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Zwischen Boom und Landflucht: Was die nächsten Regionalwahlen über die Lage von Wirtschaft und Politik in Spanien aussagen

In Kastilien-León wird am Sonntag gewählt. Auch hier überschattet der Iran-Krieg die Debatten

PP-Kandidat Alfonso Fernández Mañueco.  | FOTO: CLAUDIA ALBA/EUROPA PRESS

PP-Kandidat Alfonso Fernández Mañueco. | FOTO: CLAUDIA ALBA/EUROPA PRESS

Thilo Schäfer

Thilo Schäfer

Der Schnellzug von Madrid nach Valladolid ist gut besetzt. Die Linie zwischen der spanischen und der faktischen Hauptstadt von Kastilien und León, wo am Sonntag (15.3.) Regionalwahlen anstehen, wird täglich von Tausenden Berufspendlern genutzt. Die Eröffnung des Tunnels durch das Guadarrama-Gebirge im Jahr 2007, mit 28 Kilometern der längste Spaniens, verkürzte die Fahrzeit für die 190 Kilometer auf rund eine Stunde. Der Ausbau des Schnellverkehrsnetz in den Norden des Landes hat die Frequenzen in den letzten Jahren auf 30 bis 40 Verbindungen am Tag erhöht.

In einem prunkvollen Saal des Rathauses an der monumentalen Plaza Mayor von Valladolid preist der Bürgermeister der Stadt, Jesús Julio Carnero, vor einer Gruppe Auslandskorrespondenten die Vorzüge für den Standort durch die schnelle Anbindung an die spanische Metropole. „Wir konkurrieren nicht mit Madrid und könnten das auch gar nicht. Wir sehen Valladolid als komplementär“, kommentiert der erfahrene Stadtobere von der konservativen Volkspartei PP. Er streicht jedoch eine Statistik hervor. Früher nutzten Menschen aus Valladolid den Zug, um in Madrid zu arbeiten. Viele ließen sich in der Hauptstadt nieder und kehrten nur am Wochenende in die Heimat zurück. Lange Zeit sorgte man sich um die Abwanderung qualifizierter Arbeitskräfte. Doch der Trend hat sich gewandelt. Vor zwei Jahren verzeichnete Valladolid erstmals einen positiven Nettosaldo bei den Migrationsströmen, also mehr Menschen aus Madrid ließen sich in der 300.000-Einwohner-Stadt nieder als umgekehrt.

An Jobs mangelt es nicht

Der dramatische Anstieg der Wohnpreise in Madrid spielt Valladolid in die Hände, wie auch eine unbestreitbare hohe Lebensqualität. Während die Region mit 2,4 Millionen Einwohnern an Bevölkerungsschwund leidet, wächst Valladolid. Denn an Berufsmöglichkeiten mangelt es nicht, vor allem in den beiden wichtigsten Wirtschaftszweigen. Die Lebensmittelindustrie wird bestimmt von Großunternehmen wie Entrepinares, das mit dem Verkauf von Käse einen Umsatz von über 700 Millionen Euro im Jahr erzielt, und vielen Kleinbauern, etwa im Weinanbau, wie in der weltberühmten Ribera del Duero oder Rueda. Seit der Eröffnung der Fabrik von Renault 1953 hat sich Valladolid zu einem der führenden Standorte der Automobilindustrie in Spanien, immerhin zweitgrößter Autobauer Europas nach Deutschland, gemacht. Michelin stellt hier Reifen her, Iveco Kleintransporter und Horse, das innovative Gemeinschaftsunternehmen von Renault und der chinesischen Geely, Verbrennermotoren aus Aluminium.

Tritt für die Sozialisten an: Carlos Martínez.  | FOTO: CLAUDIA ALBA/EUROPA PRESS

Tritt für die Sozialisten an: Carlos Martínez. | FOTO: CLAUDIA ALBA/EUROPA PRESS

Der spanische Technologie- und Rüstungskonzern Indra baut demnächst eine Fabrik für Motoren für Militärdrohnen in Valladolid – sowie ein weiteres Werk in León. Das schafft hoch qualifizierte Jobs. Doch nicht jeder ist erfreut darüber. Die Linkspartei Podemos, die um den Wiedereinzug in das Regionalparlament fürchtet, wetterte im Wahlkampf gegen die Rüstungsprojekte mit „Kamikazedrohnen“ der PP-Landesregierung von Alfonso Fernández Mañueco. Podemos will gegen die Drohnen-Fabrik des Ibex-Konzerns klagen.

