10. April 2008
10.04.2008

Mallorcas nächster Gegner FC Sevilla: Fußball mit Gefühl 

10.04.2008 | 02:00
Schwerstarbeit für Psychologen: Sevilla-Spieler trauern um ihren verstorbenen Kameraden Antonio Puerta.

Schon wenige Minuten nach dem Spiel, das seine Mannschaft gerade 2:0 gegen den Tabellenzweiten Villarreal gewonnen hatte, konnte Sevillas Trainer am vergangenen Sonntag mit einem beachtlichen Zahlenwerk aufwarten. Anzahl von Torschüssen, gewonnene Zweikämpfe und nach Ballbesitz bemessene Spielanteile: Manuel Jiménez wusste seine Einschätzung, dass seine Mannschaft an diesem Abend verdient gesiegt hatte, mit viel Statistik zu untermauern.

Von Holger Weber



Fußball ist beim FC Sevilla halt schon längst keine reine Schweiß- und Knochenarbeit mehr, sondern wird dort seit gut einem Jahrzehnt auf einer wissenschaftlichen Basis behandelt. „Ohne diesen Ansatz lässt sich irgendwann kein Fortschritt mehr erzielen", sagt Miguel Morilla wie selbstverständlich. Er ist der Chef des zwölfköpfigen Psychologen-Teams vom FC Sevilla.



Morilla hat das Spiel gegen den FC Villarreal beobachtet, analysiert und die Ergebnisse noch vor der Pressekonferenz für den Trainer der Profimannschaft aufbereitet. Zusammen mit seinen Kollegen ist er für alle Mannschaften im Club - von den 400 Jugendlichen bis hin zu den Profis - verantwortlich. Als der ehemalige deutsche Bundestrainer Jürgen Klinsmann wegen der Einbeziehung eines Therapeuten in Deutschland noch misstrauisch beäugt wurde, standen beim FC Sevilla bereits fünf Psychologen in Lohn und Brot. Das Team wurde mit wachsendem Erfolg zu einem in ­Europa einmaligen Modell ausgebaut.



Morilla steht in ständigem Kontakt mit Trainer Jiménez und hat bei der Erarbeitung von Trainingsplänen eine gewichtiges Wörtchen mitzureden. Die psychologische Aufarbeitung findet dabei nicht auf der Couch statt, sondern auf dem Trainingsplatz. „Die Übungseinheiten werden so gestaltet, dass die Spieler lernen, mit Druck und Stress fertig zu werden." Die Spielanalysen von Morilla spielen dabei eine wichtige Rolle. Als Psychologe beim FC Sevilla zu arbeiten, setzt fußballerisches Fachwissen und sogar eine Trainerlizenz voraus. Miguel Morilla, der es selbst nie zum Profifußballer schaffte, besitzt die höchste Lizenz und dürfte auch in der Primera División trainieren. Bei seiner Ausbildung hat er im Übrigen gemeinsam mit Mallorcas Coach Gregorio Manzano die Schulbank gedrückt.



Streetworker für die Stars

Auf der Gehaltsliste des Clubs stehen auch Ernährungsberater und Sozialarbeiter. Die Sozialarbeiter kümmern sich vor allem um die Spieler, die von außerhalb kommen und in der Nachwuchsschule des FC Sevilla trainieren. Sie sorgen dafür, dass bei den rund 50 jungen Fußballern aus aller Welt neben der sportlichen Ausbildung auch die schulische nicht zu kurz kommt. „Sie arbeiten mit den Psychologen Hand in Hand und sind so etwas wie der Elternersatz", erläutert Morilla.



Die Jugendabteilung, mit zahlreichen renommierten Talenten bestückt, gehört mittlerweile zu den erfolgreichsten des Landes und hat unter anderen Nationalspieler wie José Antonio Reyes (Atletico Madrid) und Sergio Ramos (Real Madrid) hervorgebracht.



In Sevilla ohnehin eine Institution, fördert der Club auch anderweitig die Ausbildung und Erziehung junger Menschen. So existiert beispielsweise seit fünf Jahren ein Projekt, bei dem Psychologen, Trainer, Ernährungsberater und auch Profispieler Projektwochen in Schulen veranstalten. „Es geht darum, den Kindern soziale Werte zu vermitteln und sie an eine gesunde Ernährung heranzuführen", sagt Morilla.



60.000 Schüler kamen bereits in den Genuss des Programms, erhielten zum Abschluss kleine Geschenke und wurden somit auch zu kleinen „Sevillistas" herangezogen. Seit das Projekt gestartet wurde, haben sich die Sympathiewerte laut einer vom Club in Auftrag gegebenen Umfrage verdreifacht.



„Dies zählt genauso wie die sportlichen Erfolge", sagt Morilla. Ausdrücklich lobt er den nach außen oft selbstherrlich wirkenden Club-Präsidenten José Antonio del Nido für seine moderne Managementstrategie. Ohne ihn stünde der Club nicht dort, wo er jetzt steht.



Die schwerste Zeit in Diensten des FC Sevilla erlebte Miguel Morilla dagegen im August vergangenen Jahres, als der 22-jährige Antonio Puerta bei einem Meisterschaftsspiel zusammenbrach und einige Tage später im Krankenhaus starb. „Der Club stand wochenlang unter Schock. Nie zuvor waren wir so wichtig wie in diesem Augenblick."

In der Druckausgabe lesen Sie außerdem:

Real Madrid spielt bei Mallorca 1:1

DFB-Trainingslager auf Mallorca: Sportschau mit Sonderausgabe

Vorteil Spanien: Davis-Cup in Bremen

Radsport: Der Deutsche Dirk Müller gewinnt Cinturón

auf Twitter teilen
auf Facebook teilen

25 Mal Vereinssport auf Mallorca

Vereinssport auf Mallorca

Hier finden Sie Ihren Sportverein!

Von Basketball über Fechten bis Volleyball: 25 Sportarten im Überblick und mit Links zu den Vereinen auf Mallorca.


 

Mallorca-Themen von A bis Z

Mallorca-Themen von A bis Z

MZ-Artikel, geordnet nach Themengebieten

Alphabetische Liste: Von Air Berlin über Kongresspalast bis Wandern

 

Empfohlene Links: Inselradio 95,8 | Mallorca mal 365 |