01. Juni 2018
01.06.2018

Marcel Ndjeng und Malik Fathi über ihr Karriereende, Druck im Fußball und die WM

Die MZ traf die ehemaligen Spieler von Atlético Baleares zum Interview

01.06.2018 | 01:00
Marcel Ndjeng (li.) und Malik Fathi spielten für Atlético Baleares.

Atlético Baleares verliert seine deutschen Aushängeschilder. Marcel Ndjeng (36) und Malik Fathi (34) haben ihre Karriere beendet. Fathi wurde als Spieler von Hertha BSC Berlin bekannt. 175 Partien absolvierte er in der Bundesliga. Im Januar 2015 kam er zu Atlético Baleares. Ndjeng stieß im Sommer 2016 zum Drittligisten. Er spielte für fünf verschiedene Vereine 73 Partien in der Bundesliga. Die MZ sprach mit den beiden Fußballern über ihren Abschied, den Druck im Profigeschäft und ihre Pläne für die Zukunft.

Sie beenden beide Ihre ­Karriere. Hat der Körper nicht mehr mitgespielt oder fehlte am Ende auch die Lust?
Ndjeng: Es war ein Zusammenspiel. Ich hatte die vergangenen drei Monate tagtäglich ­Schmerzen in den Gelenken und Probleme, mich dazu zu motivieren, die Schmerzen auszuhalten.
Fathi: Man will ja auch ein Gewicht in der Mannschaft haben. Meine Menisken in beiden Knien müssten operiert werden. Auf Teufel komm raus hätte ich noch ein Jahr dranhängen können. Aber ich will dem Team auch nicht zur Last fallen.

Es ist ein neuer Trend, dass sich ehemalige Fußballer über den Druck im Profigeschäft auslassen. Per Mertesacker sagte, dass er vor den Spielen der WM 2006 vor Stress würgen musste. ­Haben Sie Ähnliches erlebt?
Fathi: Ein Trend ist es nicht. Es hat endlich einer ausgesprochen, und es äußern sich nun auch andere dazu. Der Druck ist die Krux beim Fußball. Die Erwartungshaltung wächst über die Jahre.
Ndjeng: Es ist nicht nur der Druck von außen, sondern auch die ­Erwartung an sich selbst. Es ist üblich, dass man gegenüber den Gegenspielern keine Schwächen offenbaren darf. Das überträgt sich mit der Zeit auch auf die Persönlichkeit.
Fathi: Man spielt bei zu viel Stress auch nicht effektiver. Ein bisschen davon kann beim gezielten Einsatz aber zum Erfolg für die Spieler und das Team führen. Die Arbeit im mentalen Bereich ist immer mehr im Kommen. Physisch gesehen sind die Spieler von der ersten bis zur dritten Liga fast alle auf einem Level. Dann macht der Kopf den Unterschied.
Ndjeng: Als ich angefangen habe, war das noch kein Thema. Man hatte mit erfolgreichen Profis Eckpfeiler, an denen man sich orientieren konnte. Aber man hat nie etwas über sich selbst erfahren.
Fathi: Jeder Fußballprofi sollte sich seines Glückes bewusst sein. Es ist eine geile Sache. Trotzdem muss man den Druck mit sich rumschleppen und immer wieder funktionieren.

Apropos Glück: Welche waren Ihre schönsten Momente?
Ndjeng: Für mich war es immer der Einlauf ins Stadion mit einem Kind an der Hand. Da konnte ich die ganze Stimmung aufsaugen. Während des Spiels hat man alles andere ausgeblendet und bekommt nur hin und wieder mit, wenn man ein Tor geschossen hat. Ich wurde oft von Nachbarskindern angesprochen: Spielst du dich selbst bei Fifa auf der Konsole? Ich kam aber nie auf die Idee, darüber nachzudenken. Das schien mir so weit weg.

Hatten Sie nie das Verlangen, nachzusehen, wie Sie im Computerspiel bewertet wurden?
Ndjeng: Die wenigen Male, die ich gespielt habe, habe ich Topteams wie Barcelona oder Real Madrid genommen. Und dort habe ich persönlich nie gespielt.
Fathi: Die Wertung Geschwindigkeit habe ich bei mir lieber nicht nachgeschaut. Ein- bis zweimal habe ich mich aber gespielt. Es stimmt allerdings, dass man viele Sachen nicht mitbekommt und als selbstverständlich hinnimmt. Erst später wird man sich dessen bewusst, wenn jemand Fotos zeigt und einen darauf anspricht.

Wie sehr haben Sie verfolgt, was über Sie in Fanforen und Zeitungen geschrieben wurde?
Ndjeng: Komischerweise waren es immer die Momente, in denen ich das Gefühl hatte, ich bin gerade nicht so gut drauf. Wenn es bei mir gut lief, habe ich mich nicht dafür interessiert.
Fathi: Bei mir war es andersrum. Ich habe fast nie etwas gelesen. Wenn ich ein tolles Spiel gemacht habe, habe ich am nächsten Tag die Zeitungen durchgeschaut, um mich selbst zu bestätigen.
Ndjeng: Und ich habe die Bestätigung gesucht, dass ich doch nicht so schlecht war.

Fußballer verdienen angeblich so viel, damit Sie sich das Leben nach der Karriere finanzieren können. Können Sie jetzt schon in Rente gehen?
Fathi: Ich habe während meiner Karriere gut verdient und nicht alles verballert. Jetzt kann ich es mir leisten, dass ich mich ein Jahr lang fortbilde und Trainerlizenzen mache. Danach muss ich aber arbeiten. Ich hätte auch keine Lust, zu Hause rumzusitzen.
Ndjeng: Mein Plan ist es, die Trainerscheine zu machen und mich weiter im Fußball zu engagieren.

