06. November 2020
06.11.2020
Mallorca Zeitung

Rafael Nadal: "Ich mag die Konfrontation überhaupt nicht"

Mallorcas Tennisstar über den Ansporn, immer weiterzumachen, den richtigen Moment für das Karriereende und den Anstand auf dem Platz und außerhalb

06.11.2020 | 01:00
Rafael Nadal trainiert täglich mit Trainer Carlos Moyà in Manacor, um auch im hohen Tennisalter weiter erfolgreich zu sein.

Die Schläge von Rafael Nadal klingen an diesem Mittwochmorgen im Oktober wie der Swing von Tiger Woods. Oder, nicht nur wegen seiner Schreie, wie ein Kampfflugzeug, das über den Platz in Manacor hinwegdüst. Nadals Tennisspiel aus der Nähe beo­bachten zu können, gehört zu den eindrucksvollsten Erlebnissen ­dieser Welt. Wie dem Start eines Raumschiffes beizuwohnen. Der 34-Jährige empfängt den ­Reporter der MZ-Schwesterzeitung „El Perió­dico" in seiner Tennisakademie zwei Wochen nach seinem 13. French-Open-Sieg.

LeBron James, Lewis Hamilton, Robert ­Lewandowski, Sie: Die Ü-30-Generation räumt gerade mächtig ab. Es gibt also Leben jenseits der 30?
Die Zeiten haben sich geändert. Früher war man mit 29 Jahren ein alter Mann und musste seine Karriere beenden. In den vergangenen zehn Jahren aber konnte eine ganze Reihe von Sportlern ihre Karriere erfolgreich verlängern. Sie hat damit den anderen die Augen geöffnet. Heute wissen alle, dass man noch jenseits der 30 erfolgreich und wettbewerbsfähig sein kann. Es gibt mehr Mittel und Wege, um Verletzungen vorzubeugen und zu behandeln. Daneben spielt das persönliche Empfinden eine wichtige Rolle. Ob dir gefällt, was du machst. Ob es deine Leidenschaft ist. Ohne diese Liebe zum Sport und zum Beruf – wobei es für mich kein Beruf ist –, ist es unmöglich, deine Karriere zu verlängern, zumal wenn sie bis dahin erfolgreich verlaufen ist.

Daraus lässt sich ableiten, dass das Ende Ihrer Karriere noch lange nicht bevorsteht.
Ich vermag nicht zu erraten, wann ich aufhöre, nein, ich vermag das nicht. Wer weiß, vielleicht in einem Jahr. Man kann die Zukunft nicht planen. Ich weiß nicht, was das Leben für mich bereithält. Vielleicht passiert etwas, was mir die Leidenschaft raubt. Hoffentlich nicht! Derzeit halte ich es für unwahrscheinlich, aber die Dinge ändern sich schnell. Ich habe keine Angst vor diesem Tag, und deswegen beschäftige ich mich auch nicht damit. Wenn der richtige Moment kommt, werde ich es spüren. Dann wird mir die Lust fehlen, jeden Morgen zu trainieren und mich ständig verbessern zu wollen. Das ist unabdingbar, um mit den anderen Spielern mithalten zu können. Wenn es so weit ist, werde ich aufhören. Dann widme ich mich Dingen, die genauso wichtig oder noch wichtiger als Tennis sind.

Es ist also eher eine mentale als eine körperliche Frage?
Nun gut, der Körper ist sehr wichtig bei der Frage, ob man spielen und mithalten kann. Solange ich von Verletzungen verschont bleibe, sehe ich aber derzeit keinen Grund zum Aufhören. Das kann sich ändern, wenn jeder Tag und jedes Training zur Qual wird. Dann muss man darüber nachdenken.

Wäre es ein Grund aufzuhören, wenn Sie nicht mehr gewinnen würden?
Das Siegen ist ein wichtiger Aspekt des Sports, ein Teil seiner Essenz. Ich würde jetzt aber nicht von einem Zwang zum Sieg reden, sondern von Wettbewerbsfähigkeit. Wenn man das Gefühl hat, siegen zu können, genießt man den Versuch. Siegen und verlieren, das gehört dazu. Ein Sieg bringt dir positive Energie, die dir hilft, weiterzumachen. Das ist unbestreitbar. Ja, es gibt vielleicht auch Spieler, die aufgeben, wenn sie nicht mehr gewinnen.

