild dem Minderjährigen zusteht, nicht den Eltern. Die Juristin Beatriz Izquierdo verweist auf bestehende Schutzvorschriften – vom Artikel 18 der Verfassung über das Gesetz von 1882 zum Schutz von Ehre, Intimsphäre und Bild bis zur geplanten Digital-Schutzregelung für Minderjährige, die noch nicht im Parlament beraten wurde. Die vom Ministerium angekündigte Regulierung, für die nun eine öffentliche Anhörung läuft, könnte eine neue Norm schaffen oder bestehende Vorschriften überarbeiten.
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