Vorfreude, Nervosität und Ticks: Acht Europäer auf Mallorca und ihr Blick auf die EM

Was erwarten sich Menschen auf der Insel von der Fußball-Europameisterschaft? Wir haben nachgefragt

Die MZ hat acht Residenten befragt.

Die MZ hat acht Residenten befragt. / MZ

Ralf Petzold

Ralf Petzold

Am Freitag (14.6.) beginnt in Deutschland die Fußball-Europameisterschaft. Die Deutschen starten um 21 Uhr gegen Schottland ins Turnier, die Spanier tags darauf um 18 Uhr gegen Kroatien. Die Generalprobe gewannen beide Teams. Während sich Deutschland zu einem 2:1 gegen Griechenland mühte, feierte Spanien in Palma einen 5:1-Kantersieg über Nordirland. 18.300 Zuschauer kamen ins Stadion Son Moix und sahen zwei Jungstars vom FC Barcelona brillieren: Pedri und Lamine Yamal. Das Spiel begann mit einer kalten Dusche für die Spanier, die nach einer Minute in Rückstand lagen. Die komplette Hintermannschaft pennte bei einem Freistoß, Ballard köpfte ein. Spanien schüttelte sich kurz und startete eine furiose Gegenoffensive. Pedri verwandelte aus der Distanz, Morata per Kopf, erneut Pedri und Fabian jeweils nach Flanken. Im zweiten Durchgang traf dann Oyarzabal. Nun blicken die Inselbewohner gebannt auf die Spiele in Deutschland. Die MZ hat sich bei acht Residenten umgehört, wie groß die Vorfreude ist.

Max Hürzeler, Schweiz, Radreiseanbieter

Kann sich durchaus auf seinen Lorbeeren ausruhen: Max Hürzeler in seiner Wohnung an der Playa de Muro.

Liegt gerne auf der Couch: Max Hürzeler. / Foto: Terrassa

Als Murat Yakin vor drei Jahren zum Schweizer Trainer ernannt wurde, war er auf der Insel Golf spielen. Ich habe ihn kurz kennengelernt. Es ist ein netter Typ, vielleicht etwas zu nett. Bei der WM tanzten ihm die Stars auf der Nase rum. Unsere Spieler spielen in den besten Ligen der Welt. Die Deutschen sollten Angst vor uns haben. Wenn wir die weghauen und Gruppensieger werden, ist alles möglich. Unser Anführer ist ganz klar Granit Xhaka vom deutschen Meister Bayer Leverkusen. Ich werde die Spiele bei mir daheim auf der Couch sehen.

Hermine Reisinger, Österreich, Wirtin

Dass Hermine Reisinger noch keinen Nachfolger für ihr Lokal in Peguera gefunden hat, ist ihr auch ganz recht.

Wirtin Hermine Reisinger. / Bendgens

Ich gehöre zu den Frauen, die nur zu den großen Turnieren einschalten und außer beim Tor keine Ahnung von Fußball haben. Für mein Geschäft ist es schlecht, da die Fans nach Abpfiff sofort weg sind. Aber das ist egal, denn es ist EM, und ich freue mich darauf. Wir haben eine verdammt schwere Gruppe mit Frankreich, Niederlande und Polen erwischt. Ich bezweifle, dass wir weit kommen. 90 Minuten lang ein Fußballspiel schauen, halte ich kaum aus. Da werde ich immer zu nervös, wenn keine Tore fallen. 

Matthew Connor, England, Schwimmbadbesitzer

Matthew Connor.

Matthew Connor. / Bendgens

Ganz ehrlich: England hat ein super Team rund um Jude Bellingham von Real Madrid und Harry Kane von Bayern München. Wir haben gute Chancen, den Titel zu holen. Ich hoffe aber, dass wir es nicht ins Finale schaffen. Denn es war die einzige Zeit, in der ich Urlaub mit meinen Kindern nehmen konnte. Wir fliegen nach Sri Lanka. Während des Endspiels sitze ich im Flieger zurück. Sollte es England schaffen, muss ich wohl umbuchen. Unsere Gegner in der Gruppe sind vermeintlich schwach. Wobei Serbien traditionell eine gute Turniermannschaft ist, die da ist, wenn es darauf ankommt. 

