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Wie ein Mallorquiner erfolgreicher Winzer und Rad-Weltmeister wurde, ohne Lust oder einen Plan zu haben

Einst gewann Joan Horrach eine Etappe beim Giro d’Italia. Später schulte er eher zufällig zum Winzer um. In seiner Freizeit fährt er weiter Rad – und sammelt Titel

Weltmeister und Winzer: Joan Horrach.

Weltmeister und Winzer: Joan Horrach. / Bendgens

Ralf Petzold

Ralf Petzold

Eigentlich hatte Joan Horrach anfangs nie so richtig Lust, auf das, was er letztlich erfolgreich tat. Als Kind wollte er Skateboarder werden – „so wie Tony Hawk“, der elfmalige Weltmeister. Sein Vater war Tischler, der Junge baute sich eine eigene Halfpipe in den Garten. Letztlich landete er dann aber beim Radsport und später beruflich beim Weinanbau. „Dabei mag ich Wein nicht einmal“, sagt der heute 50-Jährige. Seine Weltmeistertitel im Gravel, der Radsport-Variante über Feldwege, bezeichnet er gar als großen Fehler.

„Mein sechs Jahre älterer Bruder war leidenschaftlicher Radsportler. Er hatte ein Rad übrig, und so versuchte ich es als Jugendlicher halt auch einmal“, sagt Horrach. Wie so vieles, was er in seinem Leben angefasst hatte, gelang es ihm erstaunlich gut. Schnell wurden Radsporttrainer auf ihn aufmerksam und fragten, ob der Blondschopf aus Deià nicht bei Rennen mitfahren wolle. „Dabei hatte ich gar keine Lust darauf. Die ruhigen Ausfahrten gefielen mir viel besser“, sagt der.

Ein Schwindel trieb die Radsportkarriere an

Doch nicht Nein sagen zu können, ist seine größte Schwäche. Er ließ sich breitschlagen und meldete sich beim Radclub Caimari an. Mit 18 Jahren wohlgemerkt. Ein so später Einstieg wäre heutzutage undenkbar. „Mittlerweile suchen die Scouts schon nach zwölfjährigen Talenten, über die sie alle Daten haben“, sagt Joan Horrach. Ein Trainer empfahl den Mallorquiner für ein Team in Girona. Während seiner Zeit dort unterschrieb er einen Vorvertrag für einen weiteren Rennstall, der nur im Internet existierte. „Es war ein Schwindel, aber mir wurde klar, dass ich tatsächlich vom Radsport leben konnte“, sagt er. Horrach startete eine Profikarriere. Vier Jahre fuhr er für ein portugiesisches Team. 2004 heuerte er dann beim Rennstall Caisse d’Epargne an, dem heutigen Movistar.

Über die Helferrolle kam er zwar nie hinaus, er durfte aber mehrfach bei der Vuelta und dem Giro mitfahren. „Vor den Touren bekamen wir einen dicken Wälzer mit den Strategien“, erinnert sich Horrach. Auf den vermeintlich einfachen Etappen wurden die Helfer zuweilen von ihren Aufgaben entbunden. Sie durften dann beliebig attackieren. 2006, auf der zwölften Etappe des Giro d’Italia, schlug die Sternstunde des Insulaners. Er riss aus und konnte den Sieg einfahren. „Am nächsten Tag war ich aber wieder der Wasserträger. ‚ An die Arbeit, auf geht’s!‘, bekam ich zu hören“, sagt er.

Mal eben Wein angebaut

2012 beendete Horrach mit Ende 30 seine Profikarriere. Im Januar darauf nahm ihn das britische Team Madison Genesis noch einmal für einen Tag unter Vertrag, um bei der Challenge auf der Insel mit einem Mallorquiner an den Start gehen zu können. Im Anschluss arbeitete Horrach punktuell als Sportdirektor für die Briten. Seinen Lebensunterhalt verdiente er sich als Ferienvermieter und Inhaber eines Radsportladens in Bunyola.

