07. Juni 2018
07.06.2018

HSV-Trainer Christian Titz auf Mallorca: War der Abstieg nur Zufall?

Die MZ sprach mit dem Coach über den Abgang des Bundesliga-Dinos und die anstehende WM

07.06.2018 | 10:58
Christian Titz erholt sich in Cala Ratjada.

Manchmal fühlt sich Christian Titz überflüssig. In den lauten Stadien der Bundesliga würden seine Spieler seine Anweisungen eh nur selten hören. Zudem sei das Spielgeschehen stark vom Zufall abhängig. Wie sehr ein Trainer eine Mannschaft aber doch beeinflussen kann, lebte Titz beim HSV vor. Der 47-Jährige wurde im März vom U21-Trainer zum Chefcoach des Bundesligisten befördert und hauchte mit attraktivem und offensivem Fußball dem Club neues Leben ein. Den ersten Bundesligaabstieg der Hamburger konnte er aber nicht verhindern. Die MZ traf den Trainer im Urlaub in Cala Ratjada.

Machen Sie gerade auf der Insel Trauerbewältigung?
Nein, ich komme schon seit Jahren nach Mallorca. Ich habe in jungen Jahren die Insel mit ihrer Vielfalt schätzen gelernt. Der Abstieg tat natürlich weh. Wir wussten aber schon vorher um die Schwierigkeit der Aufgabe. Jetzt lässt die Zeit keine richtige Trauer zu. Bereits einen Tag nach dem Abstieg haben wir mit der Vorbereitung auf die kommende Saison begonnen.

Da bietet sich die Insel an. Investor Klaus-Michael Kühne wohnt auch hier.
Er ist ein großer HSV-Fan und für den Verein ein Glücksfall. Was er aus Liebe zum Club in den vergangenen Jahren investiert hat, ist lobenswert. Daran sieht man mit welch großer Leidenschaft er dem Verein verbunden ist. Ich finde es toll, dass der HSV in der Vergangenheit einen solchen Unterstützer gehabt hat.

Rechnet man Ihren Punkteschnitt mit dem HSV auf die ganze Saison hoch, hätte der Club mit 55 Punkten die Champions League erreicht. Hatten Sie vor Ihrer Beförderung gedacht: Wann darf ich endlich ran?
Nein, da bin ich nicht der Typ zu. Ich fand mich schon privilegiert, die U21 eines so großen Vereins trainieren zu dürfen. Aber selbstverständlich hatte ich als Trainer, wie die Spieler auch, immer das Ziel, so hoch wie möglich zu trainieren.

Hatten Sie nach dem Abstieg über einen Wechsel nachgedacht?
Man darf nicht vergessen, dass der HSV der erste Verein war, der mir die Chance gegeben hat, in der Bundesliga zu trainieren. Das weiß ich zu schätzen. Ich finde den Club sehr interessant und fühle mich in Hamburg wohl. Zudem hat der HSV durch seine Infrastruktur, seiner Vielzahl an Fans und seiner Wirtschaftskraft sehr gute Möglichkeiten. Da musste ich nicht lange nachdenken.

Sie haben gute Arbeit beim HSV geleistet, sind aber trotzdem der Trainer, der den ersten Abstieg verantworten muss. Ist das ein Schandfleck für den Lebenslauf?
Darüber habe ich mir in der Tat vorher Gedanken gemacht. Als Schandfleck würde ich es nicht bezeichnen. Es war klar, dass es für eine Rettung ein ganz großes Wunder braucht. Ich habe eine Nacht darüber geschlafen. Dann kam der Ehrgeiz und die Fantasie durch, wie das mit der Mannschaft klappen könnte. Mir war nur wichtig, dass ich frei in meinem Handeln entscheiden und meine Ideen vom Fußball umsetzen konnte.

