Zum Hauptinhalt springenZum Seitenende springen

Warum Real Mallorcas Europapokal-Träume derzeit auf einem Geisterfahrer beruhen

Stürmer Cyle Larin galt lange als Transferflop. Nun scheint der Kanadier beim Erstligisten angekommen zu sein. Nicht das erste Mal, dass er sich verfuhr

Cyle Larin bejubelt seinen Treffer mit den Teamkollegen.   | FOTO: RCDM

Cyle Larin bejubelt seinen Treffer mit den Teamkollegen. | FOTO: RCDM

Folgen Sie uns bereits?Marken Sie uns als bevorzugte Medien
Hinzufügen zu Google
Ralf Petzold

Ralf Petzold

Florida, Juni 2017: Der damals 22-jährige Fußballer Cyle Larin fährt betrunken mit dem Auto von einem Nachtclub heim – auf der falschen Straßenseite. Als die Polizei ihn anhält, wähnte sich der Kanadier nach eigener Aussage in einer Einbahnstraße. Etwas verdutzt verweist der Beamte auf die vier Spuren und darauf, dass Larin zuvor mehrere Autos entgegengekommen seien. Die kleine Anekdote steht sinnbildlich für die Zeit des Angreifers bei Real Mallorca. Gut ein Jahr lang fuhr Larin in die falsche Richtung. Mit einem Doppelpack beim 2:1-Sieg gegen Girona am Samstag (14.12.) scheint der 29-Jährige endlich auf der richtigen Spur gelandet zu sein.

Der 1,88 Meter große Stürmer ist ein klassischer Torjäger. Er ist flink und kommt so oft zu Chancen. Im Strafraum sucht er schnell den Abschluss. Ob mit rechts, links oder dem Kopf spielt dabei eine untergeordnete Rolle. Schon als Kind träumte er von einer Karriere in Europa. Aus Probetrainings bei Hertha BSC, Werder Bremen oder dem VfL Wolfsburg entwickelte sich aber keine Verpflichtung. So arbeitete sich der lange Schlaks in Nordamerika zum Profi hoch. Er zog in die USA und ging dort aufs College. 2015 wählte ihn der MLS-Club Orlando City an erster Stelle beim Draft – dem Auswahlverfahren für Nachwuchsspieler. Diese Ehre war bislang keinem Kanadier zuteil geworden. Wenn er nicht gerade mit dem Auto als Geisterfahrer unterwegs war, netzte er regelmäßig ein. 43 Treffer in 87 Spielen in der höchsten US-amerikanischen Spielklasse waren eine beeindruckende Quote.

Wechsel in die Türkei

Das dachte sich auch der türkische Spitzenclub Besiktas Istanbul, der Larin im Januar 2018 für knapp zwei Millionen Euro verpflichtete. Der Kanadier kam, sah und traf direkt beim ersten Einsatz. Dennoch blieb er in der Rückrunde beim Champions-League-Team Ersatzspieler. Nur zwei Mal stand er in der Startelf, zwei weitere Male wurde er kurz vor Schluss eingewechselt. Summa summarum vier Spiele, Larins Ausbeute: vier Tore. Die Türken beschlossen dennoch, ihn zu verleihen.

Weiter ging es beim damaligen belgischen Erstligisten Zulte Waregem. Larin war direkt unangefochtener Stammspieler und entwickelte neben seinem Torriecher Qualitäten als Vorlagengeber. Nach dem erfolgreichen Jahr durfte der Angreifer auch endlich bei Besiktas ran. Im Durchschnitt traf der Fußballer aus Ontario in jedem zweiten Spiel. „Es ist Instinkt. Ich weiß, wo ich als Stürmer zu stehen habe“, sagte er mal über seine Fähigkeiten. Das Aus in der Qualifikation sowohl zur Champions League als auch zur Europa League konnte er aber nicht verhindern. Internationale Einsätze sammelte der 78-fache Nationalspieler bis dato nur mit seinem Land.