Fällt es Ihnen schwer, sich jeden Tag im Training zu quälen, so wie Sie es tun?
Wenn ich körperlich gut drauf bin, dann nicht. Ich genieße das Training heute mehr als noch vor zehn Jahren. Damals war jede Einheit wie eine Prüfung. Ich habe stets Höchstleistungen von mir gefordert. Wenn ich schlecht trainiert hatte, ärgerte ich mich. Nach einem schlechten Spiel war ich besorgt. Heute gehe ich die Dinge gelassener an. Natürlich will ich immer noch gut trainieren und spielen. Ich habe aber gelernt, dass ich nicht immer in Topform sein kann. Ich habe gelernt, mit schlechten Tennistagen leben zu können. Ich mache kein Drama mehr daraus, wenn ein Training mies lief. Jetzt weiß ich, wann es darauf ankommt, voll da zu sein und keine Fehler zu machen. Dann müssen Einstellung, Energie und Intensität bei 100 Prozent sein. Dafür ruhe ich mich mehr als früher aus und trainiere gezielter.

Könnte da auch Ihr familiäres Umfeld in Ihrem geliebten Manacor eine Rolle spielen?
Ein normales, gewöhnliches, stabiles Leben hilft bei der emotionalen Stabilität auf dem Platz. Man kann den Sport nicht vom Leben trennen. Wenn ich ans andere Ende der Welt gezogen wäre, weit weg von meinen Freunden, Liebsten und Verwandten, hätte ich gelitten und diese emotionale Unausgeglichenheit mit auf den Platz geschleppt. Dass ich mich von Klein an nie von meinem Umfeld getrennt habe, hat mir zu einer längeren Karriere verholfen. So habe ich das Gleiche wie meine Freunde gemacht: Strand, Partys, Sport, wenn auch natürlich weniger häufig. Dieses normale Leben hat mir dabei geholfen, bei Siegen bodenständig zu bleiben und nach Niederlagen nicht in einem Loch zu versinken.

Wie wünschen Sie sich, dass die Leute Sie in Erinnerung behalten?
Für mich ist das Persönliche weitaus wichtiger als das Berufliche. Mir ist lieber, dass mich die Leute als netten Kerl denn als Champion in ­Erinnerung behalten. Siege und Titel sind Glücksmomente, die wieder vergehen, ebenso wie das Interesse an dir. Es rührt von dem her, was ich tue, nicht von dem, was ich bin. Worauf es ankommt, ist, dass die Menschen, die dich kennen, eine gute Meinung von dir haben. Das Bild, das der Welt vermittelt wird, kann auch Schein sein.

Ihnen ist wichtig, mit allen gut zurechtzukommen, nicht wahr?
Das stimmt, das kann ich nicht bestreiten. Ich versuche, mit allen Menschen gut klarzukommen. Ich mag nicht diskutieren oder streiten. Ich mag die Konfrontation überhaupt nicht. Ich streite mich nie mit meiner Frau. Ich mag den Meinungsaustausch, aber ich halte nichts davon, Probleme offen, frontal anzusprechen. Höchstens wenn es ein großes Problem ist. Um kleine Problemchen mache ich lieber einen Umweg und vermeide so schlechte Stimmung. Nach ein paar Tagen Ruhe regeln sich die Dinge von allein.

Gemeinsam mit dem Roten Kreuz und ­Ihrem Freund Pau Gasol haben Sie 14 Millionen Euro gesammelt, um gegen die Corona-Krise anzukämpfen.
Es geht um persönliche Verantwortung. Was wir finanziell beitragen können, hat einen ­gewissen Wert, aber worauf es wirklich ankommt, ist, Solidarität zu generieren, den anderen die Augen zu öffnen, damit jeder seinen Teil beiträgt: nicht viel, nicht wenig, genau das, was ein jeder zu geben vermag. In schwierigen Momenten müssen Personen der Öffentlichkeit, die Glück im Leben hatten, ein Vorbild sein und ein wenig den Weg weisen.

Das machen Sie seit zehn Jahren auch mit ­Ihrer Stiftung.
Die ist essenziell für mich. Das Ziel ist: Kindern Chancen zu ermöglichen, die sie womöglich nicht haben würden, weil ihr Leben vorherbestimmt ist, von dem Ort, an dem sie geboren sind oder den ärmlichen Verhältnissen der ­Eltern. Der Sport kann da helfen. Er vermittelt Werte wie Aufopferungsbereitschaft, Soli­darität, Kameradschaft, Respekt, Gehorsam, ja auch Gehorsam gegenüber den Lehrern und Trainern. Solange ich kann, werde ich weiter in diese Richtung arbeiten. Das ist ein inniges Bedürfnis. Wenn ich es nicht machen würde, wäre es ungerecht. Die Stiftung ist zudem ein Teil meiner Zukunft, meines Lebens nach dem Tennis.

