Als Kind lebte er jahrelang alleine im Wald – jetzt ist Spaniens berühmter "Wolfsjunge" gestorben
Der am Sonntag (16.8.) verstorbene Marcos Rodríguez wurde berühmt, weil er als Kind zwölf Jahre in der Wildnis überlebte. Ein Mallorquiner hat den Fall dokumentiert

Marcos Rodríguez bei einem Vortrag über sein Leben in der Wildnis der Sierra Morena. | FOTO: NICO RODRÍGUEZ
Marcos Rodríguez Pantoja, bekannt als der „Wolfsjunge von Sierra Morena“, ist im Alter von 80 Jahren in einem kleinen Dorf in der Provinz Ourense gestorben. Seine Geschichte vom Überleben und vom Zusammenleben mit Wildtieren gehört zu den aufsehenerregendsten und bestdokumentierten Fällen sogenannter Wolfskinder beziehungsweise wild aufgewachsener Kinder in Spanien.
Weltweit sind insgesamt zwischen 60 und 100 Fälle von Menschen bekannt, die in ihrer Kindheit längere Zeit allein in der Wildnis gelebt und überlebt haben. Nur ein knappes Dutzend konnte im Detail erforscht werden. Die Geschichte von Marcos wurde von einem Mallorquiner durchleuchtet: Der renommierte Schriftsteller Gabriel Janer Manila (Algaida, 1940) hat Marcos in den 1970er-Jahren für seine Doktorarbeit interviewt und die Geschichte 30 Jahre später zu einem preisgekrönten und verfilmten Roman verarbeitet („He jugat amb els llops“ – Ich spielte mit Wölfen, 2010).
Wie bei allen spektakulären Überlebensdramen stellt sich die Frage: Und wenn Marcos alles erfunden hat? Es war ja niemand dabei. Genau deshalb spielt Janer Manilas Recherche eine entscheidende Rolle. Warum man Marcos seine Geschichte von Anfang an geglaubt hat, begründet der Autor so: „Erstens waren seine Antworten immer dieselben, wenn man ihn über seine zwölf Jahre in der Sierra Morena befragte. Und zweitens wegen meiner Recherchen.“
Die führten den Mallorquiner nach Córdoba, wo er mit Leuten sprach, die Marcos kannten. Darüber hinaus studierte Janer Manila akribisch wissenschaftliche Literatur, die sich mit ähnlich gelagerten Fällen befasst. Und kam zum Schluss: Die Story war rund.
Als Sechsjähriger an Ziegenhirten verkauft
Das Schicksal von Marcos Rodríguez war naturgemäß tragisch: Nachdem seine Mutter bei der Geburt ihres achten Kindes gestorben war, verließ sein Vater die Familie und verkaufte den erst Sechsjährigen an einen Ziegenhirten, für den er in der Sierra Morena – ein Gebirgszug im Süden Spaniens – arbeiten sollte. Ein illegaler Vorgang natürlich, der aber nie geahndet wurde: Janer Manila fand heraus, dass die Guardia Civil nicht einmal eine Niederschrift anfertigte, als Marcos zwölf Jahre später gefunden wurde. Die Geschichte wurde so hingedreht, dass der Hirte das Kind als bezahlte Arbeitskraft eingestellt hatte.
Tatsächlich arbeitete der Junge als Gehilfe dieses alten Hirten. Dieser wurde zu seiner einzigen Bezugsperson und brachte ihm bei, in den Bergen zu überleben und die dort vorhandenen Ressourcen zu nutzen. Als der Mann nach wenigen Monaten starb, war Marcos erst sieben Jahre alt, hatte jedoch bereits die Fähigkeiten erworben, sich allein durchzuschlagen, und gewöhnte sich schließlich an ein Leben ohne regelmäßigen menschlichen Kontakt. Als ein Förster ihn entdeckte, war er 19 Jahre alt, trug Tierfelle, und das Haar reichte ihm bis zu den Hüften.
Friedenspakt mit den Wölfen
Als Wolfskind wurde Marcos bezeichnet, weil es ihm gelang, zu den in der Sierra Morena lebenden Wolfsrudeln einen freundlichen Kontakt herzustellen, bis zu dem Punkt, dass er die Tiere als seine Familie ansah. Janer Manila interpretiert einen Teil dieser Erzählung als „imaginäre Welt“, in die sich das vollkommen isolierte Kind flüchtete, indem es sich vorstellte, dass die Wölfe es bei sich aufgenommen hatten. Wahrscheinlich war es mehr ein Friedenspakt, indem Marcos ihnen Fleisch brachte.

Ungeliebte Normalität: Marcos als Küchengehilfe auf Mallorca. / Archiv DM
Wie konnte ein so kleiner Junge in diesen Bedingungen überleben? In einem Interview aus Anlass der Veröffentlichung seines Romans im Jahr 2010 erklärte Janer Manila: „Er war ein intelligentes Kind. Andernfalls hätte er es nicht geschafft.“ Innerhalb kürzester Zeit musste der Siebenjährige lernen, Feuer zu machen, zu jagen, zu fischen und Heilkräuter von giftigen Pflanzen zu unterscheiden. Nachdem er an verdorbenem Fleisch erkrankt war, bastelte er sich eine Art Kühllager in einer Höhle.
Interessant auch die Gemeinsamkeit zwischen diesem Fall und anderen Kindern der Wildnis, wie Janer Manila feststellte: „Mit Victor von Aveyron zum Beispiel – ein Fall, der von Jean Itard studiert und von Truffaut verfilmt wurde – hat er das fehlende Kälteempfinden gemeinsam. Beide sagten, dass sie nie gefroren haben. Das bedeutet, dass wir das Frieren lernen. Uns ist kalt, weil wir die Heizung kennen.“
Arbeit im Tourismus auf Mallorca
Wenige Jahre nach seiner Rückkehr in die Zivilisation kam Marcos nach Mallorca, wo er im Tourismusboom der 70er-Jahre rasch Arbeit fand, allerdings enorme Probleme hatte, sich in ein Leben einzufinden, das nicht von den Gesetzen der Natur diktiert war. Sein weiteres Schicksal war von zahlreichen Schwierigkeiten geprägt, die sein Misstrauen gegenüber den Menschen noch verstärkten.
Gegen seinen Vater hegte er keinen Groll, Marcos begründete dessen Handeln mit Armut. In den letzten Lebensjahren fand Marcos in einem kleinen Dorf bei Ourense in Galicien ein Zuhause. Dort besuchte er Schulen, Ferienlager und andere Einrichtungen, um von seiner Lebensgeschichte zu erzählen und zum Respekt vor der Natur aufzurufen. An den Dreharbeiten für den Film „Entrelobos“ (Gerardo Olivares, 2010), der auf seiner Geschichte basiert, wirkte er als Berater mit.
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