26. Januar 2021
26.01.2021
Mallorca Zeitung

515 Kilometer überstehen und so Mallorca aus der Krise helfen

Eigentlich ist Bernat Xamena Berufsmusiker. Wegen einer neurologischen Erkrankung wurde er Extremsportler und hat nun ein waghalsiges Projekt

26.01.2021 | 01:00
Trainiert derzeit 25 Stunden wöchentlich: der 44-jährige Bernat Xamena auf dem Rad.

Mit 44 Jahren hat Bernat Xamena schon so viel durchgemacht, dass man gar nicht weiß, wo man anfangen soll, seine Geschichte zu erzählen. Der Mallorquiner war auf dem Weg, einer der weltbesten Trompeter zu werden. Eine neurologische Erkrankung verhinderte das. Im Tal der Tränen angekommen und stark übergewichtig, startete Xamena mit dem Ausdauersport – und hörte einfach nicht mehr auf. Nun will der Extremsportler aus Porreres einen Ultra-Triathlon über 515 Kilometer am Stück durchstehen, um Geld und Lebensmittel in der Krise zu sammeln. Und obendrein ist sein Werdegang als Goya-nominierter Dokumentarfilm auf Streamingportalen zu sehen.

Auf dem Sprung zum Star

Schon früh war Xamena klar, dass er Profimusiker werden wollte. Als Jugendlicher wurde er in Palmas Banda Municipal aufgenommen, dem professionellen Stadtkapellen-Ensemble. Mit 18 spielte er bei den Sinfonikern. „Mein Lehrer Luis González meinte, dass ich in den USA studieren muss, um es als Musiker zu etwas zu bringen. Er organisierte mir einen Platz an der angesehenen Musikschule von Rochester im Bundesstaat New York." Mit 20 dachte der Mallorquiner, er hätte es geschafft. „Es war unglaublich. Das Studium gab mir alles, was ich gesucht hatte. Ich konnte mit einer Leichtigkeit alle Töne spielen, die ich wollte, und mich vollends ausleben. Ich dachte, ich muss nur noch darauf warten, ehe ich es in ein weltbekanntes Orchester wie das von New York schaffe." Täglich musste sich der Musiker beweisen. „In den Klassen durften nur die drei Besten spielen. Der Rest war stummer Zuschauer. Ich musste nie zuschauen."

Der Musiker-Krebs

Doch schon nach dem ersten Jahr kam der Absturz. „Eines Tages konnte ich keinen durchgehenden Ton mehr spielen. Es kamen nur noch wackelnde Klänge heraus", erinnert er sich. Ihm war sofort klar, dass etwas nicht stimmt. Zumal sich die Symptome immer weiter verschlimmerten. Xamena konnte die Trompete nicht zum Mund führen, ohne dass sein Gesicht zuckte und Grimassen schnitt.

Zwei Jahre lang suchte er nach einer Erklärung für das damals noch weitgehend unbekannte Leiden, ehe er in Madrid bei Joaquín Fabra Hilfe fand. Der Musiker, dem zuvor dasselbe widerfahren war, hatte sich zum Therapeuten umschulen lassen. „Seither weiß ich, dass ich an einer neurologischen Störung, einer sogenannten fokalen Dystonie leide. Auch bekannt als ,Krebs der Musiker'", sagt Xamena. Die fokale Dystonie führt dazu, dass kleine Bewegungen nicht mehr ausgeführt werden können. Bei Musikern versteifen sich zuweilen auch die Finger. „Es war seltsam. Wenn ich sozusagen Lufttrompete gespielt habe, war alles normal. Doch sobald ich das Instrument in die Finger bekam, ging nichts mehr." Sein Problem war Kopfsache.

Die Diagnose war eine Erleichterung für Xamena, erlaubte sie doch eine Therapie. Die Musik sei für ihn bis dahin immer natürlich gewesen. Erst in den USA habe er damit begonnen, über einzelne Abläufe nachzudenken. „Ich hatte Angst, dass ich durch schlechte Auftritte das einreiße, was ich mir aufgebaut hatte", sagt Xamena. Der Therapeut brachte ihm bei, sich positive Ziele zu setzen und nicht an die negativen Folgen zu denken.