Konnten das die HSV-Trainer vorher nicht?
Das habe ich damit nicht gemeint. Abstiegskampf bedeutet aber meist tief stehen und auf Konterangriffe und Standardsituationen setzen. Dann kommt mit mir ein Trainer, der komplett was anderes machen will. Das muss im Vorfeld abgesprochen werden. Ich habe auch mehrere junge Spieler aus der U21 hochgezogen. Solche Maßnahmen müssen natürlich vom Verein getragen werden, denn Unruhe hatte die Mannschaft schon zur Genüge.

Hat Deutschland durch den Tod des Bundesliga-Dinos den letzten Tick Fußball-Romantik verloren?
Viele Leute haben in den vergangenen Jahren die Uhr, die Hamburgs Bundesligazugehörigkeit angezeigt hat, als Belastung angesehen. Das habe ich nicht so empfunden. Ich bin traditionell veranlagt und finde es gut, dass Traditionsclubs in den oberen Ligen spielen. Ich habe aber auch nichts gegen andere Vereine. Deutschland ist da zwiegespalten. Einigen haben sich über den Abstieg des HSV gefreut, die anderen wünschen sich die schnelle Rückkehr.

Wie geht es mit Dino-Maskottchen Hermann und der Uhr weiter?
Dem Dino wurde ein Pflaster aufgeklebt. Als Zeichen dafür, dass er einen Unfall hatte. Die Uhr wurde auf das Gründungsdatum umgestellt und läuft weiter.

Einige Spieler haben bereits ihr Bleiben verkündet. Wäre ein radikaler Umbruch nicht besser gewesen? Schließlich hatte das Team in den vergangenen Jahren ein Söldnerimage...
Das denken viele Menschen. Als ich gekommen bin, haben wir aber auf viele Nachwuchsspieler und Spieler, die lange Zeit außen vor waren, gesetzt. Die Mannschaft hat so ein neues Gesicht bekommen. Spielweise und Ergebnisse mit diesen Spielern haben im Stadion für eine gewisse Euphorie gesorgt und die Fans konnten eine Identifikation mit den Spielern aufbauen. Wir müssen auch sehen, wen wir gehalten haben: Mit Gotoku Sakai bleibt unser Kapitän. Mit Julian Pollersbeck ein Torhüter, der vorher wenig gespielt hat, und wie ein Neuzugang wirkt. Mit Gideon Jung ein wichtiger Spieler mit Perspektive, an dem auch andere Erstligisten interessiert waren. Man darf auch Spieler wie Hunt, Holtby, Ito und Santos nicht vergessen, die wir gehalten haben. Darüber hinaus haben wir in Bates, Moritz und Wintzheimer drei Spieler dazu geholt, während Spieler wie beispielsweise Lasogga und Halilovic zurückkehren werden. Sicherlich wird es im Kader bis zum Saisonstart auch noch weitere Veränderungen geben.

Was wird aus Stürmer Jann-Fiete Arp, in dem Experten ein Jahrhunderttalent sehen?
Mein letzter Stand war, dass er bleiben möchte.

Er wird mit dem FC Bayern München in Verbindung gebracht...
Ich werde keine Gerüchte kommentieren. Aber es ist kein Geheimnis, dass ich mit dem Spieler ein sehr vertrautes Verhältnis habe. Er hat zwei Jahre unter mir in der U17 gespielt und war mein Kapitän.

Kann der HSV überhaupt zweite Liga?
Wir wissen, dass es ein anderer Fußball ist. Wir werden auf Mannschaften treffen, die sehr körperbetont spielen. Wir haben einen spielstarken Kader und werden viele Spielanteile haben. Daher müssen wir uns darauf einstellen, dass die Gegner mit langen Bällen arbeiten und auf Standardsituationen setzen. Wir haben mit David Bates schon einen zweikampfstarken und großen Innenverteidiger geholt. Auch bei weiteren Transfers könnten wuchtige Spieler dabei sein, die ein anderes Element in das Team bringen. Denn in den Wintermonaten, wenn das Wetter schlechter wird, haben die technisch starken Spieler oft mit dem schlechteren Zustand der Plätze zu kämpfen. Dann sind gerade Spieler, die auch kämpferische Eigenschaften mitbringen, gefragt.

