Zum Hauptinhalt springenZum Seitenende springen

"Die Zeitung der Demokratie": "El País" feiert 50 Jahre Journalismus-Geschichte in Spanien

Spaniens Tageszeitung „El País“ wird 50 Jahre alt – und blickt auf ein halbes Jahrhundert zurück, in der sie das Geschehen des Landes nicht nur erzählt, sondern auch selbst geprägt hat

Zeitung der Demokratie

Zeitung der Demokratie

Thilo Schäfer

Thilo Schäfer

Am 4. Mai 1976, kein halbes Jahr nach dem Tod des Diktators Francisco Franco, lag an Spaniens Zeitungskiosken ein neuer Titel aus. „El País“ sollte in den turbulenten Jahren des Übergangs zur Demokratie zur Referenz in Spanien werden. Mittlerweile spielt die Tageszeitung in der Liga der großen internationalen Medien und ist in der spanischsprachigen Welt führend. „El País“ feierte sich dieser Tage nicht ohne Grund als wichtigster Zeitzeuge der letzten fünf Jahrzehnte im Lande. Das erkennen auch Kritiker an, die dem Blatt die traditionelle Nähe zur Sozialistischen Arbeiterpartei PSOE verübeln.

Auf einem Festakt zum 50. Jahrestag am Montag (4.5.) in Barcelona erinnerte sich König Felipe VI. daran, wie er als Achtjähriger erstmals von „El País“ erfuhr, ohne die Zeitung damals selbst gelesen zu haben. „Bei uns zu Hause wurde dieses Ereignis viel kommentiert, und ich merkte, dass es etwas sehr Wichtiges sein musste“, erinnerte sich der Monarch an den Tag der Ersterscheinung.

"Die Zeitung der Demokratie"

In Madrid feierte „El País“ den Jahrestag mit einer dreitägigen Veranstaltung mit Podiumsdiskussionen, Workshops und Konzerten, an denen 40.000 Menschen der Redaktion und ihren bekannten Autoren nahekamen. Der international renommierte Schriftsteller Javier Cercas verfasste im Auftrag der Zeitung eigenes ein Buch über „El País“ mit dem unbescheidenen Titel „El periódico de la democracia“ („Die Zeitung der Demokratie“).

Der Ursprung des linksliberalen Blatts ist ungewöhnlich. In der Endzeit des schwer kranken Franco ließen sich reformorientierte Mitglieder des Regimes für das Projekt einer neuen, weltoffenen und liberalen Tageszeitung erwärmen, darunter der einstige Informationsminister Manuel Fraga, der spätere Gründer der konservativen Volkspartei. Mit dabei war auch José Ortega Spottorno, der Sohn des großen spanischen Philosophen José Ortega y Gasset, sowie einige Unternehmer, allen voran der Verleger Jesús de Polanco.

"Niemand glaubte an das Projekt"

Das Geld für ihr Projekt hatten die Gründer schnell beisammen, doch bei der Suche nach einem Chefredakteur hagelte es Absagen. Schließlich entschied man sich für den gerade einmal 31-jährigen Juan Luis Cebrián als ersten „director“. Er zählte damals sogar zu den Ältesten in einer jungen, hungrigen Redaktion. „Niemand unter den Journalisten glaubte an das Projekt“, erinnerte Cebrián dieser Tage in einem Interview mit der Zeitung, die er mitgegründet hat und bis 1988 als Chefredakteur leitete, bevor er Geschäftsführer wurde. Zwar erschienen in der Übergangszeit, der „transición“, auch andere neue Publikationen wie „Diario 16“, doch „El País“ mauserte sich zur führenden Stimme einer aufstrebenden Demokratie, die den Anschluss an die europäische Staatengemeinde begehrte.

