So knacken wir heute die Spanier im EM-Viertelfinale - Martina Voss-Tecklenburg im MZ-Interview

Die 56-Jährige erwartet ein enges Spiel. Mehr noch als Supertalent Lamine Yamal begeistert sie ein anderer Spieler

Martina Voss-Tecklenburg war bis November Trainerin der deutschen Nationalmannschaft der Frauen.

Martina Voss-Tecklenburg war bis November Trainerin der deutschen Nationalmannschaft der Frauen. / dpa

Ralf Petzold

Ralf Petzold

Spanien gegen Deutschland, der Gewinner bekommt Mallorca, heißt es spöttisch in den sozialen Netzwerken. Beide Teams treffen bei der EM am Freitag aufeinander (5.7., 18 Uhr, ARD überträgt in Deutschland, RTVE in Spanien, ein Public Viewing in Palma gibt es nicht). Es geht nicht um die Insel, sondern um den Einzug ins Halbfinale. Die MZ hat Martina Voss-Tecklenburg um eine Einschätzung gebeten. Die 56-Jährige war bis vergangenen November Nationaltrainerin der DFB-Frauen. Ihr nächster Mallorca-Urlaub steht bereits Ende Juli an.

Wo schauen Sie das Viertelfinale?

Das ist vom Wetter abhängig. Ich hätte schon Bock, in einer Fanzone zu gucken. Für die Stadt Düsseldorf bin ich EM-Botschafterin. Vielleicht fahre ich dorthin, weil bei mir in der Heimat am Niederrhein gar nicht mal so viel Public Viewing angeboten wird. Allerdings werde ich auf den Fanmeilen immer angesprochen und kann mich kaum aufs Spiel konzentrieren. Die Alternative wäre, es in Ruhe daheim mit meinem Mann zu gucken.

Es heißt, Spanien gegen Deutschland sei das vorgezogene Finale. Sehen Sie das auch so?

Wenn man die aktuellen Leistungen beider Mannschaften sieht, haut das hin. Es sind die zwei stabilsten Teams der EM. Klar gab es auch mal ein paar Momente, wo nicht alles klappte. Vor allem bei den Deutschen. Beide stehen aber verdient im Viertelfinale.

Wie sind die Spanier zu knacken?

Ich glaube, Spanien ist dann verwundbar, wenn die deutsche Mannschaft ihnen ihr eigenes Spiel aufzwingen und Druck ausüben. So lässt sich mit einem Seitenwechsel vielleicht eine Eins-gegen-Eins-Situation auf dem Flügel kreieren. Da müssen wir mutig sein. Wobei es keinen wirklichen Schwachpunkt bei Spanien gibt. Es ist nicht mehr nur der klassische Ballbesitzfußball, der die Spanier in der Vergangenheit immer ausgezeichnet hat. Sie spielen ein gutes Pressing, setzen variabel auf Flanken, sind aber auch bereit, sich mal hinten einzuigeln. Es wird nicht viele Chancen für Deutschland geben. Die wenigen Möglichkeiten müssen wir nutzen. In der Effektivität haben wir aber Verbesserungspotenzial. Ich tippe übrigens, dass das Spiel erst im Elfmeterschießen entschieden wird.

Sané oder Wirtz ist die große Frage bei der deutschen Startelf. Der eine sucht seit Monaten seine Form, der andere war der beste Spieler der Bundesligasaison. Warum fällt die Entscheidung dennoch so schwer?

Es sind zwei unterschiedliche Spielertypen mit unterschiedlichen Stärken. Leroy Sané hat zu Beginn der Nagelsmann-Zeit bei den Bayern sehr gut gespielt. Beide haben eine enge Verbindung. Der Trainer macht ihm Mut und hilft ihm, aus dem Loch zu kommen. Sané sucht die Läufe in die Tiefe und zieht viele Fouls. Wirtz hingegen ist mehr in den sogenannten Halbräumen unterwegs und weniger ein klassischer Flügelspieler. Er läuft viel und hat ein gutes Gefühl für freie Räume. Ein Faktor ist auch, dass Wirtz als Einwechselspieler besser agiert als Sané. In der K.-o.-Phase muss der Trainer auch immer eine mögliche Verlängerung im Hinterkopf haben. Ich persönlich bin als Florian-Wirtz-Fan aber nicht sonderlich objektiv bei der Entscheidung.

