Auch Linke tragen jetzt das Trikot: Wie der WM-Triumph Spaniens Umgang mit nationalen Symbolen verändert
Den nationalen Symbolen haftet für viele Spanier noch immer der Muff der Diktatur an. Die Erfolge des Fußball-Nationalteams tragen dazu bei, das Eis zu brechen

Ist das ein Linker oder ein Rechter? Schwer zu sagen, seit Spaniens Fußballer WM-Titel einfahren. | FOTO: FERNANDO SANCHEZ/EUROPA PRESS
Die Spieler der argentinischen Nationalmannschaft müssen sich beim inbrünstigen Mitsingen ihrer Landeshymne vor dem Endspiel der Fußballweltmeisterschaft in New York so sehr verausgabt haben, dass sie danach in 120 Minuten nicht einen einzigen platzierten Schuss aufs Tor der Spanier abgeben konnten. Dagegen verfolgten die spanischen Auswahlspieler die von einem Quintett aus Valencia vorgetragene Nationalhymne wie gewohnt stumm, da die „Marcha Real“ keinen Text hat. Die Symbolik des Spielauftakts im MetLife Stadium am Sonntag (19.7.) ist nicht zu übersehen. Während den Argentinier in Sachen Nationalstolz kaum jemand auf der Welt etwas vormacht, hat die spanische Gesellschaft ein komplexes Verhältnis zu nationalen Symbolen und Patriotismus.
Doch die Dinge ändern sich. Der Sieg im Endspiel gegen Argentinien hat einen ungewohnten Sturm der Begeisterung ausgelöst. Am Montag (20.7.) strömten zwei Millionen Menschen auf die Straßen von Madrid zum Empfang des Teams nach der Rückreise aus den USA. Schon Stunden vorher reihten sich die Menschen in den Trikots von „La Roja“ – „die Rote“, wie die Nationalelf genannt wird – entlang der breiten Boulevards im Zentrum der Hauptstadt auf, um den Weltmeistern zujubeln zu können. „Gemeinsam sind wir stärker“, rief der Erfolgstrainer Luis de la Fuente der Menschenmenge auf der Plaza de Cibeles zu. Das klingt nach Plattitüde, ist es im Vielvölkerstaat Spanien mit seiner stark polarisierten Gesellschaft aber nicht.
"Nie ein normales Verhältnis zur Flagge"
Öffentliche Bekundungen von Patriotismus waren in Spanien lange ein Vorbehalt des konservativen Teils der Gesellschaft, während viele links gesinnte Menschen mit den Nationalfarben Rot und Gelb nicht viel anfangen konnten. „Die demokratische Linke hat nie ein normales Verhältnis zur Flagge entwickeln können, ganz zu schweigen von den Separatisten und Radikalen“, kommentierte der bekannte Journalist Javier Caraballo nach dem Endspiel im Online-Medium elconfidencial. com. Dieser Umstand hat seinen Ursprung im Nationalkatholizismus der Franco-Diktatur. Rot-Gelb-Rot und andere nationale Symbole galten vielen Menschen lange als Symbole der Unterdrückung und Ausdruck eines ethnozentrischen Weltbildes.
Über Jahrzehnte blieb die Nationalmannschaft im fußballbegeisterten Spanien bei Welt- und Europameisterschaften regelmäßig unterhalb ihrer sportlichen Möglichkeiten und löste kaum Begeisterung aus. Das änderte sich mit dem Erfolg. Auf den Gewinn der Europameisterschaft 2008 folgte der Weltmeistertitel 2010 in Südafrika. Die Freude über den Aufstieg in die Weltklasse befiel auch Menschen, die mit Fußball und der Nationalmannschaft zuvor nichts anfangen konnten. Viele legten ihre Vorbehalte ab und malten sich die rot-gelben Streifen aufs Gesicht, hielten Flaggen aus dem Auto oder zelebrierten auf andere Weise.
Ein spanisches Sommermärchen?