Kommen wir zur WM: Für Schlagzeilen folgte die Nicht-Nominierung von Leroy Sané, der immerhin Nachwuchsspieler des Jahres in der Premier League ist. Eine aus Ihrer Sicht gerechtfertigte Entscheidung?
Ich glaube, dass es für den Bundestrainer eine schwierige Entscheidung war. Sané ist ein außergewöhnlicher Spieler mit hohem Tempo und Stärken im Dribbling. Die genauen Gründe für die Entscheidung kennen wir alle nicht. Es ist aber manchmal so, dass ein anderer Spieler im Trainingslager einen besseren Eindruck hinterlässt. Das bedeutet dann nicht, dass Sané ein schlechter Spieler ist.

Der zweite Wackelkandidat war Manuel Neuer, der fast die ganze Saison gefehlt hat. Ist es richtig, für ihn einen Marc-André ter Stegen auf die Bank zu setzen?
Neuer hat über Jahre bewiesen, dass er ein hervorragender Torhüter ist. Er ist ein Spieler, der wenig Zeit benötigt, um sich wieder reinzufinden. Zudem ist Neuer eine Persönlichkeit. Bei einer Weltmeisterschaft entscheiden auch die Einflüsse der einzelnen Spieler auf das Team. Sollte Joachim Löw dann das Gefühl haben, dass es bei Neuer doch nicht reicht, kann er immer noch auf ter Stegen setzen.

Wo sehen Sie die Schwächen im deutschen Team?
Das ist eine böse Frage – über das Land, in dem man lebt, über Schwächen zu reden. Deutschland spielt einen dominanten Fußball mit hoch stehenden Innenverteidigern. Das gibt dem Gegner Räume im Zentrum und macht die Deutschen bei Konterangriffen anfällig. Sonst sehe ich Deutschland als sehr starke Mannschaft, die gut Druck auf den Gegner ausüben kann. Ich rede nicht gerne über Glück im Fußball, da wir durch unser Handeln das Spiel entscheiden müssen. Aber es gibt Momente in einer Partie, wo du eben das Spielglück brauchst, um ein Tor zu erzielen. Die Sporthochschule Köln hat mal ausgerechnet, dass 40 Prozent im Fußball Zufall sein sollen. Es ist nunmal oftmals auch davon abhängig, wohin beispielsweise ein Ball im Sechzehner abprallt, zum Mitspieler oder zum Gegner. Ein weiterer Zufallsfaktor sind auch die Schiedsrichterentscheidungen.

Bei der WM soll es aber – wie in der Bundesliga auch – den Videobeweis geben...
Das Problem ist, dass manche Situationen nicht eindeutig zu klären sind. Der Videoschiedsrichter hat in der Bundesliga keine kalibrierte Abseitslinie. Bei unserem Spiel mit dem HSV gegen Frankfurt hatten wir ein Tor geschossen, dass durch den Videoschiedsrichter wegen einer Abseitsstellung aberkannt wurde. Je nachdem, ob man die Linie am Fuß oder Kopf ansetzte, stand der Spieler im Abseits oder eben nicht. Als Trainer wartet man heutzutage nach einem Tor darauf, ob man jubeln darf oder der Treffer doch noch aberkannt wird. Auf der anderen Seite machen Fehlentscheidungen den Fußball interessant. Niemand muss befürchten, dass durch den Videobeweis die Emotionen und Diskussionen verloren gehen.

Wie soll man sonst bei solchen strittigen Entscheidungen vorgehen?
Der Videoschiedsrichter ist auch nur ein Mensch. Wenn eine Szene nicht eindeutig zu klären ist, sollte auf die ursprüngliche Schiedsrichterentscheidung zurückgegriffen werden. Damit, glaube ich, könnten die Zuschauer gut leben.

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