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Nach der Ceuta-Krise: Warum es zwischen Spanien und Marokko immer wieder knirscht

Zufällig finden Massenanstürme von Migranten immer dann statt, wenn Marokko sich ärgert. Analyse einer schwierigen Beziehung

Massenandrang und Militäteinsatz: Die dramatische Situation in Spaniens Nordafrika-Exklave Ceuta

Lucía Feijoo Viera

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Thilo Schäfer

Thilo Schäfer

Eine Woche nach dem Ansturm auf Ceuta haben sich die Wogen weitgehend geglättet. Von den 72.000 Menschen, die von Marokko über das Meer in die spanische Exklave eindrangen, sind nach Angaben spanischer Behörden 70.000 wieder zurückgekehrt. Spanien und Marokko zählen zusammen 99 Todesopfer. Derweil legten die europäischen Regierungen auf einer Sitzung der EU-Innenminister am Dienstag (4.8.) ihren Streit über die spanische Migrationspolitik als Auslöser der Krise bei und erklärten geschlossen ihre Solidarität mit der Linksregierung von Ministerpräsident Pedro Sánchez.

Nun sollen die Ursachen des tragischen Massenandrangs aufgeklärt werden. Dabei steht eine Frage im Vordergrund: Welche Rolle spielte die marokkanische Regierung? Rabat wies die Vorwürfe, man habe die Massenwanderung zugelassen oder gar angestachelt, zurück. Die spanische Regierung vermied jeglichen Streit mit dem „befreundeten Nachbarn und Verbündeten“, wie Sánchez betonte. Was auch immer die Beweggründe für die Menschen waren, der Vorfall ist das neueste Kapitel in den schwierigen Beziehungen zwischen Spanien und Marokko.

Migration als politisches Druckmittel

Es wäre nicht neu, dass Rabat die Migration als politisches Druckmittel eingesetzt hätte. Das bekannteste Beispiel war der Grüne Marsch. Als Spaniens Diktator Francisco Franco 1975 im Sterben lag, marschierten rund 350.000 marokkanische Zivilisten in der Westsahara ein und erzwangen somit letztlich den Rückzug Spaniens aus dem damaligen Protektorat. Die ungeklärte Hoheitsfrage der Westsahara ist seitdem einer der Zankäpfel zwischen Madrid und Rabat. Der andere ist der Status von Ceuta und Melilla, den beiden spanischen Exklaven an der nordafrikanischen Küste.

Seit Jahrzehnten kommt es aufgrund dieses Konfliktpotenzials immer wieder zu Spannungen. Marokko schließt und öffnet nach Belieben die Grenzübergänge zu Ceuta und Melilla oder legt den Fährverkehr zum spanischen Festland lahm. Menschen marokkanischer Herkunft in Deutschland oder Frankreich, die im Sommer ihre Familien besuchen, können ein Lied von den Schikanen singen. Der gefährlichste Zwischenfall ereignete sich 2002, als marokkanische Gendarmen die Isla Perejil (Petersilieninsel) besetzten, einen unbewohnten Felsen vor der Küste acht Kilometer von Ceuta entfernt. In einem hochriskanten Schachzug schickte die damalige konservative Regierung Marinetruppen in Hubschraubern zur Befreiung des umstrittenen Eilands. Dabei gab es zum Glück keine Opfer, und der Konflikt deeskalierte bald.

Ein weiterer Zwischenfall involvierte Marokkos König Mohammed VI., dessen Yacht 2014 vor Ceuta vom spanischen Küstenschutz angehalten wurde. Ein Anruf des Monarchen bei Spaniens König Felipe VI. löste das Problem. Doch eine Woche später landeten 1.300 Migranten in Booten von Marokko an der spanischen Mittelmeerküste.

Telefone abgehört

Ein anderer Skandal, der die Beziehungen nachhaltig belastet hat, war das Abhören der Telefone von Sánchez und einigen seiner Minister durch marokkanische Sicherheitsdienste 2021 inmitten einer weiteren Krise. Spanien hatte den Führer der Polisario, der Befreiungsfront der Westsahara, Brahim Ghali, zur Behandlung in ein spanisches Krankenhaus eingeladen. Daraufhin erstürmten rund 10.000 Menschen aus Marokko Ceuta, eine ähnliche Szene wie letzte Woche, wenn auch in einem weitaus geringeren Ausmaß. Damals bestand kein Zweifel daran, dass der Marsch der Migranten von den marokkanischen Behörden gezielt angezettelt worden war.

Die Krise führte zu einer überraschenden und viel kritisierten Wende in der spanischen Außenpolitik. In einem Brief an König Mohammed zur Beschwichtigung der Marokkaner erkannte Sánchez erstmals den von Rabat vertretenen Autonomiestatus als Lösung für die Westsahara an und wich von der Forderung eines Referendums über die Souveränität der früheren Kolonie ab.

Diese Wende verärgerte Algerien, das seit jeher mit Nachbar Marokko auf Kriegsfuß steht, unter anderem wegen der Westsahara. Algier fror die Beziehungen zu Madrid ein, mit Ausnahme der Erdgaslieferungen. Spanien ist nach Italien der zweitgrößte Abnehmer von algerischem Gas, das wiederum ein Drittel des gesamten Verbrauchs Spaniens ausmacht. Der Spagat zwischen den sehr unterschiedlichen Interessen Marokkos und Algeriens ist eine sensible Aufgabe für jede spanische Regierung, egal welcher Couleur.

Die Sache mit Algerien

Abgesehen von der Frage der Westsahara und wirtschaftlichen Interessen ist auch die Migration ein wichtiges Thema. Denn auch von Algerien gibt es Migrationsströme nach Spanien, wovon auch die Balearen betroffen sind. Auf einem Besuch in Algiers am 20. Juli beendeten Sanchez und Staatspräsident Abdelmadjid Tebboune die Krise. Sie ließen das Freundschaftsabkommen wieder aufleben und vereinbarten eine Erhöhung der Gaslieferungen. Manche Experten sehen in dieser Versöhnung mit Algerien einen möglichen Grund dafür, dass Rabat aus Verärgerung die jüngste Krise in Ceuta mitgetragen haben könnte.

Das größte Konfliktpotenzial birgt der Hoheitsanspruch Marokkos über die beiden Exklaven. Nach dem Ansturm kommentierte Le 360, ein dem marokkanischen Königshaus nahestehendes Medium: „Der Vorfall hat erneut den unhaltbaren Status der Enklaven Ceuta und Melilla offenbart“. Madrid verteidigt diesen Status, denn beide Städte wurden gegründet, lange bevor es das Königreich Marokko gab, und gehören seit Jahrhunderten zu Spanien. Auch die Vereinten Nationen betrachten Ceuta und Melilla nicht als Kolonien. Dennoch gilt Vorsicht. Spaniens Könige haben die beiden Städte noch nie besucht, um jegliche Provokation zu vermeiden.

Der nächste Konflikt bahnt sich bereits an. In einer weiteren versöhnlichen Geste lud Sánchez Marokko ein, zusammen mit Spanien und Portugal die Fußball-Weltmeisterschaft 2030 auszutragen. Nun bestehen die Marokkaner darauf, dass das Endspiel in einem neu gebauten Stadion mit Kapazität für 1 15.000 Zuschauer in Casablanca stattfindet. In Madrid plant man jedoch mit dem Estadio Santiago Bernabéu in der Hauptstadt oder dem Camp Nou in Barcelona.

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