Armut, Arbeitslosigkeit, Glücksspiel-Boom: Ceutas riskante Wette auf die Zukunft
Eine arme Region Spaniens, eine reiche in Nordafrika: eine Stadt zwischen den Stühlen

Die spanische Stadt in Nordafrika könnte ihre Lage für einen wirtschaftlichen Boom nutzen. Bislang entwickelt sich jedoch nur die Branche der digitalen Glücksspiele und Wetten. | FOTO: JOAQUÍN SÁNCHEZ
Der Schauplatz der aktuellen Migrationskrise ist ein Sonderfall: 18,5 Quadratkilometer Spanien auf afrikanischem Boden – das ist in etwa die Größe des Gemeindegebiets von Búger auf Mallorca, Palma ist mehr als elf Mal größer. Die vormals portugiesische Stadt gehört seit 1668 zu Spanien, hat autonomen Status, ist eine der ärmsten Regionen des Landes und gleichzeitig eine der reichsten in Nordafrika. Ausgerechnet mit Glücksspielen versucht Ceuta nun sein Glück.
Das BIP-Paradox
Auch fiskalisch genießt die Stadt einen Sonderstatus: Ihre Bewohner – 83.600 an der Zahl – müssen lediglich 40 Prozent ihres Einkommens versteuern. In anderen Bereichen wie der Umsatzsteuer gelten ebenfalls Sonderregelungen. Wirtschaftlich nimmt Ceuta eine Sonderstellung zwischen den beiden Ufern des Mittelmeers ein. Ihr Bruttoinlandsprodukt (BIP) pro Einwohner lag 2025 bei 23.070 Euro – der zweitniedrigste Wert Spaniens und 41,5 Prozent unter dem Landesdurchschnitt von 32.633 Euro. Trotz dieses Abstands zum übrigen Spanien liegt der Wohlstand deutlich über dem der näher gelegenen Maghreb-Staaten: 3.972 Euro in Marokko, 4.163 Euro in Tunesien und 5.335 Euro in Algerien, wie aus Daten der Weltbank hervorgeht.
Dieser Gegensatz fasst das Paradox von Ceuta zusammen. Die Stadt gehört zu einer modernen europäischen Volkswirtschaft und verfügt über öffentliche Dienstleistungen, Rechtssicherheit und eine Infrastruktur nach spanischem Standard. Dennoch bleibt ihre Wirtschaftsleistung weit hinter dem Landesdurchschnitt zurück. Gleichzeitig verstärkt die Nähe zu nordafrikanischen Volkswirtschaften mit einem deutlich niedrigeren Pro-Kopf-BIP ihre Attraktivität als Migrations- und Handelsziel und macht sie potenziell zu einer Drehscheibe zwischen der Europäischen Union und dem Maghreb.
Abseits der aktuellen Krise versucht Ceuta, seine Lage zwischen Europa und Afrika zu nutzen. Die geografische Position, der Hafen, die Zugehörigkeit zum europäischen Rechtsrahmen und eine besondere Steuerregelung stellen offensichtliche Vorteile dar. Dennoch bleibt die Wirtschaftsstruktur einseitig. 2024 waren 90 Prozent der Beschäftigten im Dienstleistungssektor tätig, gegenüber 76 Prozent im Landesdurchschnitt. Auf die Industrie entfielen gerade einmal 3,3 Prozent, auf das Baugewerbe 6,5 Prozent.
Niedrige Steuern, hohe Arbeitslosigkeit
Kleine und Kleinstunternehmen prägen das Bild. Gut drei Viertel der beitragspflichtigen Betriebsstätten hatten höchstens fünf Beschäftigte, und 93 Prozent kamen nicht über 25 Mitarbeiter hinaus. Die meisten Firmen haben zu wenig Kapazitäten, um zu investieren, sich zu internationalisieren oder längere Krisen zu überstehen. Im zweiten Quartal 2026 lag die Arbeitslosenquote bei 22,41 Prozent – dem höchsten Wert Spaniens, gegenüber einem Landesdurchschnitt von 9,87 Prozent.
