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Seine Regierung ist in der Krise - aber auf TikTok startet Pedro Sánchez überraschend durch

Pedro Sánchez hat erst spät das soziale Netzwerk TikTok für sich entdeckt – aber macht sich dort überraschend gut. Ist das jetzt schon Wahlkampf?

So präsentiert sich Pedro Sánchez auf TikTok.

So präsentiert sich Pedro Sánchez auf TikTok. / TikTok/sanchezcastejon

Patrick Schirmer Sastre

Patrick Schirmer Sastre

Ein wenig überraschend war die Wahl des Zeitpunktes schon. Ausgerechnet in der schlimmsten Krise der ohnehin nicht völlig reibungslos verlaufenden Legislaturperiode hatte Pedro Sánchez offenbar nichts Besseres zu tun, als auf der Social-Media-Plattform TikTok aktiv zu werden. Am 9. September postete er ein Video unter dem Titel „Auf der richtigen Seite der Geschichte“. Er äußerte sich darin zur Lage in Gaza.

Es war der Beginn eines Experiments, das im Land mit Erstaunen verfolgt wird. In nicht einmal vier Monaten ist es Sánchez gelungen, rund 292.000 Follower zu sammeln. Zumindest ein Achtungserfolg für einen Politiker, dessen politisches Ende zurzeit quasi täglich besungen wird. Zumal Pedro Sánchez für europäische Verhältnisse relativ spät auf den TikTok-Geschmack gekommen ist. Emmanuel Macron ist seit 2020 aktiv, Giorgia Meloni stieß zwei Jahre später hinzu. Und sogar Friedrich Merz hat seit 2023 einen Account auf der chinesischen Plattform.

Sánchez’ Erfolg lässt sich zum einen damit erklären, dass er sich zwar der Sprache des Mediums bedient, aber gar nicht erst versucht, besonders cool herüberzukommen. Sein Auftreten ist eher onkelhaft. Sympathisch, bisweilen selbstironisch, aber ohne zu kaschieren, dass er eben auch schon 53 Jahre alt ist.

Nicht nur politische Inhalte

Ein anderer wesentlicher Faktor dürfte sein, dass er im Gegensatz zu vielen anderen seiner Berufskollegen nicht nur politische Inhalte postet. Die größte Aufmerksamkeit erlangten bislang seine Kulturempfehlungen. Jeden Freitag postet er zum Wochenende ein kurzes Video, in dem er einen Song und ein Buch empfiehlt. Inwiefern er Zeit hat, so viele Bücher zu lesen, sei dahingestellt, aber er spricht damit das beliebte TikTok-Subgenre der „Booktoker“ an. Die Musikempfehlungen dürften hingegen tatsächlich authentisch sein. Pedro Sánchez hat sich schon vor Jahren als ausgewiesener Kenner der spanischen und internationalen Musikszene entpuppt.

Ähnlich für Aufsehen sorgte vor wenigen Tagen ein Video, in dem er die Follower auf eine kurze „House Tour“ durch den Regierungssitz „La Moncloa“ mitnahm. Zum „Día de los Inocentes“, dem spanischen Äquivalent zum 1. April, postete er am Sonntag (28.12.) ein Video, in dem er sogenannte Outtakes, also verworfene Schnitte aus anderen Videos zeigte – Szenen, in dem ihm ein Buch herunterfällt oder er im Gespräch mit seinem Social-Media-Team zu sehen ist. Und zwischendurch gibt es dann doch immer wieder Videos mit politischen Inhalten, in denen Sánchez Gesetzesprojekte vorstellt oder über die Ergebnisse von internationalen Konferenzen berichtet.

Die jungen Leute erreichen

Inwieweit der Kanal, der übrigens um einen eigenen La-Moncloa-Account ergänzt wurde, einen womöglich baldigen Wahlkampf vorbereitet, sei ebenfalls dahingestellt – manche Beobachter gehen davon aus. Sicher ist hingegen, dass es höchste Zeit ist, dass auch die etablierten Parteien auf der Plattform aktiv werden, wenn sie die jungen Leute erreichen wollen. 44 Prozent der 18- bis 24-Jährigen in Spanien gaben in einer Studie des Reuters-Instituts an, dass Videoplattformen wie TikTok, Instagram und Youtube ihre Hauptinformationsquelle sind. Das haben vor allem die Rechtsextremen schon seit Jahren verstanden und beackern diese Kanäle systematisch. Vox-Parteichef Santiago Abascal hat derzeit rund 931.000 Follower.

Einer, der die TikTok-Aktivitäten des Ministerpräsidenten besonders genau beobachten dürfte, ist der konservative Oppositionsführer Alberto Núñez Feijóo. Kurioserweise veröffentlichte er zwei Tage vor Sánchez sein erstes TikTok-Video und ist seither regelmäßig auf der Plattform aktiv. Neben politischen Videos postet er unter anderem Szenen von einem Besuch in einer preisgekrönten Konditorei. Das ist zwar auch sympathisch und für den bisweilen etwas hölzernen Feijóo gut gemacht, aber es wirkt etwas angestaubt. Das schlägt sich auch in den Zahlen nieder. Derzeit folgen Feijóo rund 14.500 Personen.

So reagiert Feijóo

Bei seiner politischen Jahresanalyse am Montag (29.12.) konnte sich der Oppositionsführer denn auch einen ein wenig beleidigten Kommentar in Richtung der Videos des Ministerpräsidenten nicht verkneifen: „Sich an die Jugendlichen zu wenden, heißt nicht, ein Buch auf TikTok zu empfehlen, zu sagen, was man hört, oder La Moncloa auf frivole Art und Weise zu zeigen“, nörgelte Feijóo.

Bereits Ende November hatte er versucht, Sánchez etwas entgegenzusetzen. In einem TikTok-Video erklärte er, Kulturempfehlungen seien schön und gut, aber viele Spanier bräuchten derzeit eher Empfehlungen, um über die Runden zu kommen. Damit kündigte er einen Gesetzesvorschlag für die Abschaffung der Mehrwertsteuer auf Fisch und Fleisch an. Rund 13.000 Menschen sahen das Video. Wenige Tage später postete Sánchez wieder seine Kulturtipps. Sie wurden 830.000 Mal angeschaut. Ob ihm das bei den nächsten Wahlen etwas bringt?

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