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"Viel Missbrauch": König Felipe VI. überrascht mit Eingeständnis zur Kolonialzeit – Spaniens Rechte reagieren empört

Der Monarch räumt bei einem Ausstellungsbesuch im Gespräch mit dem mexikanischen Botschafter Gräueltaten der Kolonialherren ein. Das zieht viel Wirbel nach sich

König Felipe VI bei seinem Besuch im Museum

König Felipe VI bei seinem Besuch im Museum / Instagram: casareal.es

Thilo Schäfer

Thilo Schäfer

Die Szene wirkt unaufgeregt, eher beiläufig für die Tragweite der Worte des spanischen Königs. Ein Video zeigt Felipe VI im Gespräch mit dem mexikanischen Botschafter in Spanien, Quirino Ordaz, während des Besuchs einer Ausstellung über die Rolle der Frauen im indigenen Mexiko im Nationalen Archäologiemuseum in Madrid am Montag (16.3.). Der Monarch reflektiert darin über die Kolonialgeschichte und räumt ein, dass es „viel Missbrauch“ gab, worauf Spanien aus heutiger Sicht nicht stolz sein könne. Es ist lediglich ein aufgezeichnetes Gespräch, keine große Live-Ansprache oder ein Festakt des Königs. Doch die Worte sind das größte Eingeständnis der Vergehen der Kolonialherren, die ein spanisches Staatsoberhaupt jemals geäußert hat.

Fehlende Aufarbeitung der Kolonialgeschichte

Mexiko und Spanien sind die beiden wichtigsten spanischsprachigen Nationen der Welt. Abgesehen von der Kolonialisierung verbindet beide Länder ein enges kulturelles, wirtschaftliches und gesellschaftliches Verhältnis. Zehntausende Republikaner flohen vor der Franco-Diktatur nach Mexiko. Doch seit einigen Jahren ist das Verhältnis getrübt wegen der Aufarbeitung der Kolonialgeschichte. Der linksgerichtete Präsident Andrés Manuel López Obrador forderte 2019 vom spanischen Königshaus eine offizielle Entschuldigung für die Taten der Kolonialherren. Felipe VI weigerte sich. Die Nachfolgerin von López Obrador, Claudia Sheinbaum, lud den Monarchen dann nicht zu ihrer Amtseinführung 2024 ein. In einer einmaligen Geste schickte die spanische Linksregierung gar keinen Repräsentanten zur Zeremonie in Mexiko Stadt.

Beziehung nicht weiter verschlechtern

Seitdem sind beide Seiten bemüht, den Riss zu kitten oder die Beziehungen zumindestens nicht noch weiter zu verschlechtern. Hintergrund ist der Gipfel der iberoamerikanischen Staaten im November in Madrid, ein Großereignis, das durch ein mögliches Fernbleiben Mexikos abgewertet würde. Bezeichnenderweise gingen zwei der renommierten Preise der Princesa de Asturias im letzten Jahr an mexikanische Künstler und Institutionen. Mexiko war dieses Jahr das Gastland auf der Tourismusmesse Fitur in Madrid, wie umgekehrt erst Spanien und dann Barcelona auf der größten spanischsprachigen Buchmesse der Welt im mexikanischen Guadalajara.

Erster Schritt in Richtung Versöhnung

Im Oktober sprach der spanische Außenminister José Manuel Albares das Thema an. „Es gab Schmerz und Ungerechtigkeit gegenüber den indigenen Völkern“, räumte der Chefdiplomat ein. Für die Regierung in Mexiko waren diese Worte „ein erster Schritt“, doch verlangte sie weiterhin ein Eingeständnis aus dem Munde des Königs. Am Montag im Archäologiemuseum bezog Felipe VI dazu Stellung und sprach von den Katholischen Königen, Isabel und Fernando, unter deren Herrschaft Kolumbus die Neue Welt erreichte: „Es gab Bemühungen zum Schutz (der indigenen Völker), die in der Realität dann nicht wie beabsichtigt umgesetzt wurden und es kam zu sehr, sehr viel Missbrauch“, kommentierte der König.