Ein beträchtlicher Impuls geht seit einigen Jahren vom Online-Glücksspiel und von Sportwetten aus. Die Unternehmen mit dem höchsten Umsatz gehören diesem Sektor an und profitieren vom steuerlichen Sonderstatus der Stadt. Der Boom hat qualifizierte Arbeitsplätze geschaffen und Ceuta auf die Landkarte der digitalen Wirtschaft gesetzt. Die Zahl der Beschäftigten in diesem Bereich stieg innerhalb eines Jahrzehnts um 452 Prozent, während die Zahl der beitragspflichtigen Betriebsstätten um 200 Prozent zunahm.
Das damit zusammenhängende Dilemma formulierte der Regierungsdelegierte Miguel Ángel Pérez Triano: Das Online-Glücksspiel zeige, dass Ceuta wettbewerbsfähig sein kann, gleichzeitig könne man die Zukunft einer Stadt nicht auf einem einzigen Sektor aufbauen.
Der Außenhandel vermittelt ein weiteres Bild der Gegensätze. Nach den Daten des spanischen Außenhandelsinstituts ICEX für 2025 stiegen die Exporte um 59,66 Prozent auf 19,1 Millionen Euro. Ceuta war damit die drittspanische Provinz mit dem stärksten prozentualen Wachstum ihrer Ausfuhren, nur übertroffen von Melilla, Spaniens zweiter Exklave in Nordafrika, und Cáceres. Elektrische Geräte und Materialien, Investitionsgüter, Konsumgüter und Energieprodukte standen an der Spitze der Geschäfte.
Schwachpunkt Grenze
Die Kehrseite ist eine sehr hohe Importabhängigkeit. Die Einfuhren beliefen sich trotz eines Rückgangs um 26,7 Prozent auf 446,4 Millionen Euro, das Handelsdefizit beträgt krachende 427,3 Millionen Euro, um die 5.300 Euro pro Kopf, Greise und Säuglinge eingeschlossen. Brennstoffe und Schmiermittel machten mehr als 70 Prozent der Importe aus, ein klarer Hinweis auf die energetische Verwundbarkeit des Gebiets.
Das Potenzial Ceutas liegt nicht darin, beim Volumen mit Algeciras oder Tanger zu konkurrieren. Die Chance sieht die Regierung vielmehr darin, sich zu einem spezialisierten Knotenpunkt für europäische Dienstleistungen, Technologie, maritime Logistik und sicheren Handel mit Nordafrika zu entwickeln. Dafür braucht die Stadt gute Verkehrsverbindungen, eine stabile Energieversorgung, Rechtssicherheit und Kooperation mit Marokko.
Der Professor für Angewandte Volkswirtschaft an der Universität Granada, Miguel Ángel Pérez, ist der Ansicht, dass die Grenzbeschränkungen Ceuta daran hindern, als große Warendrehscheibe mit Häfen wie Tanger Med oder Nador West Med zu konkurrieren. „Aus Sicht des Warenhandels bleibt Ceuta praktisch nur die Möglichkeit, nach Norden zu schauen und seine Beziehungen zu Europa zu stärken“, sagt er. Die wichtigste Chance liege daher im Dienstleistungssektor: digitale Wirtschaft, spezialisierte Logistik und internationale Unternehmensdienstleistungen.
Der Traum vom Tor Europas
Die Migrationskrise zeigt, in welchem Ausmaß die Wirtschaft Ceutas von der Situation einer Grenze abhängt, die wachsenden politischen und gesellschaftlichen Spannungen ausgesetzt ist. Aus der Stadt ein wirtschaftliches Tor Europas zu machen, bleibt ein Traum, solange hauptsächlich Glücksspielunternehmer auf Ceuta wetten und jede Verstimmung zwischen Marokko und Spanien in einen weiteren Massenansturm auf diese kleine Exklave mündet.
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