Der Krieg im Nahen Osten hat die Kampagne in Kastilien und León, wo eigentlich Themen wie die Landflucht und die Versorgung strukturschwacher Gebiete im Vordergrund standen, überschattet. Spaniens Ministerpräsident Pedro Sánchez von der Sozialistischen Arbeiterpartei PSOE hat mit der Verweigerung der Nutzung der Militärstützpunkte der USA in Andalusien für die Bombardierung des Iran den Zorn von Präsident Donald Trump auf sich gezogen. Die Opposition von PP und der rechtsextremen Vox kritisierte ihn deswegen als unverantwortlich und hält es eher mit Washington. Sánchez zieht Parallelen zum Irak-Krieg vor zwei Jahrzehnten; als der damalige Ministerpräsident der PP, José María Aznar, gegen den Willen einer breiten Mehrheit in Spanien den Angriff der USA unterstützte. Der Schlachtruf „No a la guerra“ („Nein zum Krieg“) lebte nun in Nordkastilien wieder auf, um das linke Wählerlager zu mobilisieren.

„Es ist leicht, sich kriegerisch zu geben, auf Kosten des Geldbeutels der anderen“, erklärte Sánchez am Wochenende auf einer Wahlkampfveranstaltung in Soria. PP-Chef Alberto Núñez Feijóo nahm den Handschuh auf und schlug Anfang der Woche eine Reihe von Maßnahmen vor, um die Auswirkungen des Konflikts auf die Preise in Spanien abzufedern, wie Steuererleichterungen und Subventionen für die explodierenden Energiepreise. „Mit Slogans kann man den Wagen nicht volltanken“, kritisierte der spanische Oppositionsführer den Anti-Kriegs-Kurs der Sozialisten. Die spanische Regierung hielt dagegen, dass man bereits an einem Hilfspaket arbeite, so wie nach dem russischen Einmarsch in der Ukraine. Die PSOE erinnerte Núñez Feijóo daran, dass die PP damals gegen die Maßnahmen, die auch Steuererleichterungen vorsahen, stimmte und sich bei nach folgenden Paketen enthielt. „Wir machen hier keinen Wettbewerb“, betonte Finanzministerin María Jesús Montero.

„Nichts extravagantes passiert“

Bürgermeister Carnero setzt derweil darauf, dass das Werk von Indra weitere große Investitionen anziehen wird und schließlich qualifizierte Arbeitskräfte aus Madrid nach Valladolid locken könnte, in Umkehr der langjährigen Pendlerströme. Einen Imageschaden durch den Aufstieg der Rechtsradikalen, die in den Umfragen an die 20 Prozent Zustimmung bekommen, fürchtet das Stadtoberhaupt nicht. „Wir regieren hier seit über zwei Jahren mit Vox; und es ist nichts Extravagantes passiert. Das hätte ich auch nicht mitgetragen“, versichert Carnero. In seinem Team hat man die These, dass die Wähler mit viel Wut im Bauch ihr Kreuz bei Vox machen, danach aber keine großen Erwartungen an deren Regierungsarbeit stellen würden.

Wird wohl mit der PP koalieren: Vox-Kandidat Carlos Pollán.  | FOTO: CLAUDIA ALBA/EUROPA PRESS

Wird wohl mit der PP koalieren: Vox-Kandidat Carlos Pollán. / CLAUDIA ALBA/EUROPA PRESS

Die PP von Ministerpräsident Fernández Mañueco liegt in den Umfragen mit gut 30 Prozent knapp vor der PSOE. Deren Spitzenkandidat Carlos Martínez, Bürgermeister von Soria, hofft im Endspurt doch noch als Erster über die Zielgerade zu gehen, ähnlich wie der Grüne Cem Özdemir am Sonntag bei den Landtagswahlen in Baden-Württemberg. Es wäre ein wichtiger Achtungserfolg für die Sozialisten von Sánchez. Eine Neuauflage einer Koalition aus PP und Vox in Kastilien und León werden sie aber aller Wahrscheinlichkeit nach nicht verhindern können.

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