Bikini gegen Franco: Wie Elke Sommer auf Mallorca Spaniens Sittenwächter schockte
80 Jahre Bikini: Damals geriet die Franco-Moral unter die Räder des Tourismus – auch auf Mallorca

Elke Sommer im Film "Bahía de Palma". / DM
Der Kulturkampf fand an den Stränden des Mittelmeers statt. Zwei Ereignisse markierten ein Vorher und Nachher: Der Fall der britischen Touristin Marjorie Roberts in Benidorm im Jahr 1959 und die Premiere des auf Mallorca gedrehten Films „Bahía de Palma“ mit der kurz vor dem Durchbruch zum Weltruhm stehenden deutschen Schauspielerin Elke Sommer im Jahr 1962.
Die ikonischen Bilder der ersten europäischen Touristinnen, die an valencianischen Stränden in einem Badeanzug badeten, der an weibliche Unterwäsche erinnerte, verbargen nicht nur eine Geschlechterrevolution und einen Aufstand gegen die Unterdrückung, sondern auch einen gesellschaftlichen und politischen Umbruch. Das Franco-Regime akzeptierte es, diesen Lebensstil an bestimmten Orten in eine streng reglementierte Gesellschaft zu integrieren, und musste anschließend einen schwierigen Balanceakt zwischen dem vollführen, was es den ausländischen Touristinnen erlaubte, und den Vorschriften für die eigene Bevölkerung.
Vom Skandalthema zum Kultursymbol
Das Kleidungsstück, das heute ein vollkommen selbstverständlicher Bestandteil des Playa-Alltags ist, entstand vor genau 80 Jahren: Der französische Ingenieur Louis Réard entwarf diesen Badeanzug 1946 in Paris, und seine Einführung löste einen gewaltigen Skandal aus. Jahrelang war der Bikini in verschiedenen Ländern und an zahlreichen Stränden verboten. Zwei Jahrzehnte später jedoch entwickelte sich der nach einem Pazifik-Atoll benannte Zweiteiler zu einem Symbol der westlichen Popkultur. Vor allem Touristinnen aus Nordeuropa trugen zu seiner Verbreitung bei, seitdem ist er untrennbar mit dem Tourismus im Mittelmeerraum verbunden.
Zweigeteiltes Spanien
Die Auswirkungen der Bikini-Revolution gingen weit über den Bereich der Mode hinaus. Das von ausländischen Frauen getragene Kleidungsstück stellte das von Spaniens Diktatur propagierte Frauenbild, das auf Sittsamkeit und Kontrolle über den weiblichen Körper beruhte, grundsätzlich infrage. Der Anblick von Touristinnen im Bikini beeindruckte die jungen Spanierinnen, die darin ein Vorbild für Auflehnung und Freiheit sahen. Gesellschaftlich ging die Bedeutung noch viel weiter: Zwei völlig gegensätzliche Welten trafen am selben Ort aufeinander.
Das Regime nahm dieses Risiko in Kauf, weil es auf die Devisen aus dem Tourismus angewiesen war. Dadurch musste es in bestimmten Küstenregionen Verhaltensweisen tolerieren, die in ganz Spanien weiterhin als anstößig galten oder sogar bestraft wurden.
Eine Episode aus dem Jahr 1959 mit der jungen Britin Marjorie Roberts am Strand der aufstrebenden valencianischen Tourismus-Hochburg Benidorm wurde zu einem Schlüsselereignis dieses Kulturkampfes, der zugleich ein Dilemma offenbarte. Die Behörden verhängten gegen Roberts eine Geldstrafe, weil sie im Bikini die Strandpromenade überquert hatte. Die Touristin soll die Gesetzeshüter gefragt haben: „Welches Teil soll ich denn ausziehen?“
Mit der Vespa zum Staatschef
Der Fall fand in der internationalen Presse große Beachtung und wuchs sich sogar zum diplomatischen Zwischenfall aus. Während das Regime Bilder von Frauen im Bikini nutzte, um Spanien als modern und offen zu vermarkten, setzte es im Alltag weiterhin strenge Vorschriften zur Moral und zur „weiblichen Anständigkeit“ durch.
Benidorm war kein Einzelfall. Ab den 1950er-Jahren begann sich die valencianische Küste durch den wachsenden Ansturm europäischer Touristen zu verändern. Sie wurden vom Klima, günstigen Preisen und guten Verkehrsverbindungen angezogen – zusätzlich motiviert durch eine PR-Kampagne des Franco-Regimes, mit der sonnenhungrige Europäer nach Spanien gelockt wurden. Die Stadt Benidorm in der Provinz Alicante entwickelte sich dank eines ehrgeizigen Entwicklungsplans zum großen Versuchsfeld des Massentourismus und zum wichtigsten Schaufenster einer neuen, auf Sonne und Strand basierenden Wirtschaft. Dieses Modell sollte sich später auf weite Teile der Mittelmeerküste und die Balearen ausbreiten.
Bis heute erzählt man sich in Benidorm, der Bürgermeister sei mit seiner Vespa bis nach Madrid gefahren, um Franco davon zu überzeugen, dass Toleranz gegenüber der Bikini-Mode unverzichtbar sei, wenn man die internationalen Touristen nicht vertreiben wolle.
Bikini-Blockbuster
Nur zwei Jahre nach dem legendären Dialog zwischen Marjorie Roberts und den Polizisten in Benidorm wurde auf Mallorca ein Film gedreht, der ebenfalls ein Bestandteil der Propagandamaschinerie des Regimes war. Denn Tourismusminister Manuel Fraga hatte die Filmindustrie beauftragt, eine „Reihe von sommerlichen Spielfilmen“ zu drehen, um dem Publikum Appetit auf Strände zu machen.

Das Filmplakat von "Bahía de Palma". / Archiv
Die Filmemacher ließen sich nicht lange bitten. Als „Bahía de Palma“ 1962 in die Kinos kam, stand das konservative Spanien kopf. Doch die Zeit war offenbar reif, denn erstmals ging eine Szene durch die Zensur, die als bis dahin skandalöseste der iberischen Filmgeschichte galt: Elke Sommer räkelt sich in einem schwarzen Zweiteiler an einem Strand in Calvià. Die Presse schwieg den Tabubruch tot, doch Mundpropaganda sorgte dafür, dass der Film zum Blockbuster wurde: In einem Kino in Madrid stand „Bahía de Palma“ drei Monate lang auf dem Programm.
Gemaltes Kleid für Elke Sommer
Unter der Hand verkauften Filmvorführer Zelluloidschnipsel der „heißen Szene“. Die Hüter der Moral führten ein verzweifeltes Rückzugsgefecht, indem sie Minderjährigen den Kinobesuch verbaten und der spärlich bedeckten Elke Sommer auf dem Filmplakat per Malpinsel ein Kleid anzogen. Es konnte nichts daran ändern: Der Damm war gebrochen.
Der Benidorm betreffende Teil des Artikels entstand aus Anlass der Ausstellung „Bajo el sol del régimen. Benidorm, el bikini y la modernidad en la España franquista (1950-1970)“, zu sehen bis 6. September in Benidorm.
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