Ein Jahr nach Spaniens Jahrhundert-Blackout: Warum die Suche nach den Schuldigen noch immer läuft
Vor einem Jahr ging auf dem Festland nichts mehr. Was heute über den Blackout bekannt ist

Entgegen aller Prognosen nahmen viele Spanier den Blackout gelassen. Hier in einer Bar im galicischen Ourense. | FOTO: BRAIS LORENZO/EFE
Wer sich am 28. April 2025 auf dem spanischen Festland aufgehalten hat, wird diesen Tag wohl nie vergessen. Am Mittag fiel im ganzen Land und im benachbarten Portugal der Strom aus. Die Balearen und die Kanarischen Inseln waren nicht vom Blackout betroffen, da sie über ein unabhängiges System verfügen. Stundenlang ging nichts mehr ohne Notstromaggregate, und in vielen Häusern kehrte erst am späten Abend oder in der Nacht das Licht zurück.
Ein Jahr danach ist man über die Ursachen des einmaligen Zwischenfalls schlauer, doch einiges liegt noch im Dunkeln. Immerhin wurde ein Hackerangriff von sämtlichen Experten und den spanischen Sicherheitskräften ausgeschlossen. Doch die Suche nach einem oder mehreren Hauptverursachern geht weiter. Dabei weisen sich alle Beteiligten gegenseitig die Schuld zu: die Energieversorger, der Netzwerkbetreiber REE, die Wettbewerbsaufsichtsbehörde CNMC und selbstverständlich ist der Stromausfall in parlamentarischen Untersuchungsausschüssen zum politischen Spielball zwischen der Linksregierung und der konservativen Opposition geworden.
Vielfältige Fehlerquellen
Eine von der Europäischen Kommission beauftrage Gruppe von 50 Experten aus ganz unterschiedlichen Bereichen kam zu dem Schluss, dass es nicht eine simple Erklärung für die massive Panne gab, sondern die Fehlerquellen „multifaktorial“, also sehr vielfältig waren. „Europa hat uns mitgeteilt, dass das Ereignis völlig neu und unvorhersehbar gewesen sei und vielseitige Gründe hatte“, erklärte Beatriz Corredor, die Vorsitzende von Redeia, der staatlich kontrollierten börsennotierten Mutter des Betreibers des spanischen Elektrizitätsnetzes REE. Die Aufsicht CNMC hatte Dutzende Verfahren gegen Energie- unternehmen und REE eröffnet. Nach den Erkenntnissen der europäischen Expertenkommission wurde der Stromausfall hauptsächlich von einer Überspannung im Netz ausgelöst. Es kam zu einer Kettenreaktion, bei der sich mehrere Wind- und Solaranlagen abschalteten. Dem Netzbetreiber REE wird vorgeworfen, nicht genug Ersatzkapazitäten zur Stützung der Spannung bei starken Schwankungen angeordnet zu haben. Deren Chefin Corredor verwies dagegen auf die Stromversorger, die sich nicht an entsprechende Vorgaben zur Sicherung des Netzes gehalten hätten.
Das Spiel mit dem Schwarzen Peter hat einen ernsten Hintergrund. Im Raum stehen mögliche Schadenersatzforderungen in Milliarden-Höhe, etwa seitens der geschädigten Industrieunternehmen. Der Erdölkonzern Repsol zum Beispiel konnte seine Raffinerien erst Tage nach dem Stromausfall wieder in Betrieb nehmen.
Ausstieg aus fossiler Energie
Den internationalen Experten geht dieser Streit zu weit. „Finden Sie gemeinsam eine Lösung und einigen Sie sich. Sonst kann das wieder passieren“, mahnen die Ermittler in dem Bericht. Doch José Bogas, der scheidende CEO des Stromkonzerns Endesa gab auf seiner letzten Aktionärshauptversammlung ausgerechnet am Jahrestag des Blackouts am Dienstag Entwarnung. „Es ist sehr unwahrscheinlich, dass dies noch einmal vorkommt“, versicherte der Manager.
In der Tat hat sich etwas geändert. REE hat ein neues Protokoll eingeführt, an dem seit Jahren gearbeitet wurde und dessen verspätete Einführung als einer der Gründe für den Unfall angeführt wird. Unter anderem werden die erneuerbaren Energiequellen besser ins Netz integriert, sodass dass sie besser zur Stabilität der Spannung beitragen. Die Elektrifizierung der Wirtschaft schreitet auch in Spanien mit großen Schritten voran, während das Land beim Ausstieg aus fossilen Energiequellen und der Atomkraft in Europa zur Spitzengruppe zählt.
Im vergangenen Jahr entfiel 56 Prozent der Elektrizitätserzeugung auf Ökostrom aus Wind, Sonne und Wasserkraft. Der Blackout hatte zu einem zwischenzeitlichen Anstieg der Produktion in Gaskraftwerken geführt, mit dem die Verantwortlichen das Netz vorübergehend absicherten.
Deutliche niedrigere Preise dank erneuerbarer Energien
Die Koalitionsregierung aus Sozialisten und Linken hat den Forderungen aus der Wirtschaft und von der konservativen Opposition nach einer Verlängerung der Laufzeiten der Atommeiler, nicht zuletzt mit dem Argument der Netzsicherheit, eine klare Absage erteilt. Dank des großen Parks an erneuerbaren Energien habe Spanien angesichts des Kriegs im Nahen Osten deutlich niedrigere Strompreise als die meisten europäischen Nachbarn, unterstrich der Wirtschaftsminister Carlos Cuerpo am Mittwoch (29.4.) einmal mehr im Parlament. Eines der Probleme des Landes ist die nach wie vor die zu geringe Verbindung über die Pyrenäen nach Frankreich, was die Iberische Halbinsel vom restlichen europäischen Netz weitgehend isoliert. Doch verschiedene französische Regierungen haben bis heute wenig Interesse an einem Ausbau der Leitungen über die Berge gezeigt.
Der Stromausfall vor einem Jahr hat auch in anderer Hinsicht interessante Aspekte aufgezeigt. Ein Chaos auf den Straßen, wie es in vielen Szenarien von Sicherheitsdienst für den Fall eines Hackerangriffs gezeichnet wird, blieb nämlich aus. Die Menschen nahmen die Situation erstaunlich gelassen und sogar der Autoverkehr lief ohne Ampeln recht geordnet ab. Da die meisten keinen Zugang zu sozialen Medien hatten, konnten auch Übeltäter mit gezielten Falschinformationen die Ruhe im Lande nicht stören.
Abonnieren, um zu lesen
- Habe meine geheimen Wege, auf denen ich keinen Urlaubern begegne': Mallorca-Schauspielerin Christine Neubauer ganz privat im MZ-Interview
- Mallorca robbt in Richtung 30 Grad: So wird das Wetter in den kommenden Tagen
- Waghalsige Manöver auf der Autobahn kosten 19-jährigen Motorradfahrer auf Mallorca das Leben
- Abstieg in die zweite Liga so gut wie besiegelt: Wie Real Mallorca das Wunder rechnerisch noch schaffen könnte
- Man wird zu Abfall der Gesellschaft': Wie es den letzten Besetzern im alten Gefängnis auf Mallorca geht
- „Sie nennen uns die Plage“: Warum es selbst manchen Radfahrern inzwischen auf Mallorca zu viel wird
- Lieferdienste von Supermärkten: So sparen Sie sich auf Mallorca den Gang ins Geschäft
- Verkehrschaos rund um Sóller: Gemeinde sieht sich mit dem Problem alleingelassen
