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Mallorcas Skateboard-Weltmeister will nicht für einen Selbstmörder gehalten werden

Der 23-Jährige trainiert in Sa Calobra oder am Sóller-Pass und hofft, bald von seiner Sportart leben zu können

Beim letzten WM-Rennen in der Türkei konnte Diego Poncelet (li.) den Titel holen. | FOTO: WDSC

Es gehört schon einiges an Mumm dazu, sich auf einem Skateboard mit bis zu 143 Sachen eine steile Straße herunterzustürzen. „Die meisten Leute halten uns für Selbstmörder“, sagt Diego Poncelet, der seit drei Wochen Weltmeister in der Disziplin Downhill ist. „Dabei verstehen sie unseren Sport nicht. Wir haben die Risiken unter Kontrolle.“ Für die waghalsig und spektakulär aussehenden Fahrten trainiert der 23-Jährige wie ein Leistungssportler. Die Trendsportart könnte 2028 sogar bei den Olympischen Spielen in Los Angeles debütieren. Am Samstag (12.11.) vertritt der Skater Spanien und Mallorca bei den World Skate Games in Argentinien.

Poncelet ist der Sohn eines belgischen Mallorca-Residenten und einer Mallorquinerin, die nach Mexiko ausgewandert sind. „Als ich vier Jahre alt war, zogen wir in den französischsprachigen Teil der Schweiz“, sagt der Skateboarder. Dort fing er wie viele Kinder auf dem Brett an, Tricks zu machen. „Ich hatte aber schon immer ein Faible für Geschwindigkeit. Die Sprünge mit dem Skateboard gaben mir nicht den Adrenalinkick.“ Als er 14 Jahre alt war, sah er vor seiner Haustür einen Downhill-Skater. „Ich wohnte neben einem Hügel, die Straße führte direkt zu einem Kreisverkehr. Ich konnte mir nicht vorstellen, dass er die Aktion überlebt.“ Am nächsten Tag durchforstete der Jugendliche die Zeitung auf der Suche nach einem Verkehrstoten. „Den gab es aber nicht, und mein Interesse für die Sportart war geweckt.“

Ein Beinbruch als Beginn des Ehrgeizes

Er kaufte sich ein Longboard und probierte sich in Parks aus. „Anfangs war das alles nur Spaß. Ich hatte keine Intention, an Wettkämpfen teilzunehmen.“ Für die Eltern war das neue Hobby ein Albtraum. Drei Jahre und ein Umzug nach Mallorca später bewahrheiteten sich die Befürchtungen, als sich der Sohn das Bein brach. Diego Poncelet sieht den Unfall jedoch als schicksalhaften Moment. „Ich wollte nicht, dass dieser Schock negativ in Erinnerung bleibt und beschloss, daraus positive Schlüsse ziehen. Ich nahm mir vor, alles daran zu setzen, eines Tages Weltmeister zu werden“, sagt Poncelet.

Kaum war er gesund, meldete sich Poncelet 2017 zu seinem ersten Wettkampf an. Nach anfangs mäßigem Erfolg feierte er 2019 die ersten Siege bei zwei nationalen Rennen in Spanien. „Zu der Zeit waren die US-Amerikaner und Brasilianer die besten Skater. Dann grätschte Corona dazwischen.“ Die Europäer nutzten die Zwangspause, um kräftig zu trainieren. „Das hat den Ausschlag gegeben. In diesem Jahr gab es erstmals nach der Pandemie wieder Wettkämpfe, bis dahin wusste niemand, wo er steht.“ Die Europäer und allen voran Diego Poncelet triumphierten. „Ich hatte mir vorgenommen, die EM und ein Rennen in Rumänien, das als das schwierigste der Welt gilt, zu gewinnen. Das habe ich geschafft.“

So läuft eine WM ab

Und nicht nur das. Bei der anschließenden dreiteiligen WM holte der 23-Jährige in der Türkei den Titel. Dabei setzte er sich gegen 250 Konkurrenten durch. Der Mallorca-Resident fährt im Stand. Es gibt eine andere Kategorie, bei der im Liegen gefahren wird. Eine Qualifikation war für die Weltmeisterschaft nicht nötig. „Über ein Zeitfahren wurden die schnellsten 64 Fahrer ausgewählt.“ Danach ging es in Ausscheidungsrennen weiter, an denen jeweils vier Skater den Berg hinabdüsen. Bis ganz am Schluss der Sieger das Ziel als Erster überquert.

