13. Juli 2018
13.07.2018

Marcel Wüst über die Tour de France: "Sprinter sind geile Typen"

Still und heimlich ist das Rennen gestartet. Für die MZ analysiert der ehemalige Profi die Chancen der deutschen Fahrer, den Skandal um den Briten Chris Froome und die Stürze zum Auftakt

13.07.2018 | 15:43
Marcel Wüst bietet Radurlaub in Cala Murada an.

Bei dem Trubel um die Fußball-WM gehen andere sportliche Groß­ereignisse fast unter. So ist etwa am Samstag (7.7.) das weltweit wichtigste Radrennen, die Tour de France, gestartet. Mit dabei ist auch der britische Fahrer Chris Froome, der wegen erhöhter Salbutamolwerte, ein Asthma-Mittel, unter Dopingverdacht stand. Abgehakt, meint Marcel Wüst. Der 50-jährige Kölner war selbst Profi und fuhr zwei Mal bei der Tour mit. Im Jahr 2000 gewann der Sprinter eine Etappe, ehe er einen Monat später bei einem schweren Sturz sein rechtes Augenlicht verlor und seine Karriere beendete. Heute ist er Vizepräsident im Bereich Marketing und Kommunikation beim Bund Deutscher Radfahrer und bietet Radurlaub in seiner Casa Ciclista in Cala Murada an. Die MZ sprach mit ihm am Dienstag (10.7.), während die Fahrer gerade die vierte Etappe von La Baule nach Sarzeau bewältigten.

Lohnt es sich, die Tour überhaupt zu gucken? Mit dem dreifachen Seriensieger Chris Froome steht der Gewinner doch quasi fest.
Das hat man bei der Fußball-WM auch gedacht: Wir sind so gut, wir sind Weltmeister, und zack: in der Vorrunde rausgeflogen. Radsport ist unvorhersehbar. Noch weniger als andere Sportarten. Man hat es beim Giro d'Italia gesehen. Dort dachte auch jeder, dass der starke Simon Yates das Rennen macht. Dann hat er an einem Tag 45 Minuten verloren. Es kann jeden Tag etwas passieren. Die Tour muss man einfach gucken.

Die Teilnahme von Froome ist nach den Dopingvorwürfen bei der Vuelta a España umstritten. Manche Experten reden von einer Schande für die Tour. Wie sehen Sie das?
Die Regel, die Fälle wie seinen betrifft, war schwammig ausgelegt. Daran sollte man arbeiten, dass sich solche Fälle dann nicht ewig hinziehen. Fakt ist, dass die Vorwürfe fallen gelassen wurden und er am Start steht. Das haben Experten so beschlossen. Das ist zwar genauso diskussionswürdig wie Besuche von deutschen Nationalspielern beim türkischen Präsidenten Erdogan oder verschwiegene Dopingfälle in anderen Sportarten. Man kann sich aber auch totdiskutieren. Wenn ich die Entscheidung doof finde, dann gucke ich die Tour halt nicht.

Das französische Publikum hat sich in der Frage klar positioniert und pfeift Froome aus. Beeinflusst das den Sportler?
Das müssten Sie den Özil fragen. Mich hat noch keiner ausgepfiffen, daher weiß ich das nicht.

Wer konkurriert mit Froome um den Gesamtsieg?
Richie Porte war letztes Jahr gut drauf und ist unglücklich gestürzt. Er scheint im richtigen Team zu sein, denn sein Rennstall BMC hat am Montag (9.7.) das Mannschaftszeitfahren gewonnen. Die Dreierspitze Alejandro Valverde, Nairo Quintana und Mikel Landa von Movistar muss man auf der Rechnung haben. Zudem Tom Dumoulin und Adam Yates. Das sind die klassischen Namen, mit denen immer zu rechnen ist. Für eine genaue Prognose muss man die Bergetappen abwarten. Froome ist – neben den vielen negativen Schlagzeilen – ein sehr professioneller Sportler. Ich habe in einem Artikel gelesen, dass er penibel auf die Kalorienzahl achtet, die er verbrennt. So kann er bei manchen Strecken mit weniger Gewicht antreten, ohne Kraft zu verlieren. Da wird an allen legalen Stellschrauben gedreht. Das hilft vielleicht auch dabei, einen Leistungseinbruch zu vermeiden.

In einem früheren Interview haben Sie gesagt, dass die Sprinter die wahren Helden seien. Ist es unfair, dass die Fahrer der Gesamtwertung den ganzen Ruhm abbekommen?
Das ist nun mal so. Das ist wie beim Fußball mit den Torhütern. Da gibt es starke Spieler, aber die schießen im Leben kein Tor und stehen somit nicht im Rampenlicht. Die Sprinter sind die Helden, weil sie die ersten Etappen Vollgas und volles Risiko fahren. Wenn die Berge kommen, glänzen dann die anderen Fahrer, die die ganze Zeit bei den Sprintern im Windschatten hingen. Die Sprinter müssen dann wiederum etwas machen, wofür sie gar nicht prädestiniert sind. Ich bleibe dabei: Sprinter sind geile Typen.

Für die Sprinter gibt es die Punktewertung. Auch diese scheint bereits an Peter Sagan vergeben, der einen starken Start hingelegt hat. Sehen Sie das auch so?
Man kann kaum erwarten, dass er viel schwächer wird. Sagan holt auch bei den Strecken Punkte, wo die anderen Sprinter kaum über die Berge kommen. Er kann aber auch wie im vergangenen Jahr schnell mal disqualifiziert werden oder wie der deutsche Fahrer Marcel Kittel stürzen. Müsste ich allerdings alle meine Besitztümer auf einen Fahrer setzen, würde ich Sagan nehmen.

Bleibt den deutschen Fahrern bei der Tour in diesem Jahr nur die Statistenrolle?
Top 10 wäre in der Gesamtwertung eine riesige Überraschung. Emanuel Buchmann ist das noch am ehesten zuzutrauen. Marcel Kittel wird bestimmt wieder die ein oder andere Etappe gewinnen. Vielleicht haben auch Nils Politt oder Tony Martin in einer Ausreißergruppe mal Glück. Trotzdem ist ein Teilnehmer bei der Tour kein Statist. Er gehört zu den 200 besten Fahrern der Welt. Manche Fahrer haben als Helfer auch eine wichtige Rolle, die gar nicht so wahrgenommen wird.

Siegen ist nicht alles. Bei der Tour scheint das olympische Motto „Dabei sein ist alles" zu gelten. Der US-Amerikaner Lawson Craddock fährt mit einem Schulterblattbruch weiter...
Es geht auch ums Durchhalten. Der Zuschauer schüttelt da manchmal den Kopf, aber das zeigt die Leidenschaft für den Radsport. In dem Zusammenhang regen mich Fußballer auf, die nach Schwalben ewig liegenbleiben. Ein Radfahrer fällt hart auf Asphalt, bricht sich etwas und macht sofort weiter. Wir sind aus härterem Holz geschnitzt.

Zum Start kam es zu verhältnismäßig vielen Stürzen...
Das ist weder ungewöhnlich noch unerwartet. Die Streckenführung ist manchmal am Limit. Ein Fußballplatz wäre unbespielbar, die Holperpiste Paris–Roubaix wird trotzdem gefahren. Bei der Tour kämpfen die Teams auch um Werbemöglichkeiten und die Fahrer gehen ein höheres Risiko ein. Das gehört aber dazu.

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