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"Wahrlich anderes Leben": Was der Weltmeistertrainer Lionel Scaloni an Mallorca so schätzt

Der Wahlmallorquiner führte Argentinien zum WM-Titel. Ein Gespräch über den Sieg in Katar, den Alltag danach und seine Beziehung zur Insel

Lionel Scaloni bei seiner Ankunft am Flughafen Mallorca nach dem Titelgewinn in Katar. GUILLEM BOSCH

„Lebbe geht weider“, sagte einst der Kultcoach der Bundesliga Dragoslav Stepanović, nachdem er mit Eintracht Frankfurt 1992 am letzten Spieltag kläglich die Meisterschaft verspielte. Ähnlich – wenngleich erfolgreicher – sieht es Weltmeistertrainer Lionel Scaloni. Der Argentinier mit Wohnsitz auf Mallorca ist nach der WM in Katar auf die Insel zurückgekehrt und hat mit der MZ-Schwesterzeitung „La Opinión A Coruña“ gesprochen. 1998 verließ der heute 44-Jährige seine Heimat und zog nach Galicien. Für Deportivo La Coruña bestritt er bis 2006 262 Spiele.

Sind Sie nach dem WM-Sieg und der tagelangen Feier immer noch im Siegestaumel?

Nun, die Erinnerungen sind noch sehr frisch, und über das Ausmaß des Erreichten werde ich mir erst jetzt im Alltag bewusst. Vor allem hier in Spanien, das nicht mein Geburtsland ist und das nicht die WM gewonnen hat. Du triffst Freunde und Bekannte und bemerkst, wie auch Sie von Argentiniens Sieg mitgerissen wurden.

Fällt es Ihnen denn schwer, auf Mallorca zum Alltag zurückzukehren?

Nein, das Leben muss weitergehen. Alle kehren zu ihrer täglichen Arbeit zurück: meine Freunde, meine Familie und ich. Alles ist wie immer. Ich bin in dieser Hinsicht ein sehr ausgeglichener Mensch. Ich denke nicht jeden Tag an das Erreichte, sondern an das, was nun ansteht. Darauf kommt es an. Man darf sich nicht auf den Lorbeeren ausruhen.

Daran ändert auch ein WM-Titel nichts. Insofern spüre ich auch keine besondere Last auf meinen Schultern.

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Sie sind einer der jüngsten Trainer, die den WM-Titel gewonnen haben. Ist es nicht schwindelerregend, so schnell die Spitze erklommen zu haben?

Auf keinen Fall. Ich nehme das einfach so hin. Meine Art, den Fußball zu verstehen, habe ich bereits an dem Tag festgelegt, an dem ich mich dazu entschied, Trainer zu werden – das müsste im Jahr 2011 gewesen sein, als ich noch ein Spieler war. Daran ändert auch ein WM-Titel nichts. Insofern spüre ich auch keine besondere Last auf meinen Schultern.

Das Finale dürfte eines der besten Endspiele aller Zeiten gewesen sein. Wird Katar als die WM von Messi oder die WM von Scaloni in die Geschichte eingehen?

Nein, dieses Turnier geht als Argentiniens Sieg in die Geschichte ein. Das ist der springende Punkt. Es geht nicht um Einzelpersonen. Es hat ein Land gewonnen, das so fußballbegeistert ist, wie kaum ein anderes. Erneut den Titel geholt zu haben, war ein Sieg aller: Das ganze Land stand hinter seiner Nationalmannschaft.

Als Spieler galten Sie als Kampfschwein, das ein Spiel nie als verloren herschenkt. Finden Sie diese Eigenschaft in Ihren Spielern wieder?

Auf jeden Fall, Fußball lässt sich auf viele Arten spielen. Den Kampfgeist, den ich als Spieler hatte, habe ich als Trainer beibehalten. Mein Team tickt ähnlich. Meine Spieler kämpfen um jeden Ball. Wobei wir uns natürlich in allen Aspekten zu verbessern versuchen und mir als Trainer auch wichtig ist, meinen Spielern Verantwortung zu vermitteln. Es war, ist und wird mir immer ein Vergnügen sein, diese Mannschaft zu trainieren.

Meine Frau und meine Kinder sind von hier, und ich habe mich für die Insel entschieden. Das Leben ist hier wahrlich etwas anders. Ich bleibe im Alltag praktisch unerkannt, die Leute sind sehr unaufgeregt.

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Sie haben als Spieler in Spanien in A Coruña, Santander und Palma gespielt. Welchen Stellenwert nehmen diese drei Orte in Ihrem Herzen ein?

Es sind nicht nur diese drei Städte, die mir wichtig sind, sondern ganz Spanien. Meine Familie ist unendlich dankbar dafür, hier aufgenommen worden zu sein. Klar habe ich in A Coruña in meiner aktiven Karriere die besten Jahre erlebt. Dort kam ich an, dort wurde ich zum Mann. Auch in Santander habe ich mich wohlgefühlt. Die Stadt unterscheidet sich kaum von A Coruña. Das Klima ist vergleichbar, die Leute sind herzlich und respektvoll. Und auf Mallorca lebt es sich gut. Meine Frau und meine Kinder sind von hier, und ich habe mich für die Insel entschieden. Das Leben ist hier wahrlich etwas anders. Ich bleibe im Alltag praktisch unerkannt, die Leute sind sehr unaufgeregt. Auch für Real Mallorca habe ich anderthalb Jahre gespielt. Das waren gute Zeiten. Natürlich hängt ein Teil meines Herzens auch an dem Club.

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