2017 lernte er den Dänen Søren Svenningsen kennen, der eine Radtour bei ihm buchte. Die beiden verstanden sich gut und blieben in Kontakt. Horrach heiratete und zog nach Biniali ins Inselinnere. Auf der Finca fand er Beete und Felder vor, die brachlagen. Ein bisschen Wein anbauen, das sähe doch nett aus, dachte er sich. Svenningsen suchte sich eine Finca in der Nachbarschaft. Das Duo kaufte weitere Grundstücke und realisierte sich als Hobbygärtner. „Wir haben es ziemlich übertrieben“, sagt Horrach. „Plötzlich standen wir mit 3.500 Quadratmetern da.“

Da weder der Däne noch der Mallorquiner einen Plan hatten, wie man Wein anbaut, holten sie Önologen mit an Bord. Die Bodega Binivista war geboren. „Im vergangenen Jahr haben wir 94.000 Flaschen Wein abgefüllt. Es gibt nur fünf Bodegas auf Mallorca, die größer sind“, sagt Joan Horrach. Der Vertrieb erfolgt über ein Abonnement-Modell: Für 1.000 Euro im Jahr erhalten die „Mitglieder“ der Bodega 42 Flaschen.

Die Feldwege mit dem Rad erkunden

Joan Horrach hat mittlerweile Gefallen am Weinanbau gefunden. „Er erinnert mich an die Zeiten im Radsport. Auf stressige Phasen folgt viel Freiraum.“ Die Freizeit nutzte Horrach, um Fahrrad zu fahren. „Allerdings kannte ich schon alle asphaltierten Straßen in- und auswendig“, sagt er. Da kam ihm der Gravel-Boom gerade recht. Die Radsportvariante mit den dickeren Reifen, um über Schotterpisten zu fahren, kam in den USA auf und findet seit einigen Jahren auch in Europa immer mehr Anhänger – wie beim Berglauf-Trend zieht es die Radfahrer verstärkt von den Straßen weg. „Wobei das mit dem Schotter relativ ist“, sagt Joan Horrach. Auf der Insel gebe es wenig längere Strecken. Daher seien die Routen eher ein Mix aus Straße, Feldweg und Schotter. Viele dieser Strecken, die sich heute in Apps herunterladen lassen, haben Joan Horrach und seine Freunde erkundet.

Vor zwei Jahren sprang dann auch der Weltradsportverband UCI auf den Gravel-Zug auf. „Einzig, um Geld zu machen“, meint Joan Horrach. Die Freunde fragten ihn, ob er sich nicht mit ihnen zur neuen WM anmelden wolle, und er konnte mal wieder nicht Nein sagen. „Der Kampfgeist von früher kam wieder hoch. Doch das war ein Fehler, weil ich aus der Nummer nicht mehr rauskam“, sagt er. Direkt bei der Premiere wurde der Mallorquiner in seiner Altersklasse Weltmeister. Die Freude währte nur kurz. „Die Gravel-Series führt unter anderem über Kenia, Island oder Australien“, erklärt Horrach. „Entweder man hat im Lotto gewonnen oder man hat Sponsoren, um sich das leisten zu können. Als amtierender Titelträger konnte ich jedoch schlecht aufhören.“

So nahm Horrach die Rennen mit, die er bezahlen konnte. Anfang des Monats holte er in Belgien erneut den WM-Titel – und fühlt sich dennoch nicht wirklich als Weltmeister, schließlich hätten unter den 228 Teilnehmern seiner Altersgruppe ja auch einige Australier gefehlt: „Die legen auch keine Weltreise für ein WM-Rennen hin.“ Joan Horrach ist überzeugt davon, dass es seine letzte Teilnahme war. „Ich fahre jetzt nur noch, um die Landschaft zu genießen“, sagt er. Bleibt abzuwarten, ob er genauso standhaft ist, wenn seine Freunde das nächste Mal fragen.

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