Ex-Dortmunder klaute ihm den Startelfplatz

Dann war in der Saison 2021/2022 plötzlich ein wenig der Wurm drin. Mit dem Ex-Dortmunder Michy Batshuayi bekam Larin einen starken Konkurrenten vor die Nase gesetzt. Immer seltener durfte er in vorderster Front ran. Larin musste auf die Flügel ausweichen. Zudem bremsten den Kanadier kleinere Verletzungen. Er ließ seinen Vertrag zum Saisonende auslaufen und kehrte nach Belgien zurück. Doch beim FC Brügge fand der Stürmer ebenso wenig Glück. Nach nur einem Startelfeinsatz, bei dem er selbstredend traf, lief es mal wieder auf eine Leihe hinaus.

Cyle Larin hat oft Grund zum Jubeln. | FOTO: LARREINA

Cyle Larin im Trikot von Valladolid. / Larreina

So kam Larin nach Spanien. Beim Ronaldo-Club Valladolid bog er auf die richtige Spur ab. Acht Tore und drei Vorlagen in der Rückrunde konnten zwar den Abstieg nicht verhindern, bescherten dem Team aber eine nette Summe. Valladolid zog eine Option zur festen Verpflichtung in Höhe von 1,5 Millionen Euro und bekam einen Monat später von Real Mallorca 7,5 Millionen Euro überwiesen. Nur für Vedat Muriqi und Sergi Darder (je acht Millionen Euro) zahlte der Inselclub in seiner Geschichte höhere Ablösen.

Entsprechend hoch waren die Erwartungen und entsprechend hoch die Enttäuschung, als statt dem Torjäger der Geisterfahrer auftauchte. Larin verkam immer mehr zum Chancentod. Satte 35 Mal stand er in der vergangenen Spielzeit auf dem Platz, nur drei Mal netzte er ein. Der Stürmer galt bereits als Flop und Verkaufskandidat im Sommer.

Trainerwechsel half ihm

Nach dem Trainerwechsel von Javier Aguirre zu Jagoba Arrasate im Sommer spielte Real Mallorca offensiver. Es stellte sich nicht länger die Frage, ob Larin oder Muriqi aufläuft. Mittlerweile harmonieren sie als Doppelspitze. So zu sehen beim Ausgleich nach dem frühen Rückstand gegen Girona. Larin setzte sich mit seinem Tempo durch, spielte einen Doppelpass mit Muriqi und traf eiskalt nach bester Stürmermanier.

In den kommenden Wochen muss der Kanadier auf seinen Partner verzichten. Muriqi sah für ein Foulspiel die rote Karte. Ärgerlich für Real Mallorca: Girona foulte wenig später auf ähnliche Weise, kam aber ohne Platzverweis davon. Dass der Inselclub das Spiel in Unterzahl noch gänzlich drehte, ist einem Kraftakt Larins zu verdanken. Der Angreifer setzte den gegnerischen Torwart unter Druck und grätschte dazwischen, als der den Ball gerade wegspielen wollte. Der Keeper schoss den Stürmer an, und das Spielgerät landete im Tor. Es ist Larins vierter Treffer in dieser Saison. Somit hat er schon mehr als in der kompletten Spielzeit zuvor. „Seit ich hier bin, war es eines meiner besten Spiele“, sagte der Angreifer im Anschluss an den Sieg.

Zum Abschluss der Hinrunde trifft Real Mallorca am Samstag (21.12.) auswärts auf Getafe. Es ist gleichzeitig das letzte Spiel des Jahres für den Inselclub. Die Mallorquiner sind Favorit und wollen weiter von der Teilnahme am europäischen Wettbewerb träumen. Mit dem fünften Platz, den das Team derzeit belegt, wäre die Qualifikation für die Europa League erreicht. Allerdings hat Real Mallorca auch zwei Spiele mehr als Villarreal absolviert, die einen Punkt dahinter lauern. Die Entwicklung bei den Teufelskickern geht auf jeden Fall in die richtige Richtung. Eine Geisterfahrt gen Abstiegskampf ist derzeit kaum denkbar.

Abonnieren, um zu lesen

Tracking Pixel Contents