29. Juli 2018
29.07.2018

Box-Kultcoach Ulli Wegner trainiert mit Kubrat Pulev auf Mallorca

Nach der Vorbereitung im Robinson Club Cala Serena wollen beide Weltmeister werden

29.07.2018 | 01:00
Ulli Wegner (li.) hat den Ruhestand um mindestens ein Jahr verschoben. Mit Kubrat Pulev könnte er erstmals einen Schwergewichtsboxer zum WM-Titel führen.

Hand aufs Herz: Würden Sie sich für knapp 3 Millionen Euro von Boxweltmeister Anthony Joshua verprügeln lassen? Warscheinlich schon, oder? Kubrat Pulev entschied sich dagegen. „Der Sieg ist mir wichtiger als das Geld", sagt der bulgarische Boxer und verzichtete verletzungsbedingt auf den wohl größten Kampf seiner Karriere. Doch aufgeschoben ist nicht aufgehoben. „Ich werde bald gegen ihn kämpfen", ist sich der 37-Jährige sicher. Unterstützt wird er von seinem Coach, der deutschen Boxtrainerlegende Ulli Wegner. Der 76-Jährige wollte dieses Jahr eigentlich schon in Rente gehen, hat diesen Plan aber nun verworfen und will endlich einen Schwergewichtsboxer zum WM-Titel führen.

Wegner und Pulev trainieren zur Zeit im Robinson Club Cala Serena. Dort haben die beiden in der vergangenen Woche das jährliche Amateurboxcamp (im kommenden Jahr wird es erneut im März und Juli angeboten) mit Ex-Profi Sven Ottke angeboten. „Die Amateure haben zum Teil mehr trainiert als ich", sagt Pulev. „Das war für mich eine lehrreiche Erfahrung."

Angst brauchten die Teilnehmer nicht zu haben. Mit dem bulgarischen Hünen wurde nur trainiert, gegen ihn im Ring antreten mussten sie nicht. „Viele fürchten, dass beim Boxen die Nase kaputt geht. Das passiert aber nur den Profis." Im Fall von Pulev ist das schon nicht mehr möglich. „Mein Vater war auch Profiboxer. Als Spiel hat er mir und meinem Bruder beigebracht, uns immer wieder die Nase ranzudrücken." Heute hat sich sein Knorpel in der Nase soweit zurückgebildet, dass er sie wie Gummi hin- und herbiegen kann.

Vom Amateur zum Profi

Bis 2009 schlug sich der Schwergewichtler im Amateurboxen durch. Mit dem Sieg der Amateur-EM 2008 machte Pulev auf sich aufmerksam. Ein Jahr später verpflichtete ihn Deutschlands bekanntester Boxstall Sauerland Event, bei dem auch Wegner trainiert. Mit dem Kultcoach, der in seiner Karriere sechs Sportler zum WM-Titel einer der vier großen Boxverbände führte, ging es für Pulev im Profibereich nach oben. 2014 kam die erste große Chance für den Bulgaren. In Hamburg kämpfte er gegen Wladimir Klitschko um den Titel der International Boxing Federation (IBF). „Klitschko war bei der Pressekonferenz vor dem Kampf erstaunlich nervös. Ich war überrascht und dachte, dass ich ihn locker schlage." Falsch gedacht. Der ukrainische Champion schlug Pulev in der fünften Runde K.O.. Bis heute ist es die einzige Niederlage des 37-Jährigen in 26 Profikämpfen (13 K.O.-Siege).

„Damals war ich zu unerfahren. Das ist jetzt anders. Ich bin sicherer in der Deckung." Eine Revanche gegen den Ukrainer gibt es aber nicht. Nach einem technischen K.O. gegen Anthony Joshua im April 2017 hat Klitschko seine Karriere beendet und den IBF-Titel an den Engländer abgetreten, der ihn – neben den Titeln der Verbände WBA und WBO – bis heute innehat.

Ebenfalls im April hat sich Pulev mit einem Punktsieg gegen den US-Amerikaner Kevin Johnson erneut das Recht erkämpft, den IBF-Titel anzugreifen. Im Oktober sollte der große Kampf gegen Joshua im Millenium Stadium in Cardiff ausgetragen werden. Die Tickets für die 74.500 Plätze waren binnen einer Stunde ausverkauft. Drei Wochen vor dem Kampf kam der Schock: Pulev riss sich einen Brustmuskel an. „Ich konnte mit meiner rechten Faust nicht zuschlagen. Ich hätte antreten können, um die 3 Millionen Euro Startgebühr zu kassieren. Die hätte ich unabhängig vom Ausgang des Kampfes bekommen. Aber das wollte ich nicht." Hätte Pulev versucht, verletzt zu kämpfen, hätte sich der Muskelriss verschlimmern können. „Die Ärzte meinten, dass dann wohl eine große Operation notwendig wäre und ich mindestens anderthalb Jahre außer Gefecht sei, falls ich überhaupt zurückkommen könnte."

Der Bulgare ließ sich bei einem Spezialisten in Barcelona behandeln. Nach zwei Monaten war er wieder gesund, stand aber seit der Verletzung nicht mehr im Ring. „Jetzt bin ich wieder fit." Bevor er sich mit dem Champion messen kann, muss sich Pulev in einem Ausscheidungskampf in Sofia am 6. Oktober gegen Hughie Fury durchsetzen. Als Trainer am Ring steht dann Ulli Wegner. „Das hatte ich ihm unabhängig von meinen Plänen über ein Karriereende versprochen", sagt der Coach.

Profi-Boxen in Deutschland vor dem Aus?

Eigentlich war der Vertrag des 76-Jährigen mit Sauerland Event im Sommer ausgelaufen. Wegner hatte zuerst beschlossen, ihn nicht zu verlängern. Zu sehr litt zuletzt das Image des Boxstalls unter dem Weggang bekannter Boxer und mangelnder Vermarktung. „Früher hatten die Fernsehsender ARD und RTL die Kämpfe gezeigt. Heute laufen sie nur noch auf dem MDR und Sport1." Talente gebe es zur Genüge, allein bei der Förderung derer hinkt es. „Vor ein paar Jahren hätten Boxer wie Pulev viel öfter eine Chance bekommen, um Titel zu kämpfen."

Das Problem hat auch der Gründer des deutschen Boxstalls festgestellt. Der 78-jährige Wilfried Sauerland kehrte aus dem Ruhestand zurück. Bis zu seinem 80. Geburtstag will er Sauerland Event zu neuem Ruhm verhelfen. „Die nötigen Kontakte zu den Boxverbänden, um den deutschen Talenten Kämpfe zu organisieren, hat er", sagt Wegner. Beide haben sich auch auf Mallorca getroffen und Wegner seinen Vertrag um ein Jahr verlängert. Ein Ablaufdatum will sich der Trainer aber nicht setzen. „Ich könnte arbeiten bis ich 90 bin. Das habe ich in den Genen." Zudem machen ihn die Gedanken an den Ruhestand Sorgen. „Ich habe Angst davor, nicht mehr gefordert zu sein. Ich kann nicht einfach zu Hause rumsitzen."

Mit Pulev kann Wegner seinen ersten Schwergewichtsboxer zum Titel führen. „Wenn er weiter annimmt, was ich ihm sage, hat er eine Chance. Für sein Alter hat er eine erstaunliche Willenskraft. Mit ihm als Weltmeister könnte man was im Boxsport in Deutschland aufbauen." Doch der neue Stern von Sauerland Event wird wohl höchstens nur kurz aufleuchten. Denn auch Pulev sagt jetzt schon: „Am Ende des Jahres ist für mich bei Sauerland Schluss."

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