Conchita Humanes, Spanien, Wirtin

Conchita Humanes.

Conchita Humanes. / Privat

Ich muss erst einmal die Namen der Spieler unserer Nationalmannschaft pauken. Da sind so viele junge Leute dabei, die aber auch einiges an Qualität mitbringen. Als Dauerkarteninhaberin von Real Mallorca kenne ich den ein oder anderen aus der Liga schon. Die Gruppenspiele werde ich ziemlich sicher zu Hause schauen. Das ist einfach gemütlicher. Wenn es dann um die Wurst geht, werde ich mich mit Freunden verabreden und auswärts schauen. Wenn ich mir das Spanientrikot überziehe, ist es noch einmal eine ganz andere Stimmung. Ich hoffe auf den EM-Sieg, sehe aber Frankreich als großen Favoriten.

Ricardo Coelho, Portugal, Kellner

Ricardo Coelho.

Ricardo Coelho. / Privat

Die große Debatte bei uns ist, ob Cristiano Ronaldo in die Startelf gehört oder nicht. Ich habe seine Karriere in Saudi-Arabien weiterverfolgt, und er hat es immer noch drauf. Mit Roberto Martínez haben wir einen neuen Trainer, der anders als Vorgänger Fernando Santos einen wesentlich offensiveren Fußball spielen lässt. Das kommt Cristiano zugute. Wir sind vielleicht nicht der Top-Favorit auf den EM-Sieg, mit dem Erreichen des Halbfinales rechne ich aber ziemlich sicher. Wobei in der wohl leichtesten Gruppe auch erst einmal die Türkei, Tschechien und Georgien geschlagen werden müssen. 

Emma Lou von Werder, Deutschland, Fussicamp-Trainerin

Emma Lou von Werder.

Emma Lou von Werder. / Privat

In meinem Bekanntenkreis in Deutschland sind alle ganz heiß auf das Turnier und versuchen, über eine Werbeaktion noch an Tickets zu kommen. Ich kann leider nicht freinehmen, veranstalte dafür mit dem Fussicamp eine EM für die Kinder. Ich würde meinem Lieblingsspieler Toni Kroos den Titel zum Karriereende wünschen. Fraglich ist, was nun mit Manuel Neuer passieren soll. Einerseits hat der Torhüter mehrfach gepatzt, andererseits ist er einfach eine Legende. Ich würde vielleicht aber Marc-André ter Stegen mal eine Chance geben.

Gaetano Guerra, Italien, Wachmann

Gaetano Guerra.

Gaetano Guerra. / Privat

Wie die Spanier stecken auch wir im Umbruch. Mit unserem neuen Trainer Luciano Spalletti, von dem ich nicht viel halte, setzen wir auf junge Spieler. Das ist gegen die italienische Tradition, mit alten Haudegen anzutreten. Es ist wie eine Wette. Das Projekt mit den Talenten kann völlig nach hinten losgehen. Schließlich brauchen die noch ein paar Jahre, um Erfahrung zu sammeln. Daher glaube ich nicht, dass wir den Titel verteidigen. Ich schaue die Spiele in der Pizzeria mit ein paar Freunden und kann hoffentlich gegen meine spanischen Kumpels sticheln.

Julia Fischer-Bernard, Belgien, Übersetzerin

Julia Fischer-Bernard hat in ihrer Galerie ein kleines Café eingerichtet.  | FOTO: NELE BENDGENS

Julia Fischer-Bernard. / MARTINA ZENDERMARTINA ZENDER

Ich habe beim Fußballgucken einen Trick: Ich halte immer für den Gewinner. Dadurch bin ich die ganze Zeit gut gelaunt. Es kommt dann halt auch mal vor, dass während meines Spiels meine Sympathien wechseln. Mein Mann ist ganz klassisch ein Belgien-Fan. Wenn sie verlieren und ich mich für den Gegner freue, muss ich ihn aufmuntern und zum Essen oder zu einem Spaziergang einladen. Ich finde es aber immer übertrieben, wenn Fußballfans wegen einer Niederlage eine existenzielle Krise durchleben. Es ist doch nur ein Spiel! 

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