Xamena konnte immerhin wieder in der Heimat bei der Banda Municipal als Berufsmusiker spielen. Bis 2014 lief es wieder für den inzwischen zum Vater gewordenen Mallorquiner. Doch dann kam der Rückfall. „Es war schlimmer als zuvor. Ich wollte alles hinwerfen", erinnert er sich. Seine Kollegen überzeugten ihn weiterzumachen, zumindest am Klavier. Und durch den Sport fand er endlich eine Lösung.

Vom Klops zum Extremsportler

Xamena hatte schon mit 15 Jahren 100 Kilogramm auf die Waage gebracht. „Ich war nie der athletische Typ und habe immer gegen das Übergewicht angekämpft, aber der Jo-Jo-Effekt machte mir zu schaffen", sagt er. Erst in der Krise entdeckte Xamena seine wirkliche Leidenschaft für die körperliche Aktivität. „Ich suchte 2014 etwas, um mich auszupumpen, damit ich nachts ruhig schlafen kann, ohne mich dauernd umherzuwälzen und an meine Probleme zu denken." Er engagierte einen Fitnesstrainer und steigerte regelmäßig das Pensum. In Hamburg lief er noch im selben Jahr einen Marathon. Und er fing mit Radfahren und Schwimmen an. 2015 absolvierte er seinen ersten Ironman.

Doch der Mallorquiner wollte mehr. Da die Insel zahlreiche Triathleten anzieht, knüpfte er schnell Kontakte und trainierte fast professionell. Auch vom deutschen Triathlon-Guru Joseph Spindler gab es Tipps. „Im Prinzip sind Profimusiker wie Leistungssportler. Man übt die ganze Zeit für den einen Auftritt." 2018 gewann er den Extrem-Triathlon Ultra Mallorca Man. Beim Ironman in Wales qualifizierte er sich in seiner Altersklasse für die Weltmeisterschaft auf Hawaii im Folgejahr. „Das war der beste Tag meines Lebens", sagt er über das Rennen auf der Pazifikinsel. „Ich lag am Tag davor mit einer Angina noch flach und hab Antibiotika verschrieben bekommen. Dennoch habe ich es bis ins Ziel geschafft."

Solange der Magen mitmacht

Heute muss sich der Mallorquiner seine Zeit einteilen. Er hat wieder Spaß an der Arbeit als Musiker, spielt auch wieder Trompete. „Daheim übe ich aber nicht mehr als zwei Stunden täglich, um keinen Rückfall zu provozieren." Hinzu kommen 25 Stunden wöchentliches Triathlon-Training. Auch das will er für den Ultra-Triathlon nicht steigern.

Das Geheimnis für eine solche Herausforderung sei vielmehr die Ernährung, sagt er. Man müsse wissen, wie viele und welche Nährstoffe der eigene Körper braucht. Am 20. März geht es um sieben Uhr in Portocolom los. Xamena will zehn Kilometer schwimmen. „Ich habe Angst vor zwei Dingen: den drei Stunden bei 13 Grad im Meer und, ob mein Magen das Rennen übersteht", sagt er. Wieder an Land geht es aufs Rad. Geplant sind 420 Kilometer: 312 Kilometer rund um die Insel und dann noch mal ins Landesinnere. Für diesen Abschnitt kalkuliert er zehn Stunden. Zum Abschluss folgt ein doppelter Marathon. Alles ohne Pausen wohlgemerkt. Um 13 Uhr des Folgetages will er ankommen. Mit der Aktion sollen Spenden und Lebensmittel für die Hilfsorganisation „Mallorca sense fam" gesammelt werden. „Das geht entweder über die Website elitechip.net oder in einer der Hipercentro-Filialen auf der Insel. Während des Laufes begleitet mich dann ein Lieferwagen, der die Spenden einsammelt."

Vielleicht wird das Projekt auch der krönende Abschluss für das Buch, das der Mallorquiner dieses Jahr herausgeben will. „Es soll ein Motivationsratgeber sein, der sich an meiner Biografie orientiert." Filmreif ist seine Geschichte allemal. Das dachte sich auch der Regisseur Joan Martí Mir. Seine Doku „Bocca chiusa" über den Mallorquiner erschien 2020 und ist gleich neun Mal für den diesjährigen Goya-Filmpreis nominiert. Zu sehen ist die Doku auf den spanischen Streamingportalen Amazon Prime und Filmin.

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