Wie bei einem Bob-Rennen müssen die Fahrer zum Start erst einmal Schwung holen. Das geschieht durch schnelle Tritte mit dem Fuß. Danach geht es möglichst windschnittig bergab. Die Abfahrtshaltung ähnelt ein wenig der Kurvenlage im Eislaufen. Die Arme sind hinter dem Rücken verschränkt. Die Füße stehen in Fahrtrichtung. Die Skater sind mit Helm und Schutzanzug ausgerüstet.

Der Geschwindigkeitsrekord liegt bei 143 km/h. „Ich bin überzeugt davon, dass ich ihn auf der richtigen Straße knacken könnte. Das ist aber das Problem. Dafür ist ein guter Asphalt und eine steile Strecke mit wenigen Kurven nötig“, sagt Poncelet. Falsch sei die Annahme, dass die Skateboards keine Bremsen haben. „Wir nutzen zwei Techniken. Einerseits könnte ich mit der Fußsohle auf der Straße bremsen. Ich bevorzuge aber die Hände.“ Dabei gehen die Skater in die Hocke und bremsen mit ihren durch Protektoren geschützte Hände. Auf dem Brett ist ein kleiner Bügel installiert, damit der vordere Fuß beim Bremsen und in der Kurve nicht herunterrutscht.

Training nur mit Partner

Die größte Gefahr sind Leitplanken. Wenn man beim Sturz dagegen prallt, sieht es schlecht aus. Wenn es am Straßenrand Leitplanken gibt, fahre ich etwas vorsichtiger.“ Bei den Rennen sind die Straßen abgesperrt. „Beim Training fährt ein Partner mit dem Auto vorneweg und gibt per Walkie Talkie durch: Vorsicht Ziege, Auto oder Radfahrer.“ Beliebte Trainingsstrecken auf der Insel sind Sa Calobra, der Sóller-Pass oder der Coll de sa Creu.

Trainer gibt es in der jungen Sportart noch nicht. „Wir sind quasi die erste Generation und erfinden den Sport noch“, sagt der 23-Jährige, der täglich im Fitnessstudio und auf der Straße trainiert. Auch das Gewicht muss er stets im Blick behalten. Vor den Rennen wird zwar nicht gewogen, ein paar Kilo mehr sorgen aber für höheres Tempo. „In den Kurven ist es wiederum ein Nachteil. Je nachdem, ob die Strecke geradlinig oder kurvig ist, faste ich vor dem Rennen oder esse mir bis zu fünf Kilogramm zusätzlich an.“

Vor dieser Saison ist Poncelet ein weiteres Risiko eingegangen. Nach einem dreijährigen „Public Relations“-Studium in London stand er vor der Wahl, „mich in das Arbeitsleben zu stürzen oder alles auf die Karte Profisportler zu setzen.“ Zwar unterstützen ihn Sponsoren, einige Reisen zahlt der Skater aber selbst. Preisgeld gibt es für den WM-Titel nicht. „Die Szene ist aber unglaublich im Kommen. Die Fangemeinde in den sozialen Netzwerken wird immer größer. Streaminganbieter planen Serien. Als Weltmeister habe ich gute Karten, bald lukrative Sponsoren für mich zu gewinnen.“ Wer nicht wagt, der gewinnt im Downhill-Skaten eben nicht.

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