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Mallorca Zeitung

Spaniens Tennis-Star Carlos Alcaraz im großen Interview nach Sturm an Weltranglistenspitze

Der 19-Jährige ist US-Open-Sieger und neue Nummer eins. Als Verfolger von Rafael Nadal sieht er sich aber nicht

Carlos Alcaraz nach seinem Sieg bei den US.Open in Flushing Meadows. Javier Rojas/dpa

Das Finale der US Open am Sonntag (11.9.) war ein Duell zweier Nadal-Schüler. Casper Ruud absolvierte die Tennisakademie in Manacor, Carlos Alcaraz war dort Stammgast bei Jugendturnieren. Der Spanier setzte sich in 3:1-Sätzen durch und ist mit 19 Jahren der jüngste Weltranglistenerste aller Zeiten. Der Murcianer empfing die Presse im 36. Stock eines Hochhauses in Manhattan. Das Interview erschien zuerst in der MZ-Schwesterzeitung „El Periódico“. Mittlerweile ist Alcaraz schon zurück in Spanien und bereitet sich auf den Davis Cup vor.

Auf dem Platz spielen Sie furchtlos. Haben Sie überhaupt vor irgendetwas Angst?

Ich bin ein normaler Junge und habe viele Ängste. Die Dunkelheit fällt mir zuerst ein. Ich bin auch kein Fan von Horrorfilmen und kann Spinnen nicht ab. Als Tennisprofi habe ich Angst, die Leute zu enttäuschen. Einfach nicht auf dem Niveau zu sein, auf dem mich mein Umfeld sieht. Als Weltranglistenerster und US-Open-Sieger steigen die Erwartungen.

Kurz nach Ihrem Triumph haben Sie gesagt, dass Sie für den Erfolg viele schwierige Entscheidungen treffen mussten. Was haben Sie auf Ihrem Weg alles geopfert?

Ich bin noch jung und viele Entscheidungen werden mir von anderen Leuten abgenommen. Das sind knifflige Dinge wie Sponsorenverträge, welchen Trainer auswählen und Angelegenheiten rund um die Trainingseinheiten. Das sind auf den ersten Blick Kleinigkeiten, in Wirklichkeit aber wichtige Sachen.

Sie haben einen Grand-Slam-Titel und sind die Nummer eins. Was ist Ihr nächster Traum?

Ich würde gerne mal gegen Roger Federer spielen. Ich denke, dass die Chancen nun ganz gut stehen, dass wir mal aufeinandertreffen. Ich würde in einem Grand-Slam-Match auch gerne einmal einen der großen drei – Nadal, Federer, Djokovic – schlagen. Um der beste Tennisspieler auf der Welt zu sein, muss man gegen die stärksten Profis gewinnen.

Sie sind die jüngste Nummer eins aller Zeiten. Haben Sie ein besonderes Talent oder ist das alles harte Arbeit?

Mir wurde im Leben nichts geschenkt. Es ist nicht so, dass man mit einem Fingerschnips plötzlich alles hat. Man muss sich die Dinge erarbeiten. Und das habe ich geschafft. Es war nicht alles rosig. Ich musste für den Erfolg leiden. Ich bin jedenfalls kein Auserwählter.

Zu Ihrem Trainerstab gehört eine Psychologin. Inwiefern hilft die Ihnen?

Ich arbeite seit Anfang 2020 mit Isabel Balaguer zusammen. Ich glaube, sie ist einer der wichtigsten Gründe, dass ich es an die Spitze geschafft habe. Als Profi muss man mit dem Druck umgehen können, dass alle Augen auf einen gerichtet sind. Wir sprechen viel darüber, und sie gibt mir Tipps und Tricks, wie ich mich in solchen Situationen verhalten kann.

Tennisspieler haben oft Macken und wiederholen oft die gleichen Abläufe. Wie sieht das bei Ihnen aus?

Vor dem Spiel habe ich keinen strikten Plan. Natürlich mache ich bei der Erwärmung immer dieselben Übungen. Ich versuche auch, mich immer an denselben Platz zu setzen. Wenn ich Musik hören will, dann tue ich das. Das hängt von der jeweiligen Stimmung ab. Auf dem Platz habe ich dann schon kleine Macken: der Gang zum Handtuch, beim Aufschlag vier Bälle zu nehmen und im Anschluss fünf Mal zu dribbeln, beim Trinken zuerst aus einer Flasche zu trinken, danach aus der anderen ... Und beim Snack kommt immer der Energieriegel vor der Banane.

Nach dem Sieg haben Sie betont, dass Sie stolz darauf sind, Murcianer und Spanier zu sein.. Interessiert Sie die Politik?

Wenn ich ehrlich bin, ist das ein Thema, dem ich kaum Aufmerksamkeit schenke. Ich sehe immer mal wieder eine Schlagzeile, mache mir aber keine großen Gedanken darüber. Wenn eine Wahl ansteht, muss ich schauen, ob ich wählen gehe. Aber ich bin ganz klar stolz darauf, aus Murcia zu kommen und Spanier zu sein.

Wie sieht denn Ihr Alltag abseits des Tennissports aus?

Bei gutem Wetter gehe ich gerne mit meinen Freunden an den Strand. Im Winter faulenze ich lieber. Ich bin ein einfacher Junge. Ich genieße es, mit ein paar Freunden auf einer Bank oder im Auto zu sitzen und zu quatschen. Das macht mich glücklich.

Nadal und Djokovic duellieren sich um die Anzahl an Grand-Slam-Trophäen. Mit Ihrem ersten Sieg haben Sie nun die Jagd begonnen. Wünschen Sie sich, dass Nadal bei 22 Titeln stehen bleibt?

Nein, auf keinen Fall! Ich bin stolz auf jeden Sieg von ihm. Sollte ich unglücklicherweise mal aus einem Turnier fliegen, werde ich immer Rafa anfeuern. Ich unterstütze meine Landsleute. Und wenn wir ehrlich sind: Ob ich nun einen oder keinen Titel habe, bringt mich nicht wirklich näher an Rafa heran. Ich konzentriere mich nun erst mal auf den zweiten Grand-Slam-Sieg. Damit hätte ich schon mehr geschafft als viele andere Spieler.

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