Hatten Sie schon während der Profikarriere an einem zweiten Standbein gearbeitet?
Ndjeng: Als ich 2004 in die Regionalliga gewechselt bin, hatte ich mit einem Fernstudium Sportmanagement angefangen. Mit dem Schritt in die zweite Liga ein Jahr später hatte ich es nicht weiter verfolgt. Jetzt bin ich so weit, dass ich den Fitnesstrainer-Schein habe.
Fathi: Ich habe mich mit der mentalen Geschichte auseinander­gesetzt und per Fernstudium einen Schein als Mentaltrainer gemacht. Zusätzlich habe ich eine Ausbildung zum Sportmanager gemacht.

Sie haben beide eine deutsche Epoche bei Atlético Baleares geprägt. Wie deutsch ist der Club?
Fathi: Jetzt nicht mehr ganz so, wo wir weg sind.
Ndjeng: Es ist immer noch eine Mannschaft von der Insel.
Fathi: Da der Chef ein Deutscher ist, wird der Club aber immer ein Stück weit deutsch sein. Ich finde es gut, wenn man spanische und deutsche Tugenden mischen kann.

Wie sehr sind Sie nach der Zeit hier mit der Insel verbunden?
Ndjeng: Ich gehe zwar zurück nach Deutschland, aber das soll nicht heißen, dass ich mich hier nicht wohlfühle. Beim Wechsel damals zu Atlético Baleares war es mir wichtig, weiterhin in der Nähe meiner Familie in Deutschland zu sein.
Fathi: Ich habe mir in Llucmajor eine kleine Immobilie gekauft. Zudem betreibe ich an Palmas Paseo Marítimo die Bar Shisha Brothers. Ich werde zwischen Mallorca und Berlin pendeln.

Sie beide hätten für je zwei unterschiedliche Nationalmannschaften spielen können. Haben Sie die Entscheidung nach emotionalen oder sportlichen Faktoren getroffen?
Ndjeng: Ich bin in Deutschland aufgewachsen und hatte den Großteil meiner Familie dort. Mein Vater lebt in Kamerun und war meine einzige Verbindung zu Afrika. Für die deutsche Nationalmannschaft hat meine Qualität nicht ausgereicht. Als dann die Einladung von Kamerun kam, war der deutsche Coach Otto Pfister Nationaltrainer. Für mich war der Fußball die Möglichkeit, mich mit der Kultur auseinanderzusetzen.
Fathi: Die türkische Nationalmannschaft hatte sich gar nicht bei mir gemeldet. Nationaltrainer Joachim Löw hatte mich 2006 eingeladen. Ich war drei Monate dabei und durfte zwei Länderspiele bestreiten. Als ich 2012 ein halbes Jahr in der Türkei gespielt habe, war die türkische Nationalmannschaft wieder eine Option. Da ich für Deutschland nur Freundschaftsspiele gespielt habe, hätte ich auch wechseln können. Die ganze Bürokratie mit meinem Pass hatte damals aber gehinkt und so hat sich das zerschlagen.

Diese Woche wurden die Kader für die WM bekannt gegeben. Für Überraschung sorgte das Fehlen von Sandro Wagner im deutschen Team. Er selbst führte das auf seine offenherzige Persönlichkeit zurück. Sind echte Typen im Fußball heute unerwünscht?
Fathi: Der Fußball hat heutzutage im Team eine höhere Qualität. Wir sehen ein schnelleres Spiel. Da ist manchmal kein Platz für Individualisten. Es wäre aber schade, wenn es nur noch Spieler gibt, die wie Roboter funktionieren. Es tut der Fußballwelt gut, wenn jemand das Herz auf der Zunge trägt.
Ndjeng: Früher konnte man mal ein Schimpfwort benutzen, ohne dass es fünf Tage lang totdiskutiert wurde. Heute muss man dann die ganze Woche mit allen reden und sich entschuldigen. Es ist völlig überzogen, dass für eine emotionale Äußerung gleich der ganze Charakter einer Person infrage gestellt wird.
Fathi: Man muss aber auch zwischen Charaktertypen und Störfaktoren differenzieren.

Was davon ist Sandro Wagner?
Ndjeng: Ich hab ihn bei Hertha BSC Berlin kennengelernt. Für die Mannschaft war er kein Störfaktor. Er war immer bereit zu diskutieren, hat aber nie den Teamgeist gestört. Sandro hat sich auch nicht in den Vordergrund gedrängt.

Was ist von der deutschen Mannschaft bei der WM zu erwarten?
Fathi: Top Drei.
Ndjeng: Ich sage jetzt nicht, dass sie Weltmeister werden muss. Ich hoffe, dass sie sich wieder als gute Einheit präsentiert. Über den Willen und den Glauben kann das Team dann das Turnier gewinnen.

Wen tippen Sie als WM-Sieger?
Ndjeng: Ich würde es der deutschen Mannschaft wünschen. Mein Geheimfavorit ist aber Frankreich. Die Franzosen haben bei der Kaderzusammenstellung gute Entscheidungen getroffen.
Fathi: Ich fand Brasilien im Testspiel gegen Deutschland stark. Neben der individuellen Klasse ist die Mannschaft auch als Einheit gut aufgetreten. Die Brasilianer sind neben den Deutschen meine Favoriten.

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