02. Juli 2020
02.07.2020
Mallorca Zeitung

Mallorca hat einen neuen Eintrag im Guinessbuch der Rekorde

Ben Miles, Leiter der Showbühne Son Amar, fuhr im Juni elfeinhalb Tage am Stück Rad - Weltrekord. Gesund war das nicht. Und noch einmal wiederholen würde er es schon gar nicht

02.07.2020 | 01:00
Wirkte noch relativ frisch, war aber am Ende. Ben Miles nach dem geglückten Rekord. Er nutzte die Gunst der Stunde noch, um Freundin Bea (re.) einen Heiratsantrag zu machen.

Jedes Mal, wenn er wieder aufwachte, musste sich Ben Miles sagen, dass er nicht verrückt ist. Da er dazu nicht mehr in der Lage war, hatte er vorab eine Videobotschaft aufgenommen, die ihm seine Freunde vorspielten. „Wenn du aufwachst, wirst du keine Ahnung haben. Hör auf deine Frau. Wenn sie dir sagt, dass du verdammt noch mal strampeln sollst, dann tust du das." Elfeinhalb Tage lang ist der 39-jährige Brite nur mit minimalen Pausen auf einem Hometrainer gefahren. Der Schlafentzug und die extreme Anstrengungen haben zu gesundheitlichen Problemen geführt, die Ben Miles noch über Monate begleiten werden. Dafür kann er sich nun über einen Eintrag ins Guinnessbuch der Rekorde freuen.

Es scheint fast so, als würde der Job des Chefs der Showbühne Son Amar eine Besessenheit für den Sport mit sich bringen. Der ­frühere Besitzer Damià Seguí war wohl der größte Volleyballfan der Insel. Mit seinem Geld hat er die Inselteams zu spanischen Meistern gemacht. Ben Miles ist der Sohn von ­Margaret ­Whittaker, die 2011 Son Amar übernahm. Der 39-Jährige aus Nottingham ist ein begeisterter Radfahrer. 2010 fuhr er von ­Gibraltar bis nach Norwegen. „6.250 Kilometer in fünfeinhalb Wochen vom südlichsten bis zum nördlichsten Punkt Europas. Das war mein erstes Abenteuer."

In Vorbereitung darauf hatte Ben Miles viele Stunden auf einem Hometrainer verbracht und sich gefragt, was wohl der Weltrekord für die längste Zeit auf einem statischen Fahrrad ist. „Damals lag er bei neun Tagen. Meine Familie hat mir davon abgeraten, den Rekord zu brechen. Die Idee schwirrte aber jahrelang in meinem Kopf herum. Ich war wie besessen", sagt Miles. 2018 startete er mit den Vorbereitungen für den Rekordversuch, der inzwischen bereits bei elf Tagen lag. Die Leistung an sich reicht nicht für den Rekord. „Man muss bei Guinness ein Projekt vorstellen – es ist ihr Buch, sie stellen die Regeln auf." Ben Miles gab an, dass er zwölf Tage lang auf dem Hometrainer fahren will, um auf Umweltschutzprogramme aufmerksam zu machen. „Das war nicht nur eine Ausrede. Ich bin Naturschützer, habe Reden gehalten und Preise gewonnen." Im Oktober 2018 segnete das britische Unternehmen den Rekordversuch ab. Miles datierte ihn auf den 5. Juni 2020, den Weltumwelttag. Kurze Zeit später begann er mit dem Training.

Nach sechs Monaten wollte er mindestens die halbe Strecke schaffen können. „Wir haben jeden Fortschritt als Event zelebriert: die ersten 24 Stunden, danach 48 und 72 Stunden am Stück", sagt er. Anfangs unterstützte ihn ein bekannter Radtrainer bei den Vorbereitungen. Richtig rund lief das aber nicht. „Ich bin Veganer. Er wollte mich die ganze Zeit über­reden, dass ich Hühnchen essen soll. Zudem hat er mich mit Nahrungsergänzungsmitteln und Medikamenten vollgepumpt."

Das führte zu Problemen. Im Juni 2019 ­kollabierte Miles beim Versuch, am Stück 72 Stunden zu fahren. „Um mehr Zuschauer zu bekommen, hatten wir das Event auf dem Dach des Restaurants von Son Amar angesetzt. Ich dachte, dass ein Pavillon und der Wind reichen, um mich abzukühlen." Dem war nicht so. Ben Miles feuerte schließlich seinen Trainer und übernahm selbst die Kontrolle. „Danach habe ich nie wieder eine Pille geschluckt. Ein Freund notierte alle medizinischen Daten. Es ist einiges nötig, um einen Menschen zwölf Tage lang in die Pedale treten zu lassen."

Miles fühlte sich besser und war nun für seinen Rekordversuch vorbereitet. Bis zu 35 Leute waren an dem Vorhaben beteiligt. „Ich hatte sechs Helfer aus meinem eigenen Familien- und Freundeskreis, die mir zum ­Beispiel beim Pinkeln halfen. Zudem waren Krankenschwestern und Zeugen da." Die ­Guinness-Richter konnten das Geschehen über zwei Kameras verfolgen. Miles musste stets eine Mindestgeschwindigkeit von knapp 20 km/h einhalten. Alle zwei Stunden konnte er einen Happen essen. Pro geradelter Stunde verdiente er sich fünf Minuten Pause, die er ansammeln konnte. Die ersten vier Tage strampelte er durch und gönnte sich erst dann die erste Stunde Schlaf. Danach nahm er sich ­immer mal wieder eine Stunde.

Ben Miles begann zu halluzinieren. „Wir haben den Rekord im Fitnessstudio von Son Amar unternommen. Der Raum hat sich vor meinen Augen fortwährend verändert. Ich war im Dschungel, im Garten meiner Mutter und im Schwimmclub meiner Jugend in Nottingham. Ich wurde regelrecht schizophren und habe alles negativ gesehen. Ich dachte, dass alle Anwesenden mich umbringen wollten. Jede Bewegung war verdächtig." Miles verlor seinen Geschmackssinn. und sah alles nur noch in Schwarz-Weiß. „Das Einschlafen war perfekt. Das Aufwachen fast unmöglich. Mein Körper hat sich mit allen Mitteln dagegen gewehrt. Noch eine halbe Stunde danach war ich wie eine leblose Hülle, die durch das Zureden meiner Frau auf dem Rad strampelte.

Aber Ben Miles hielt durch. „Ich hatte ein klares Ziel vor Augen." Als er es endlich ­erreicht hatte, brach er kurze Zeit später zusammen. Mit elf Tagen, 13 Stunden und 19 Minuten ist Ben Miles nun neuer Rekordhalter.

Das Projekt hat „ein Haufen Geld" ge­kostet, sagt er, und zumindest für eine ganze Weile seine Gesundheit ruiniert. Noch eine Woche danach hat Miles das Gefühl in den Fingern und den Zehen verloren. „Ich habe während des Rekords 15.000 bis 18.000 Kalorien täglich verbrannt. Mittlerweile esse ich wie ein Scheunendrescher und nehme trotzdem weiter ab", erzählt er. In drei Monaten, so hofft Ben Miles, ist er wieder der Alte. „Ich weiß nicht, ob es das wert war. Aber immerhin habe ich jetzt das Zertifikat. Eines ist klar: Ich werde mein restliches Leben lang keinen Home­trainer mehr anfassen."

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