Gewissermaßen ihre zweite Geburtsstunde erlebte die Zeitung am 23. Februar 1981, als Polizeibeamte der Guardia Civil das Unterhaus stürmten und man sich in der Redaktion auf das Schlimmste gefasst machte. Noch bevor die Fernsehansprache von König Juan Carlos I. dem Putsch ein Ende bereitete, erschien „El País“ mit einer Sonderausgabe am späten Abend: „‚El País‘, con la Constitución“ („‚El País‘ steht zur Verfassung“). Dieser mutige Schritt bescherte der noch jungen Zeitung internationale Aufmerksamkeit und ebnete ihren Aufstieg.

Die Zeitung wurde zum Forum für Intellektuelle, wie die Nobelpreisträger Gabriel García Márquez oder Mario Vargas Llosa oder den Oscar-gekrönten Regisseur Pedro Almodóvar. Seit 1986 ist die eigene Journalistenschule eine Kaderschmiede für „El País“ und andere Medien (auch der Chefredakteur der Mallorca Zeitung und der Autor dieser Zeilen gehören zu den Absolventen).

Nähe zu den Sozialisten

Schon früh wurde die Nähe zu den Sozialisten argwöhnisch beäugt. Cebrián pflegte einen sehr engen Kontakt zum damaligen Ministerpräsidenten Felipe González. Vor dem umstrittenen Referendum über Spaniens Beitritt zur NATO habe er bis spät in die Nacht mit González zusammengesessen, um die genaue Fragestellung auszudenken, erzählt er.

Der Erfolg der Zeitung motivierte den Hauptaktionär Jesús de Polanco zu neuen Projekten und einer raschen Expansion ins Fernsehen (Canal Plus) und ins Ausland. Der Mutterkonzern Prisa, dem auch Spaniens größter Radiosender SER gehört, übernahm sich jedoch dabei, und das Medienhaus musste schließlich andere Kapitalgeber zulassen. Heute ist der Finanzinvestor Amber Capital mit fast 30 Prozent der Anteile an der börsennotierten Prisa der Hauptaktionär. Die Polanco-Familie und andere Gründer spielen nur noch eine untergeordnete Rolle.

Der Einstieg von Großinvestoren stieß vielen Lesern und auch Redaktionsmitgliedern auf. Wie die gesamte Medienbranche litt „El País“ unter den strukturellen Problemen durch den Aufstieg des Internets. Kritisch wurde es dann, als der Chefredakteur Antonio Caño die Zeitung zunehmend von ihrer traditionellen linksliberalen Linie abbrachte.

Erste Frau an der Spitze

Im Juni 2018 wurde Caño entlassen und mit Soledad Gallego-Díaz die erste Frau an die Spitze der Zeitung berufen, eine extrem geschätzte Journalistin der ersten Stunde von „El País“. „Ich habe noch nie gesehen, wie eine Chefredakteurin von ihren Mitarbeitern derart umarmt und beklatscht wird. Sie entfachte einen unfassbaren Enthusiasmus“, erinnerte sich der heutige Chef von „El País“, Jan Martínez Ahrens, den Gallego-Díaz damals zu ihrer rechten Hand machte.

Zeitung der Demokratie

Soledad Gallego-Díaz. / Efe

Der Anlass des Artikels von Martínez Ahrens ist ein trauriger. Am Mittwoch, zwei Tage nach der 50-Jahr-Feier, verstarb Gallego-Díaz im Alter von 75 Jahren. Auf eigenen Wunsch hatte sie den Chefposten nach nur zwei Jahren 2020 wieder abgegeben, seitdem schrieb sie aber weiter regelmäßig in der Sonntagsausgabe.

Zu den Feierlichkeiten war Ex-Chef Caño nicht eingeladen, ebenso wenig wie der Gründer Cebrián. Dieser musste sein Lebenswerk 2024 nach erheblichen Differenzen verlassen. Sein Beitrag zum 50-jährigen beschränkte sich auf das Interview mit „El País“. Am Ende des Gesprächs sagte er zu den beiden Fragestellern. „Ich bitte euch nicht darum, dass ihr mich gut behandelt, aber bitte seid gut zu der Zeitung.“

Abonnieren, um zu lesen

Tracking Pixel Contents