Der Vergleich zum „Sommermärchen“ bei der WM 2006 in Deutschland drängt sich auf. Damals entdeckten die Deutschen einen unverkrampften, fröhlichen und inklusiven Umgang mit den Nationalfarben Schwarz-Rot-Gold, ohne zu fürchten, in die rechte Ecke gestellt zu werden. Man war stolz darauf, der Welt als ausgelassener und fröhlicher Gastgeber gedient zu haben. In Spanien änderte der Titel 2010 die Einstellung zu den nationalen Symbolen. Doch manche taten sich weiterhin schwer. Linke Medien wie die Tageszeitung „Público“ schrieben in den Schlagzeilen lieber über die Erfolge von „La Roja“ als „España“ aus Bedenken, dass sich manche Leser daran stören könnten. In jenen Jahren verkaufte sich ein alternatives Nationaltrikot in den Farben der spanischen Republik (Rot, gelb und lila). Der Gründer der Linkspartei Podemos, Pablo Iglesias, ließ sich in dem republikanischen Dress beim Fußballspielen ablichten.
Vor der WM 2018 in Russland sorgte Ausrüster Adidas für eine Kontroverse mit einem Trikot, wo ein optischer Effekt der Rauten die Farbe Lila vortäuschte. Ein gefundenes Fressen für User der sozialen Netzwerke, die über das vermeintliche republikanische Hemdchen polemisierten. „Ich meine, es gibt wichtigere Dinge in diesem Land“, kommentierte der damalige Nationaltrainer Julen Lopetegui.
Nicht mehr Spanier zweiter Klasse
Seitdem hat sich einiges verändert. Der heutige Sprecher von Podemos, Pablo Fernández, trat nach dem Endspiel im roten Nationaltrikot vor die Presse. „Es stimmt, dass viele von uns ein konfliktives Verhältnis zu den nationalen Symbolen und bestimmten Äußerungen von Nationalismus haben, genau solche, die sich nach sportlichen Erfolgen zeigen“, schrieb der Schriftsteller Isaac Rosa in eldiario.es. „Aber wir sind es satt, uns immer rechtfertigen zu müssen, uns verdächtig zu fühlen, als Spanier zweiter Klasse zu gelten, weniger Spanier oder Anti-Spanier“. Wie Rosa vertreten dieses Jahr viele bekannte Stimmen des linken Lagers, dass man die Nationalfarben und die Unterstützung für die Fußballer nicht den Konservativen oder gar Rechtsextremen überlassen dürfe.
Den Kulturkampf um das Nationaltrikot erlebte der Oscar-gekrönte Schauspieler Javier Bardem. Beim Spiel der Spanier gegen Österreich in Los Angeles jubelte er auf der Tribüne neben seiner Partnerin Penélope Cruz und Sängerin Rosalía dem Team zu, trug jedoch kein Trikot. Dafür gab es im Netz einen Shit- storm von Usern, die ihm mangelnden Patriotismus vorwarfen. Im folgenden Spiel gegen Portugal in Dallas saß Bardem dann brav im roten Trikot von „La Roja“ im Stadion. Zuvor hatte er auf Instagram gepostet: „In diesem farbenfrohen Spanien haben wir alle Platz. Es sind die Farben eines pluralistischen Spaniens, das seine eigene Diversität nicht scheut, sondern diese zu seiner größten Stärke macht.“
Die Diversität, auf die sich Bardem bezieht, hatte vor allem zwei Gesichter: Lamine Yamal und Nico Williams, die beiden Jungstars der Elf, sind Kinder von Migranten und absolute Publikumshelden. Beim Empfang der Nationalmannschaft in Madrid war das Yamal- Trikot in der Mehrheit. Iñaki Williams, der bei der WM für Ghana auflief, die Heimat seiner Eltern, dankte seinem Bruder Nico mit einem Post: „Du hast es möglich gemacht, dass Millionen von Migranten wie unsere Eltern stolz darauf sind, dass ihre Kinder einmal das erleben dürfen, was du erlebt hast, und dass Millionen von Spaniern unsere Geschichte nachempfinden, die Geschichte aller, die alles aufgeben, um eine bessere Zukunft zu finden.“
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