Wie eng ist noch Ihr Kontakt zur deutschen Nationalmannschaft?

Früher hatten wir mit den Frauen zu den großen Turnieren immer Videobotschaften geschickt, um die Männer anzufeuern. Ich kenne Julian Nagelsmann, da er zu seiner Zeit bei den Bayern oft die Frauenspiele angeschaut hat. Heute habe ich aber keinen direkten Draht mehr zum Team und bin wie jeder Fan im Deutschland-Fieber.

Bei den Spaniern dreht sich alles um Supertalent Lamine Yamal. Ist der wirklich so gut?

Der Hype um ihn ist berechtigt. Wir dürfen aber nicht vergessen, dass der junge Mann gerade mal 16 Jahre alt ist. Es ist Wahnsinn, wie man in dem Alter so gut Fußball spielen kann. Trainer Luis de la Fuente tut gut daran, ihn immer mal wieder zu bremsen. Noch mehr als Yamal hat mich allerdings Nico Williams beeindruckt. Das ist ein Spieler mit einer unglaublichen Gier, zum Tor zu ziehen. Wenn die beiden auf dem Platz stehen, ist das ein Versprechen für die Zukunft der spanischen Nationalmannschaft.

Wie schafft es ein Trainer, dass er einen 16-Jährigen nicht verbrennt?

Rein körperlich ist die Belastung kein Thema. Das spielt keine Rolle. Dafür hat Yamal genügend Energie. Eine andere Sache ist die mentale Belastung. Da lastet viel Druck auf einen jungen Kerl. Wobei ich nicht das Gefühl habe, dass ihn das groß beschäftigt. Wie auf dem Schulhof kickt er mit einer Leichtigkeit, die nicht nach EM-Stress aussieht. Das ist einfach beeindruckend. Wir können das in Deutschland mit Wirtz oder Musiala vergleichen, wobei die noch einmal ein paar Jahre älter sind.

Yamal ist nach Bojan Krkic oder Ansu Fati der nächste junge Kerl aus der Barça-Talentschmiede, der mit Messi verglichen wird. Seine Vorgänger sind nach dem Hype ziemlich abgestürzt. Wie schafft ein Supertalent den Sprung zum Weltstar?

Geduld in erster Linie. Die Spieler dürfen mit 16 oder 17 Jahren nicht denken, dass es ohne Ende bergauf geht. Es werden Phasen kommen, in denen sie in ein Leistungsloch fallen. Dann müssen alle behutsam mit ihm umgehen. Seien es die Verantwortlichen im Verein, aber auch die Fans und die Presse. Auch Verletzungsprävention ist ein Thema. Junge Spieler denken oft, dass sie keine Erholungsphasen brauchen. Die muss man ihnen regelrecht aufzwingen. Ich habe es bei Lena Oberdorf hautnah erlebt. Sie hat eine fantastische EM 2022 gespielt, die Uefa zeichnete sie als beste Nachwuchsspielerin aus. Danach ist sie mental in ein Loch gefallen, Verletzungsprobleme kamen hinzu, und sie hat sich sehr viel Druck gemacht. Ich persönlich halte wenig von Vergleichen. Messi ist Messi, und Yamal ist Yamal. Jeder Spieler ist komplett individuell.

Wie geht es bei Ihnen beruflich in den nächsten Wochen weiter?

Ich bin für alles offen und sortiere meine Gedanken gerade. Ich kann mir eine beratende Rolle vorstellen, aber auch einen Trainerjob. Ein Posten im Männerfußball wäre cool. Außerhalb Deutschlands reizen mich Spanien und Italien im Frauenfußball.

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