Der mehrfache Weltmeister und Motorradfahrer Toni Bou hat mir gesagt, dass er vor dem Rennen immer zu zweifeln begann, wenn die ganze Welt ihn als Favoriten sah. Geht es Ihnen ähnlich?
Die anderen sehen mich vielleicht so, ich erkläre mich selbst aber nie zum Favoriten. Mir ist klar, dass ich gewinnen oder verlieren kann. Das ist keine Pose, das ist die Realität. Ich habe nie den medialen Druck wahrgenommen, der mich zum Siegen verdammt hat. Es ist eher der persönliche Druck, der mich beeinträchtigt.

Wie gehen Sie mit Rückschlägen um, wenn Sie Punkt, Satz oder Spiel verlieren?
Es ist eine Frage der Gewohnheit. Die besten Spieler sind, was den Tennis betrifft, mental sehr stark, sie haben diese Fähigkeit. Es gibt Spieler, die in solchen Situationen den Kopf hängen lassen. Ich hatte von klein auf ein Umfeld, das mir das verboten hat. Mein Onkel Toni war da sehr fordernd. Dadurch fällt es mir heute leicht, immer weiter zu kämpfen.

Auch dann, wenn Sie den Weltranglisten­ersten im ersten Satz mit 6:0 abschießen?
Gerade dann. Der Tennissport ist manchmal sehr trügerisch. In dem French-Open-Finale dachten nach dem 6:0 viele, dass ich Novak Djokovic vom Platz fegen werde. Dem war aber nicht so. Das Ergebnis war irreführend. Die Spielstärke von uns beiden entsprach keinem 6:0. Es ist einfach passiert. Daran kann man sich nicht lange aufhängen, es geht weiter. Wenn es manchmal umgekehrt ist und ich der bin, der gerade verliert, denke ich genauso. Dann sage ich mir, dass das Spiel gerade neu anfängt. Das Wichtigste ist, sich selbst weiter Chancen zuzugestehen. Man darf niemals aufgeben. Du kannst besser werden, der Gegner kann schwächeln oder sich zu sicher fühlen. Wer den Glauben verliert, kann nicht aufholen.

Alle Mütter wünschten so einen Sohn oder Schwiegersohn. Gefällt Ihnen das?
Es macht mir keine großen Sorgen. Als Prominente müssen wir verantwortungsvoll sein. Viele Leute lassen sich durch dich beeinflussen, sowohl im positiven wie auch im negativen Sinn. Wir müssen aufpassen, was wir sagen und wie wir uns benehmen. Ich versuche immer natürlich zu sein. Man darf kein Marketing-Produkt sein – wenn man es ist, wird das Trugbild irgendwann zerstört. Das würde auf dem Platz auffallen, wenn ich mich gekünstelt benehmen würde. Ich muss nicht der ganzen Welt gefallen. Das ist unmöglich. Ich will aber gegenüber allen Menschen korrekt und erzogen auftreten. Und dankbar für die guten Dinge sein, die mir das Leben gebracht hat.

Wie sehr hat Sie die Ehe verändert?
Überhaupt nicht. Xisca und ich sind seit 16 Jahren zusammen. Die Hochzeitstag war sehr schön – dabei stehe ich gar nicht so sehr auf solche Sachen.

Ihr Kumpel Pau Gasol ist gerade Vater geworden. Spornt Sie das an?
Weder spornt mich das an, noch schreckt es mich ab. Wir sind uns einig über unseren Weg. Wenn ein Kind kommt, dann kommt es halt. Ob es mir gefallen würde, einen Tennisspieler zum Sohn zu haben? Ich glaube, das hängt weniger vom Papa ab. Wenn ich einmal Kinder haben sollte, wünschte ich mir, dass sie mit den Werten aufwachsen, die der Sport vermittelt, wobei das nicht heißen muss, dass sie zu Tennis­spielern werden, was ja nicht ganz einfach ist. Aber ich hab doch auch keine Ahnung. /rp

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