Toni Nadal im MZ-Interview: "Wenn Rafa aufhört, werde ich viel weniger Spiele schauen"

Toni Nadal über seinen Neffen Rafa, der nach dem French-Open-Aus an seinem angekündigten Karriereende zweifelt, und über die Mallorca Championships

Toni Nadal trainierte seinen Neffen bis an die Weltspitze, seit 2018 ist er „nur“ noch Onkel und Edelfan.  | FOTO: NELE BENDGENS

Toni Nadal trainierte seinen Neffen bis an die Weltspitze, seit 2018 ist er „nur“ noch Onkel und Edelfan. | FOTO: NELE BENDGENS

Ralf Petzold

Ralf Petzold

Toni Nadal ist ein meinungsstarker Mensch, wenngleich er ungern zu seiner Meinung befragt wird. Die MZ sprach mit dem legendären Tennistrainer und Direktor der Mallorca Championships am Rande der Vorstellung der Spielerliste beim Rasenturnier in Santa Ponça. Dabei ging es nicht nur um das ATP-Event vom 22. bis 29. Juni, sondern natürlich auch um seinen Neffen Rafael Nadal, der am Montag (27.5.) in der ersten Runde der French Open an Alexander Zverev scheiterte.

Sind Sie zufrieden mit den Spielern, die diesmal nach Santa Ponça kommen?

Ja, es gibt eine ganze Reihe Teilnehmer, auf die ich mich freue. Sie haben nicht nur einen großen Namen, sondern es ist auch eine Freude, ihnen zuzuschauen.

Zum Beispiel?

Gaël Monfils ist ein attraktiver Spieler. Dominic Thiem fiel aus verschiedenen Gründen im Ranking, ist aber ein US-Open-Champion. Fabio Fognini und Ben Shelton sind auch großartige Spieler.

Thiem und Fognini kennt man sicher vom Namen her, sie bewegen sich aber weit hinten im Ranking. Wie schon im vergangenen Jahr fehlt ein Top-10-Spieler …

Und auf welchem Platz steht Rafa gerade? 700? Trotzdem wäre wohl allen Zuschauern lieber, ihn zu sehen statt den Weltranglistenachten. Im Tennis gibt es Spieler, die durch ihren Platz im Ranking bekannt sind, und andere, die einen großen Namen haben. Mir ist ein Ex-Grand-Slam-Sieger lieber als ein Top-10-Spieler, von dem ich nie gehört habe.

Dominic Thiem, der seine Karriere nach der Saison beendet, Gaël Monfils und Fabio Fognini sind sicher die namhaf-testen Profis bei den Mallorca Champion-ships. Der 21-jährige Ben Shelton ist mit Platz 15 ranghöchster Profi. Mit Dominik Koepfer (Platz 65) ist auch ein deutscher Spieler dabei. Die Mallorquiner dürfen sich auf Jaume Munar aus Santanyì freuen. Tickets gibt es ab 15 Euro unter mallorca-championships.com.

Sprich, Sie hätten einen verpflichten können, wollten es aber nicht?

Bei den Top-10-Spielern muss man immer bis auf den letzten Drücker warten. Die schauen darauf, wie es gerade bei ihnen läuft. Ein Djokovic tauchte plötzlich in Genf auf. Damit hatte keiner gerechnet, er hat es aber als gute Vorbereitung für die French Open gesehen.

Welchen Spieler würden Sie holen?

Sie haben einen Wunsch frei und könnten einen Spieler holen. Wer wäre das?

Carlos Alcaraz.

Nicht Rafa?

Das wäre, nun da seine Karriere aufs Ende zugeht, die Ideallösung. Ich glaube aber kaum, dass er kommen würde. Allerdings habe ich nicht mit ihm darüber gesprochen.

Rafa Nadal beim Training in seiner Akademie.  | FOTO: CABOT

Rafa Nadal beim Training in seiner Akademie. | FOTO: CABOT / Ralf Petzold

Sie waren bei seiner Niederlage in Paris dabei. Wie haben Sie ihn gesehen?

Mein Neffe ist nach einem Jahr ohne Tennis noch etwas eingerostet und braucht Spiele, um in Form zu kommen. Hätte er die gleiche Leistung bei den Vorbereitungsturnieren wie gegen Zverev gezeigt, wäre er in Paris einen Schritt weiter gewesen und hätte womöglich um den Titel gespielt. So war er einfach nicht so weit und hat darunter gelitten.

Sprich, mit weiteren Partien wird er noch einmal Weltklasseniveau erreichen?

Ich glaube schon. Gegen Zverev war er nicht weit entfernt. Er hatte Chancen, den zweiten Satz zu gewinnen. Als er ihn verloren hat, war die Herausforderung zu groß. Eine Aufholjagd hätte ein fünfstündiges Match erfordert. Ich weiß nicht, ob er darauf vorbereitet war.

Keine Ratschläge für Rafa

Fragt er Sie um Rat?

Nein. Dafür hat er seinen Trainerstab. Ich habe nach dem Match mit ihm zu Abend gegessen. Wir haben aber nicht über Tennis gesprochen.

Er scheint unentschlossen, ob er nach Ablauf der Saison seine Karriere beenden soll. Was würden Sie ihm denn raten?

Es ist einfach schwer, adiós zu sagen und eine endgültige Entscheidung zu treffen. Er freut sich auf die Olympischen Spiele. Ich rate ihm einfach, dass er machen soll, was er will. Aber wer bin ich schon, um ihm Ratschläge zu geben? Ich weiß halbwegs, was ich selbst zu tun habe. Da kann ich schlecht für andere entscheiden. Was würden Sie ihm denn raten?

Rafa Nadal im Match gegen Jordan Thompson.

Rafa Nadal bei einem Match im Januar. / Photo: Jono Searle/AAP/dpa

Er hat wohl den rechtzeitigen Absprung verpasst, um sich auf dem Gipfel des Erfolges zu verabschieden.

Wie lange sind Sie bei Ihrem Job dabei? Warum haben Sie nicht längst aufgehört?

Weil ich gewiss noch nicht so viel wie ein Rafael Nadal erreicht habe.

Sehen Sie! Mein Neffe denkt eben auch, dass er noch einen guten Moment erleben kann. Alle Leute geben immer Ratschläge. Kaum jemand schaut auf sich selbst. Ich halte mich für ein cleveres Kerlchen, stecke meine Nase aber nicht in die Angelegenheiten anderer.

Betrübt es Sie, daran zu denken, dass Sie Ihrem Neffen in nicht allzu ferner Zukunft nicht mehr zuschauen können?

Da es sich um ein Familienmitglied handelt, trifft es mich noch härter. Als der Fußballer Johan Cruyff aufhörte, war das für mich ein trauriger Tag. Als Ilie Năstase – der erste Weltranglistenerste nach Einführung des Rankings – seine Karriere beendete, dachte ich: Verdammt, so ein Mist. Auch die Spiele von Roger Federer habe ich genossen und würde ihn gerne noch mal auf dem Platz sehen. Im Endeffekt geht das Leben aber weiter.

Können Sie sich für die junge Generation begeistern?

In meinem Alter nicht mehr. Im Fußball vielleicht schon, im Tennis aber nicht. Mir gefällt mein Neffe. Hört er auf, werde ich viel weniger Spiele schauen. Und mit viel weniger Leidenschaft. Es ist nicht das Gleiche, wenn ich nicht mit Rafa mitfiebern kann.

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