Ungewöhnliches Gespräch

Das Format eines vermeintlich spontanen Gesprächs mit dem mexikanischen Botschafter ist ungewöhnlich. Der Besuch im Museum stand nicht auf der Agenda des Monarchen. Das Video wurde vom Königshaus selbst gedreht und dann über soziale Medien öffentlich gemacht. Die Regierung war zuvor informiert worden. Man sei „zu 100 Prozent“ mit den Worten des Monarchen einverstanden, erklärte die Regierungssprecherin Elma Saiz am Dienstag (17.3.).

Reaktionen in Spanien mit gemischten Gefühlen

Die Vorsicht bei der Auswahl des Formats der Äußerungen belegt den Sprengstoff, den dieses Thema birgt. Die Reaktionen in Spanien fielen von ablehnend bis empört aus. Der Oppositionsführer Alberto Núñez Feijóo ging ungewöhnlich hart mit dem König ins Gericht. „Es ist Unsinn, heute im 21. Jahrhundert eine Bewertung der Vorfälle im 15. Jahrhundert vorzunehmen“, kritisierte der Chef der konservativen Volkspartei PP. Die Fraktionssprecherin der rechtsradikalen Vox, Pepa Millán, erklärte: „Das spanische Vorgehen in Amerika war die größte Tat für die Evangelisierung und die Zivilisierung in der Geschichte der Menschheit.“

Zwei Exponate der Ausstellung über die Rolle der Frauen im indigenen Mexiko in Madrid. | FOTO: A. PÉREZ MECA/EP

Zwei Exponate der Ausstellung über die Rolle der Frauen im indigenen Mexiko in Madrid. / A. PÉREZ MECA/EP

Manch konservative Medien und andere Politiker gingen den Monarchen noch schärfer an und beschuldigten ihn, die sogenannte „Leyenda negra“ aufzuwerten, die schwarze Legende, die nach Meinung vieler Spanier im Ausland zur Diffamierung des einstigen Weltreichs gezeichnet wird. Manche, wie die Ministerpräsidentin von Madrid, Isabel Díaz Ayuso von der PP, führten das oft bemühte Argument an, dass die Azteken ihre Nachbarvölker brutal unterdrückten und diese von den spanischen Kolonisatoren unter Hernán Cortés befreit wurden.

Kritik vom rechten Lager

Die Aufarbeitung der Gräueltaten unter der Kolonialherrschaft beschäftigt seit Jahren auch andere Staaten wie Frankreich oder Deutschland. Spaniens König fällt mit seinen Äußerungen zu Mexiko nun weiter in bestimmten Kreisen in Ungnade. Viele im rechten Lager nehmen ihm übel, dass er die umstrittene Amnestie für die Separatistenführer in Katalonien unterzeichnete, auch wenn das so von der Verfassung vorgesehen ist. Auf Demonstrationen gegen die Linksregierung von Pedro Sánchez sind vereinzelt, aber regelmäßig Seitenhiebe auf die Bourbonen-Dynastie zu sehen.

PP will keine übertriebene Moralisierung

Die PP sucht keinen Konflikt mit der Casa Real, dem Königshaus. Núñez Feijóo unterstrich, dass man die Worte des Königs „im Kontext“ betrachten müsse. Er bezog sich auf folgende Aussage des Monarchen: „Es gibt Dinge, die uns mit unseren heutigen Kriterien betrachtet nicht stolz machen, aber man muss sie in ihrem angebrachten Kontext sehen, ohne übertriebene Moralisierung, sondern mit objektiven und strikten Analysekriterien“, so Felipe VI.

Geste der Annäherung

Die erwartete Reaktion aus Mexiko folgte einen Tag nach den Erklärungen Felipes im Museum. „Man kann schon sagen, dass wir etwas mehr erwartet hätten, aber es ist eine Geste der Annäherung, eine Anerkennung der Exzesse und der Ausrottung nach der Ankunft der Spanier“, sagte Präsidentin Sheinbaum. Die diplomatische Annäherung geht weiter. Felipe VI wurde zum Spiel von Spanien gegen Uruguay bei der bevorstehenden Fußball-Weltmeisterschaft in Guadalajara eingeladen. Ob Mexiko im November zum Iberoamerikanischen Gipfel nach Madrid komme, ließ Sheinbaum jedoch offen.

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